Energiewende erweckt alte Ölkraftwerke zum Leben

Symbolbild(c) AP (MARTIN MEISSNER)

Weht in Deutschland der Wind zu stark, muss Österreich mit teuren und ineffizienten Ölkraftwerken einspringen, um das deutsche Netz zu stabilisieren. Die Europäische Union fordert ein Umdenken.

Wien. „Die deutsche Energiewende steht kurz vor dem Scheitern.“ Mit diesen Worten kommentierte Wolfgang Anzengruber, Chef des größten heimischen Stromkonzerns Verbund, bei einer Veranstaltung am Dienstagabend die Vorkommnisse des Tages. Denn am Dienstag führte Starkwind in Deutschland zur skurrilen Situation, dass das vergleichsweise teure und ineffiziente Ölkraftwerk Neudorf-Werndorf bei Graz ans Netz gehen musste, um das deutsche Netz zu stabilisieren, während moderne und effiziente deutsche Gaskraftwerke abgeschaltet wurden.

Was war geschehen? Aufgrund des starken Windes in Norddeutschland gab es Windstromspitzen von bis zu 24.000 Megawatt – der Leistung von rund 20 großen Atomkraftwerken. Die Preise an der Leipziger Strombörse fielen daher in den Keller. Dies führte wiederum zur automatischen Abschaltung von modernen und effizienten Gaskraftwerken in Süddeutschland, da sich diese aufgrund der niedrigen Preise nicht mehr rechneten.

Wegen der fehlenden Netzkapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland konnte der Windstrom aus dem Norden diese entstandene Energielücke aber nicht auffüllen – das Netz drohte instabil zu werden. Um das zu verhindern, musste der deutsche Netzbetreiber Tennet die sogenannte „Kaltreserve“ abrufen. Dies sind vier ältere Kraftwerke (drei davon in Österreich), die für solche Fälle bereitgehalten werden.

„Im Endeffekt läuft nun ein viermal so teures altes Ölkraftwerk von uns statt der modernen deutschen Gaskraftwerke“, so Anzengruber zur „Presse“. Dies sei aus volkswirtschaftlicher Sicht ökonomisch und ökologisch unsinnig, allerdings eine betriebswirtschaftliche Folge der „planwirtschaftlich“ organisierten Energiewende. Würden nämlich die deutschen Energieversorger ihre nicht rentablen Gaskraftwerke laufen lassen, müssten sie die Verluste selbst hinnehmen. Die noch größeren Verluste des Netzbetreibers Tennet durch das Anschalten des österreichischen Ölkraftwerks werden hingegen auf alle Stromkunden „sozialisiert“.

Zu viele Staatseingriffe

Nicht zuletzt solche Kuriositäten führten in den vergangenen Jahren zum drastischen Anstieg der deutschen Ökostromumlage auf inzwischen 5,29 Cent je Kilowattstunde. Deutsche Stromkunden müssen somit bereits gleich viel für die Förderung des Ökostroms ausgeben wie für den Marktwert des gekauften Stroms, weshalb wie berichtet die Förderungen eingefroren werden sollen. In Österreich liegen die Kosten aufgrund des Deckels bei der Ökostromförderung für die Haushalte mit rund 62 Euro pro Jahr zwar nur bei etwas mehr als einem Drittel des deutschen Wertes. Die im Netz entstehenden Probleme schlagen aber auch hierzulande vollständig durch.

„Strom sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes. Und da es in Deutschland zu wenige Leitungen von Norden nach Süden gibt, fließt er nun oft über Polen, Tschechien und Österreich von der Nordsee nach Bayern“, sagt Anzengruber. Seiner Meinung nach liegt das Hauptproblem im bedingungslosen Vorrang von Ökostrom bei der Netzeinspeisung. „Es ist wie im Straßenverkehr: Wenn man dort grünen Autos immer Vorrang gibt, dann darf man sich später auch nicht wundern, dass es mehr Unfälle gibt.“

Kritik an der deutschen Energiewende – und der Energiepolitik in Brüssel – kommt auch von anderen Branchenvertretern. „Wir haben nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein regulatorisches Problem“, sagt etwa Hans Peter Floren, Vorstand für Strom und Gas bei der OMV. Mit besonderer Sorge beobachte die Branche steigende Eingriffe der Staaten in den Markt, die letztlich zu genau solchen Verzerrungen führen, wie sie am Dienstag zu beobachten waren.

Florens Kollege von der norwegischen Statoil geht noch einen Schritt weiter. „Es gibt keine kohärente Energiepolitik in Europa“, sagt Rune Bjornson am Mittwoch im Rahmen der European Gas Conference in Wien. Die Folge: Alle Länder kochen in Sachen Energiewende ihr eigenes Süppchen, die Folgen haben jedoch auch die Nachbarn zu tragen.

EU: Vorrang für leistbare Energie

Im Fadenkreuz seiner Kritik steht einmal mehr Deutschland. Dass es in Europa durchaus auch andere Strategien gibt, zeigt etwa Großbritannien: Das Land setzte in erster Linie auf schnelle Marktliberalisierung. Die eigenen CO2-Ziele (und damit auch das zugrunde liegende Problem) verschoben die Briten auf 2060. Deutschland hingegen wollte mit massiven Förderungen von Ökostrom die Treibhausgasemissionen sofort senken. Das Resultat sieht mager aus: Da so viele Öl- und Kohlekraftwerke einspringen müssen, wenn der Wind in Deutschland zu schwach oder eben auch zu stark bläst, stiegen die CO2-Emissionen des Landes im Vorjahr um 1,2 Prozent an. „Deutschland zahlt einen hohen Preis für nichts“, sagt Bjornson.

„Man hat vielleicht ein wenig übertrieben bei der Förderung der Erneuerbaren“, sagt Philip Lowe, Generaldirektor für Energie in Brüssel zur „Presse“. Die Eingriffe der Staaten in den Energiemarkt sieht auch der Kommissionsvertreter als „ernste Gefahr“ für Europa. Es sei Zeit für ein Umdenken, Prioritäten müssten geändert werden. „Wir müssen zuerst schauen, dass wir leistbare Energie haben“, so Lowe. Dann könne man sich um alles andere kümmern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2013)