Schnellauswahl

Sexismus im Alltag: Frauen schreien auf

Wie aus der schlüpfrigen Bemerkung eines deutschen Politikers ein wütender Aufschreitausender Frauen im Internet wurde.

Ein Abend an einer Hotelbar kann zuweilen ein Leben verändern. Oder aber ein ganzes Land. Konkret und aktuell: Deutschland. Was die junge „Stern“-Redakteurin Laura Himmelreich über ihre Erlebnisse mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle berichtet, ist nicht bewiesen, aber glaubwürdig, nicht spektakulär, aber bezeichnend. Ein Machtmensch der alten Garde schaut in lockerer Runde erst tief ins Weinglas und dann tief ins Dekolleté einer Nachwuchsjournalistin. Sie will über Politik sprechen, er sucht den derben Flirt nach Feierabend. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen“, stellt der damalige Fraktionsvorsitzende der Liberalen fest. Es folgen ein paar anzügliche Galanterien und spitzbübische Avancen. Zum Abschied kommt er ihr körperlich zu nahe, sie weicht zurück, Brüderles Sprecherin greift ein, schickt den angeheiterten Schwerenöter ins Bett. Ein Stück Alltagssexismus, wie es in Deutschland viele Frauen erleben, ertragen und meist schamhaft verschweigen. Wie vorerst auch Himmelreich.


Tabubruch. Erst ein gutes Jahr später nimmt sie die Episode zum Ausgangspunkt für einen Artikel über den Politiker, der soeben zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl aufgestiegen ist. „Der Herrenwitz“, wie sie das Porträt betitelt, provoziert beim Erscheinen des „Stern“ am Donnerstag gleich heftige Reflexe. Alle spüren: Ein Tabu ist gebrochen. Parteifreunde nehmen Brüderle in Schutz. Unprofessionell und abwegig, ein durchsichtiges und primitives Kalkül sei es, ausgerechnet jetzt diese Belästigung „hervorzukramen“. Der „Stern“-Chefredakteur verteidigt seine Mitarbeiterin: Sie habe das chauvinistische Balzverhalten des 67-Jährigen ein Jahr über beobachtet. Jetzt, da er im Rampenlicht steht, habe die Öffentlichkeit ein Recht, auch Persönliches über den „spitzen Kandidaten“ zu erfahren. Viel mehr Belastungsmaterial hat Himmelreich nicht zu bieten. Aber ihre Story bekommt rasch ein Eigenleben. Politiker aus der zweiten Reihe kommentieren die Sexismusvorwürfe offen sexistisch. Die Autorin habe „halt 'ne rege Fantasie. Da ist der Wunsch der Vater des Gedanken“, twittert etwa ein junger Liberaler.

Da kippt die Stimmung: Wütend glossieren zahlreiche Frauen der schreibenden Zunft gegen die Zumutung, dass wieder einmal ein Opfer zum Täter gestempelt wird. Der Tenor: Sexismus und sexuelle Belästigung sind in der deutschen Gesellschaft längst nicht überwunden, auch nicht mit einer Kanzlerin an der Spitze. Hinter der korrekten Fassade werden Frauen weiter eifrig begrapscht, blöd angemacht, mit schalen Witzchen auf ihr Äußeres reduziert. Nicht mehr in der Pressekonferenz oder im Meeting, aber immer noch abends an der Bar. Das Bild wird breiter. Es geht nicht nur um die FDP: Schon Mitte Jänner hat eine „Spiegel“-Redakteurin geschildert, wie Piraten sie als „Prostituierte“ mundtot machen wollten, mit dem breit gestreuten Gerücht, sie habe mit einem Informanten aus der Partei eine heiße Affäre. Es geht nicht nur um die Politik: Überall, wo es ein Machtgefälle gibt, findet Sexismus statt, somit im gesamten Berufsleben.


Diskriminierung und Übergriffe. Plötzlich erwächst aus der abstrakten These eine große Erzählung, die sich aus tausenden Erlebnissen speist: Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wird in der Nacht auf Freitag nach britischem Vorbild der Hashtag „#aufschrei“ lanciert. Nicole von Horst (siehe Interview rechts unten) und Anne Wizorek, zwei junge Frauen aus Deutschland, twittern über eigene Erfahrungen – und seit Freitagfrüh treffen im Sekundentakt Eintragungen von tausenden Frauen ein, die über Beleidigungen, Diskriminierungen und Übergriffe berichten. In Windeseile ist #aufschrei deutschlandweit der meistgenannte Begriff – und einer der zehn wichtigsten weltweit – bald folgten auch aus dem nicht deutschsprachigen Raum die ersten Tweets unter den Hashtags #outcry und #shoutingback.

Es sind Erfahrungen, die Frauen bisher stumm mit sich herumgeschleppt haben. Von Turnlehrern, die den Schülerinnen am Reck ein bisschen zu auffällig halfen. Von Taxifahrern, die für ein „Küsschen“ einen Rabatt geben wollten. Vom Arzt, „der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag“. Es ist eine Mischung aus Wut über das Erlebte und der Erleichterung, bisher Ungesagtes endlich aussprechen zu können – aber auch das Gefühl, dass man mit all den schlechten Erfahrungen nicht allein ist, dass es auch andere gibt, die ganz Ähnliches durchmachen mussten. Aber es gibt auch diejenigen, die sich im #aufschrei nur zu Beiträgen durchringen können, dass sie nicht die Kraft oder den Mut haben, über das Erlebte zu sprechen. Und auch, dass es zu viel verlangt sei, all die Emotionen in einen Text von gerade einmal 140 Zeichen zu pressen.


Gewalt oder Sexismus? Sie machen betroffen, all die Schilderungen, wie Frauen Opfer sexueller Gewalt wurden. Und doch sind sie nur ein Teil, bilden sie nicht alles ab, was die Frauen zum Aufschreien bringt. Oft ist es auch einfach Sexismus im Alltag. Da muss gar nicht unbedingt zu tief in einen Ausschnitt geschaut, die Hand ein Stück zu auffällig nebensächlich auf den Oberschenkel gelegt werden – oft reichen beiläufige Kommentare, kleine Gesten weitab jeglichen sexuellen Verhaltens. Wenn etwa ein Lehrer einer Schülerin sagt, dass sie Mathematik nicht verstehen müsse – sie werde sich ja ohnehin bald nur mehr um ein Kind kümmern müssen. Wenn ein Vorgesetzter jede Kritik an einer Mitarbeiterin mit der Anrede „Kinderl..“ beginnt. Wenn die einzige Frau in einem Team vom Vorstand ganz automatisch für eine Sekretärin gehalten wird. Es sind ganz alltägliche Dinge, in denen ganz selbstverständlich mitschwingt, dass Frauen eben doch nicht als gleichwertig betrachtet werden. Dass der #aufschrei eine Bandbreite von der beiläufigen sexistischen Meldung bis zur Vergewaltigung hat, dass geschmacklose Worte und schwere Verbrechen unter einem Begriff subsumiert werden, sorgt dann auch für Kritik. Nicht nur, aber auch von Männern, die sich ins Eck gedrängt fühlen. Und die nicht einsehen, dass sie wegen einer schlüpfrigen Bemerkung mit Sexualverbrechern auf eine Stufe gestellt werden sollen. Wiewohl die männlichen Reaktionen auf den #aufschrei ohnehin eine Sache für sich sind. Die Reaktionen auf Twitter reichen von Verständnis und tiefer Betroffenheit („Ich möchte mich nicht schämen ein Hetero-Mann zu sein. Aber langsam fange ich an“) über die Kritik an einseitigen Darstellungen und Schuldzuweisungen bis zu offener Feindseligkeit und tiefster Verachtung („Dämliche Schnepfen, die an ihrem Schicksal SELBST Schuld sind, aber ständig diese bei irgendeinem Mann suchen“).

Die Debatte hat sich recht bald vom eigentlichen Ursprung, dem schlüpfrigen Verhalten eines deutschen Politikers, entfernt. Die Zahl der Reaktionen zeigt, dass die Diskussion über alltäglichen Sexismus einen Nerv getroffen hat. Und die Dimension, die der #aufschrei erreicht hat, machte auch bald die Massenmedien aufmerksam, erweiterte die Bühne von der elektronischen Plattform auf weite Teile der Gesellschaft. Wie lange sich die Diskussion hier halten wird – und vor allem, ob sich dadurch an den Missständen etwas ändern wird, das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Denn die Gefahr, dass der #aufschrei bald wieder verhallt, die besteht durchaus – allzu oft waren Hypes aus dem Internet schnell vergessen, zog die Karawane der Aufmerksamkeit wieder weiter. Aber vielleicht bleibt ja ein wenig Bewusstsein dafür hängen, wie Sexismus aussehen kann. Und vielleicht hilft die Debatte auch, ein Gefühl zu entwickeln, welches Verhalten angemessen ist – und was man eben nicht tun sollte. Sei es in einer Beziehung, sei es gegenüber Freunden – oder auch gegenüber Fremden an einem Abend in einer Hotelbar.

Hashtag & Co.

Twitter
Internetplattform, auf der Nutzer Nachrichten (Tweets) mit maximal 140 Zeichen schreiben können. Twitter bedeutet „Gezwitscher“.

Hashtag
Mit einem Doppelkreuz # (engl. „hash“) markierter Eintrag auf Twitter, der Nachrichten einem bestimmten Thema (Topic) zuordnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)