Gregor Schlierenzauer egalisiert mit dem 46. Weltcupsieg am Samstag beim Skifliegen in Vikersund die Bestmarke des Finnen Matti Nykänen. Der Slowene Robert Kranjec verhindert Nummer 47.
Vikersund/Wien. Gregor Schlierenzauer ist seit diesem Wochenende die Nummereins im Skisprungzirkus. Der Stubaier feierte am Samstag beim Skifliegen in Vikersund seinen 46. Weltcupsieg und egalisierte damit die Bestmarke des Finnen Matti Nykänen. Ausgelassen feierte der Tiroler diesen Triumph, auf die alleinige Vorherrschaft muss er jedoch noch weiter warten. Am Sonntag wurde Schlierenzauer mit Flügen auf 219 und 225 Meter „nur“ Dritter. Den Tagessieg sicherte sich Weltmeister Robert Kranjec (SLO; 231,5/230).
Schlierenzauer ist erst 23 Jahre alt und hat es wie einst Nykänen (1981–1988) in nur sieben Jahren (2006–2013) geschafft, sich an die Spitze zu setzen. Er hat zweimal die Tournee gewonnen, ist fünfmaliger Weltmeister und freut sich über vier Goldmedaillen, die er bei Skiflug-Events gewinnen konnte. Nur noch eine Medaille fehlt in seiner Sammlung: Olympiagold. „Das ist mein großes Ziel, ich will in Sotschi Gold gewinnen. Ich empfinde meinen Erfolg als Privileg, aber diese Medaille will ich auch noch unbedingt gewinnen.“
Im Augenblick des Erfolges beanspruchen Sieger zumeist die volle Aufmerksamkeit für sich. Doch Schlierenzauer legt besonderen Wert darauf, dass auch seine Wegbegleiter wie Heimtrainer Markus Maurberger oder Serviceleute nicht übersehen werden. Auch wolle und werde er nichts an seinem Auftreten verändern, Rekord hin oder her. „Es war ein besonderer Tag, zu dem nicht jeder in der Karriere die Möglichkeit hat. Es ist mein persönlicher Meilenstein, aber ich bleibe auf dem Boden.“
Nykänen auf Tauchstation
Während Schlierenzauer seinen Erfolg auskostet, ist der ehemalige Rekordhalter unauffindbar. Matti Nykänen hat seine Handynummer geändert, Freundin Susanna ließ sämtliche Anrufe und E-Mails unbeantwortet. Auch Finnlands Medien wissen nicht, wo sich das 49-jährige Schanzenidol aufhält. Nykänen sagte sogar zwei Konzerte kurzfristig ab.
Nykänens Lebenswandel ist bekannt, doch seit der Verbüßung aller Haftstrafen schien der Finne geläutert. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin in Jyväskylä, 270 Kilometer nördlich von Helsinki. Eskapaden sind keine mehr überliefert und vergangene Woche machte er bei einer Gala in Helsinki, bei der er für die Verdienste um den finnischen Sport ausgezeichnet wurde, einen blendenden Eindruck. Dass er aus gekränktem Stolz, nicht mehr alleiniger Rekordhalter zu sein, auf Tauchstation gegangen sein könnte, wollte ein Wegbegleiter auf „Presse“-Anfrage nicht kommentieren.
Der Finne ist von Schlierenzauer angetan, sein Sprungstil imponiere ihm. Nykänen lief dem Stubaier sogar einmal auf dem Flughafen Vantaa in die Arme und bat sofort um ein Autogramm. Und in einem „Welt“-Interview sagte er: „Natürlich ist mir der Rekord wichtig, aber die Olympiamedaillen und WM-Titel sind mir wichtiger. Der Rekord ist ein Bonus. Gregor ist ein großartiger Springer – es wäre völlig okay, wenn er sich den Rekord holt. Ich würde mich für ihn freuen.“
Ernüchternd war allerdings erneut der Auftritt des restlichen ÖSV-Teams in Vikersund. Loitzl wurde Zwölfter, Koch 16., Hayböck 18. Kofler und Morgenstern pausierten aufgrund anhaltender Formschwäche. Dieses Tief lässt für die WM in Val di Fiemme (ab 20. Februar) viele Fragen offen.
Gregor Schlierenzauer ist seit diesem Wochenende neben dem Finnen Matti Nykänen der erfolgreichste Athlet im Skisprungweltcup. Beide haben 46 Siege zu Buche stehen – es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der 23-jährige Stubaier alleiniger Rekordhalter sein wird. Vielleicht gelingt es ihm schon bei der nächsten Station in Harrachov (ab 1. Februar). Manuel Fettner landete beim Kontinentalcup in Neustadt auf Rang zwei.
Der Wiener Mario Mendel, 16, gewann am Sonntag den Austria-Cup in Hinzenbach.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2013)