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Pöltner: Keine Neuauflage Glaube vs. Wissenschaft

Schöpfungstheologie ist weder eine primitive Vorstufe noch eine Konkurrenzveranstaltung der Evolutionstheorie.

Die Reaktionen einzelner Wissenschaftler auf den Artikel Kardinal Schönborns in der New York Times können in der Tat nicht unwidersprochen bleiben. Da war die Rede von einer Attacke auf die Wissenschaft, die einen Rückfall in die Gegenreformation bedeute, oder von einem Kulturkampf zwischen Fundamentalismus und Aufklärung bzw. davon, dass der Kardinal alle Naturwissenschaftler vor den Kopf gestoßen hätte. Wirklich alle - oder nur die mit mangelndem Methodenbewusstsein?

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat einmal bemerkt, die Naturwissenschaft verdanke ihren Erfolg unter anderem dem Nicht-Stellen gewisser Fragen. Solche Fragen betreffen die Voraussetzungen eines naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, die sich eben deshalb einem naturwissenschaftlichen Zugriff nicht bloß vorläufig, sondern prinzipiell entziehen.

Am Anfang steht eine Abstraktion: Die Naturwissenschaft erforscht eine von vornherein methodisch reduzierte Wirklichkeit. Die strenge Selbstbindung an diese Abstraktion macht das Methodische und die Erfolgsbedingung naturwissenschaftlicher Wirklichkeitserforschung aus.

Was allerdings von allem Anfang an ausgeblendet worden ist - die lebenspraktische Wirklichkeitserfahrung mit allem, was sie uns zu denken gibt -, kann innerhalb des gewählten Blickwinkels nie mehr vorkommen. Die Naturwissenschaften haben es nicht mit unseren Wirklichkeitserfahrungen, sondern mit deren faktischen Bedingungen zu tun. Wer deshalb Entstehungsbedingungen erklärt hat, hat noch nicht das Entstandene begriffen.

Was erklärt wird, hängt davon ab, wie das zu Erklärende vorher definiert worden ist. Naturwissenschaftliche Resultate und Erfolge können von sich aus weder schon etwas über die Legitimität des Gesichtspunktes aussagen, unter dem sie gewonnen worden sind, noch etwas über den Stellenwert ausmachen, den das methodisch Ausgeklammerte im Ganzen menschlicher Lebenspraxis besitzt. Die naturwissenschaftliche Rationalität ist weder die einzige noch die maßgebliche Form von Rationalität. Und ebenso wenig ist die naturwissenschaftlich erforschbare Realität die maßgebliche, sondern die von der naturwissenschaftlichen Methode zugelassene Realität.

Die übliche Debatte um Evolution und Schöpfung geht von der falschen Voraussetzung aus, es würde sich bei beidem um alternative Theorien handeln. Die biblisch-theologische Rede von Schöpfung liefert jedoch keine Entstehungsgeschichte eines naturwissenschaftlich beschreibbaren Jetztzustandes der Welt. Sie hat ihren Anlass in genau dem, dessen Ausschaltung naturwissenschaftliche Forschung überhaupt erst in Gang bringt. "Schöpfung" deutet die Betroffenheit, in die der Mensch durch das Abgründige des Wirklichen insgesamt gerät.

Vom Wirklichkeitsganzen kann es keine Entstehungsgeschichte mehr geben. Jede Entstehung von etwas aus etwas - sei es auf dem Weg von Mutation, Selektion oder was auch immer - setzt das überhaupt Sein-Können von etwas voraus. Wer es anders meint, hat das Problem noch nicht verstanden. Schöpfungstheologie ist weder eine primitive Vorstufe noch eine Konkurrenzveranstaltung der Evolutionstheorie. Dass für eine Evolutionstheorie Gott als Erklärungsinstanz überflüssig ist, ist ja nur ein anderer Ausdruck ihres methodischen Reduktionismus.

Die Evolutionstheorie ist als naturwissenschaftliche Theorie neutral. Sie bleibt es so lange, als sie sich ihrer methodischen Beschränktheit bewusst bleibt. Wo das nicht der Fall ist und der methodische Reduktionismus zu einer Theorie der Gesamtwirklichkeit totalisiert wird, wird aus der Evolutionstheorie die Ideologie des Evolutionismus. Zeichen dieser Totalisierung ist u. a. die Einengung menschlicher Erfahrung auf den naturwissenschaftlichen Erfahrungsbegriff, die Verwechslung funktionaler Abhängigkeiten mit Kausalrelationen, die funktionalistische Umdeutung von Religion, schließlich die Etablierung einer neuen Mythologie, der Gehirnmythologie, nach der nicht jemand denkt, sondern jemandes Gehirn. Der Evolutionismus ist keine naturwissenschaftliche Theorie, sondern eine Extrapolation, deren Auseinandersetzung unter philosophischen Kriterien steht. Die Meinung, es gehe um eine Neuauflage Glaube versus Wissenschaft, verkennt das.

Deshalb ist eine Theologie nicht aus ihrer philosophischen Pflicht entlassen. Es genügt nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse bloß zur Kenntnis zu nehmen. Es kommt auf die kritische Prüfung ihrer Gewinnung an. Anderenfalls entgeht einem die Möglichkeit, zwischen wissenschaftlichen Aussagen und illegitimen Extrapolationen zu unterscheiden. Ohne philosophische Kritik des Evolutionismus bleibt die Berufung auf eine göttliche Offenbarung eine bloße Versicherung, die ihrem Widerpart nichts voraus hat.

meinung@diepresse.com

 

Dr. Günther Pöltner ist Universitätsprofessor am Institut für Philosophie an der Universität Wien, stellvertretender Vorsitzender der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt und Mitglied der Päpstlichen Akademie.