Wenn Winzer zu außergewöhnlichen Ausdrucksformen greifen, dann hat das nichts mit einem Faschingsscherz zu tun. Hinter der vermeintlichen Maskerade steckt Ernsthaftigkeit.
Toni Söllner ist kein Mann der großen Worte. Auf den Weinmessen sucht man ihn meist vergebens. Der Winzer aus Gösing am Wagram mag öffentliche Auftritte nicht. Trotzdem gelang ihm im Vorjahr mit dem Roten Veltliner „Irden“ ein wahrer PR-Coup. Söllner verpackte den Weißwein nicht in eine herkömmliche Glasflasche, sondern in eine aus Steinzeug. Schnell war klar: In der außergewöhnlichen Flasche steckt ein exzellenter Wein.
Söllners Intention war es nicht, einen PR-Gag zu landen. Es war das Streben nach höherer Qualität und Ursprünglichkeit, das ihn leitete. Das Ehepaar Daniela Vigne und Toni Söllner führte schon biologische Landwirtschaft, als bio noch nicht modern war.
Und die Sache mit den Steingutbehältern? „Die hab ich auf einem Flohmarkt gefunden“, erzählt Söllner. Acht 1000-Liter-Gebinde auf einem Flohmarkt? Eine halbe Ewigkeit habe er über Alternativen zu Edelstahltank und Holzfass nachgedacht. Die Lösung hatte er täglich vor Augen. Immer wenn er auf der S5 am Betriebsgelände eines Getränkehändlers vorbeifuhr, sah er diese großen Gefäße am Straßenrand, die zum Verkauf angeboten wurden. Die alten Behälter waren das Vermächtnis einer alten Wiener Destillerie. Früher wurde Bourbon darin gelagert. Der Händler wollte die Dinger einfach nur loswerden. Irgendwann bog Söllner ab, um sich das Steinzeug näher anzusehen.
Steinzeug wird aus Ton, Quarz und Feldspat hergestellt und ist geschmacks- und geruchsneutral. Den darin vergorenen Wein auch in Steinzeugflaschen zu füllen, sei nur die konsequente Fortsetzung des Experiments gewesen, sagt Söllner. Experiment gelungen: Die 800 Flaschen, die er vergangenen Sommer auf den Markt brachte, waren binnen 14 Tagen ausverkauft.
Selbstverständnis. „Eigentlich sind wir Künstler“, sagten sich Brigitte und Gerhard Pittnauer aus Gols vor einigen Jahren. Kaum ein österreichisches Winzerpaar geriert sich so exaltiert. Die beiden zelebrieren die Extravaganz. Weißer Anzug, schwarze Sonnenbrille, so präsentiert Pittnauer mitunter seine Weine. Die Etiketten wurden vom Künstler Tobias Hermeling entworfen und erinnern eher an Comicstrips als an elegante Rotweine aus dem Nordburgenland. Und dann erst die Website! Kein Winzer in diesem Land hat so einen durchgeknallten Internetauftritt.
Wieso dieses schrille Erscheinungsbild? „Es hat damit zu tun, dass wir seit 2006 biodynamisch arbeiten“, erzählt Gerhard Pittnauer. Während andere Biowinzer immerzu betonen, „so wenig wie möglich in die Natur“ einzugreifen, sagt Pittnauer: „Die Natur produziert nix. Da gehört schon der Mensch auch dazu.“
Pittnauer geht sogar noch einen Schritt weiter. Nicht nur das menschliche Tun verändere die Natur und damit das Naturprodukt Wein, sagt er. „Ich bin davon überzeugt, dass wir die Weine mental beeinflussen.“ Ein großer Roman lebe vom seelischen Zustand des Autors. Und ein großer Wein spiegle das Wesen des Winzers wider, betont Pittnauer. Seine Weine, allen voran die Burgendersorten Pinot Noir und St. Laurent, stehen vor allem für das, was sich hinter der schrillen Fassade der Pittnauers verbirgt: Ernsthaftigkeit und Klasse.
Namensliste. Timotheus, Joschuari, Wiltrude, Mechthild, Bertholdi. Die Namen entstammen weder einer Wagner-Oper noch einem der aktuell so angesagten Vampirromane. Es handelt sich vielmehr um Weine des Guts Oggau. Stephanie Tscheppe-Eselböck und Eduard Tscheppe übernahmen 2007 das alte Weingut. Die Weingärten sind überall verstreut. Lauter kleine Flecken. „Uns war schnell klar, dass wir nicht Sorten, sondern Lagen unterscheiden müssen“, erzählt Eduard Tscheppe.
Und weil jeder Lagenwein „über eine einzigartige Persönlichkeit verfügt“, wurden die Weine einfach personalisiert. Jede Etikette ziert ein Gesicht. Bertholdi etwa ist ein lebenserfahrener älterer Herr, Theodora eine „kecke, aber symphatische junge Dame“. So modern das Erscheinungsbild, so „retro“ die Weinbereitung. So wie die Aufmachung polarisieren auch die Weine. Es sind keine „Everybody’s-Darling-Weine“, sagt Tscheppe. Vor allem in der gehobenen Gastronomie sind seine Weine gefragt. „Die Sommeliers wollen den Gästen nicht nur gute Weine, sondern auch eine gute Geschichte präsentieren “, weiß Eduard Tscheppe. Von wegen maskierte Weine. Das Außergewöhnliche wirkt auf das Gewöhnliche schon immer entlarvend.