Stadt der Leichen

Mythos Stalingrad. Auf deutscher Seite ist 70 Jahre danach die Schlacht vielfach beleuchtet. Was seitens Russlands bisher fehlte, war eine kritische, auch selbstkritische Darstellung. Diese Lücke schließen nun die vom Historiker und Slawisten Jochen Hellbeck entdeckten sowjeti-schen Augenzeugen-Protokolle.

Irgendwo in den Ruinen der von gefrorenen Leichen übersäten Stadt hockte sich Hauptmann Nikolai Axjonow, stellvertretender Regimentskommandeur in der 284. Schützendivision der Roten Armee, nieder, nahm sein Tagebuch zur Hand und begann zu notieren: „Ruhm den Siegern! Heute, am 2. Februar 1943 um 14.30 Uhr, endete das letzte Gefecht um Stalingrad in der Fabrik ,Barrikaden‘. In dieser historischen Stunde ertönte der letzte Schuss der großen Schlacht. Heute verstummte die Kanonade. Wir haben Stalingrad verteidigt, und Tausende Deutsche schleppen sich jetzt über die Wolga. Sie müssen unsere Fähigkeit, zu kämpfen und zu siegen, anerkennen.“ Axjonow, der die historische Bedeutung der Schlacht an der Wolga, die vor genau 70 Jahren endete, erahnte, war im Zivilberuf Geschichtsdozent in Tomsk gewesen.
Warum Stalingrad? Warum wird diese Schlacht auch nach 70 Jahren immer noch beschrieben, verfilmt, heiß diskutiert? Ist denn über das apokalyptische Ringen zwischen deutscher Wehrmacht und Roter Armee an der Wolga nicht so gut wie alles gesagt und geschrieben? Zumindest was den Part der angreifenden Streitmacht Hitlers anbetrifft, ist Stalingrad historisch, militärwissenschaftlich, literarisch gut aufgearbeitet: Militärgeschichte „von oben“, Militärgeschichte „von unten“, Romane, Zeitzeugenberichte von Stalingrad-Kämpfern ebenso wie breite Schlachtenerzählungen von Forschern – (fast) alles ist vorhanden.

Dennoch fesselt das Thema Stalingrad nach wie vor. Dies ist mit ein Grund, warum der Fischer Verlag seinen 1992 erstmals erschienen Sammelband „Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht“ in einer erweiterten Ausgabe neu aufgelegt hat. Viele der darin enthaltenen Beiträge haben nichts an Relevanz verloren – die Aufarbeitung der Feldpostbriefe genauso wenig wie die Betrachtungen des Themas in der deutschsprachigen Belletristik oder in Schulbüchern. Wolfgang Eckarts Beschreibung der Verwundeten- und Krankenversorgung im Kessel von Stalingrad und Rolf-Dieter Müllers Darstellung, wie die 6. Armee an der Wolga allmählich verwahrloste, erfror und verhungerte, gehören zum Eindringlichsten, was wissenschaftlich zu diesen Fragen geschrieben wurde.
Zwar fasst Herausgeber Gerd R. Ueberschär in einem neuen Kapitel die seit 1992 neu erschienene Literatur zu Stalingrad zusammen. Was in dieser Neuausgabe allerdings fehlt, ist ein Überblick, ob in den vergangenen zwei Jahrzehnten militärhistorisch neue Erkenntnisse zu dieser Schlacht zutage gefördert wurden. Auch wäre einmal höchst interessant zu erfahren, ob denn in Italien oder Rumänien das Thema Stalingrad behandelt wird – und wenn ja: wie? Aus beiden Ländern kämpften Truppenteile an den Flanken der 6. Armee von General Friedrich Paulus. Da gibt es also noch ein paar weiße Flecken in der Geschichtsschreibung.

Risse im Heldenepos

Dafür aber werden diese Flecken in der Darstellung der Schlacht von sowjetisch/russischer Seite allmählich weniger. Jahrzehnte hindurch war Stalingrad in der sowjetischen Historiografie ein einziges monumentales Heldenepos – Höhepunkt des Verteidigungskampfes der UdSSR, Beginn des grundlegenden Umschwungs im Verlauf des Zweiten Weltkriegs, wie der ostdeutsche Militärhistoriker Horst Giertz im erwähnten Sammelband darlegt.

In der sowjetischen Geschichtsschreibung wurden Wechselwirkungen im Kampfgeschehen durch die beteiligten Kräfte ausgeblendet, ebenso wie weitgehend die eigenen hohen personellen und materiellen Kosten des Sieges. Und die lagen nach den konservativsten Schätzungen bei gut einer halben Million gefallener sowjetischer Soldaten; es gibt aber auch Forscher, die von einer Million in Stalingrad umgekommenen Rotarmisten ausgehen (zum Vergleich: auf deutscher Seite kamen 295.000 Soldaten ums Leben – 190.000 Gefallene, Verhungerte, Erforene und 105.000 in der Gefangenschaft Verstorbene; nur zwischen 5000 und 6000 der in Stalingrad in Kriegsgefangenschaft geratenen Wehrmachtssoldaten überlebten; wobei festgehalten werden muss, dass in deutscher Kriegsgefangenschaft weit mehr Sowjetsoldaten umkamen – 3,3 von 5,7 Millionen gefangenen Rotarmisten – als deutsche Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft – 1,1 von 3,2 Millionen gefangenen Wehrmachtssoldaten).

Was auf sowjetisch/russischer Seite bisher fehlte, war eine einigermaßen wahrheitsgetreue, kritische, auch selbstkritische Darstellung der Stalingrad-Schlacht. Gerade da schließen die vom deutsch-amerikanischen Historiker und Slawisten Jochen Hellbeck entdeckten, bearbeiteten und nun veröffentlichten sowjetischen Augenzeugen-Protokolle eine große Lücke.
Es ist erstaunlich, dass das Zentralkomitee der KPdSU bereits im August 1941, einen Monat nach dem deutschen Überfall, die Schaffung einer Chronik des „Großen Vaterländischen Krieges“ diskutierte – zu einem Zeitpunkt also, als die Rote Armee an allen Fronten schwerste Schläge einstecken musste und sich auf dem Rückzug befand. Auf Initiative des Bürgerkriegshistorikers Isaak Minz entstand eine Kommission, die Materialien zum Kampfgeschehen zusammentragen und Interviews mit Kriegsteilnehmern führen sollte.

Zum Jahreswechsel 1942/1943 und in einer zweiten Runde im Februar 1943 reisten vier Mitarbeiter der Kommission nach Stalingrad und erstellten 130 Interviewprotokolle mit sowjetischen Kriegsteilnehmern – von einfachen Rotarmisten bis hinauf zu Armeebefehlshabern; zu den Interviewten gehörte auch der eingangs erwähnte Hauptmann Axjonow. Die geplante große Chronik des Vaterländischen Krieges konnte Minz allerdings nie zusammenstellen, weil er bald nach dem Krieg unter die Räder von Stalins antisemitischer Kampagne geriet. Minz wurde nach Stalins Tod rehabilitiert. Er versteckte die Interviewprotokolle, sie lagerten in Kellerarchiven, bis Jochen Hellbeck auf ihre Spur stieß und er dieses außergewöhnliche, hochinteressante zeitgeschichtliche Buch zusammenstellen konnte.

Aus der Lektüre dieser rund 400 Seiten mit Interviews wird erneut klar: Hitlerdeutschland hatte diesen Krieg an dem Tag verloren, als die angreifende Wehrmacht am 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritt. Auch Hellbeck führt in seiner über 100 Seiten langen Einführung an: „Die deutsche Führung war blind für den Rückhalt des sowjetischen Regimes im Volk und seine Fähigkeit zur effektiven Mobilisierung einer unerschöpflich wirkenden Zahl von Menschen. Auf Knopfdruck konnte Moskau effektive politische Kampagnen inszenieren und Sonderleistungen abrufen.“

Mit politischen Kampagnen allein hat die Sowjetunion natürlich nicht gesiegt, sondern vor allem mit einer im Kriegsverlauf immer effektiver kämpfenden Roten Armee. Gerade in Stalingrad hat sie die Wehrmacht in einen Häuserkampf hineingezogen, bei dem die von ausreichender Versorgung abgeschnittenen Deutschen auf verlorenem Posten waren. Gekämpft wurde da, wie die Interviews zeigen, mit Bajonetten, Messern, Spaten, Maschinenpistolen und mit der bei den Rotarmisten so heiß geliebten „Fenja“, der Handgranate.
In den Ruinen waren die sowjetischen Scharfschützen Könige; einer von Ihnen, Wassili Saizew, tötete allein 242 deutsche Soldaten (er erlangte auch durch den Spielfilm „Duell Enemy at the Gates“ von 2001 nachträglich Weltberühmtheit). 242 getöteten Feinde? „Jeder Soldat, ich auch, hat nur darüber nachgedacht, wie er sein Leben möglichst teuer verkaufen kann, wie er möglichst viele Deutsche töten kann.“ Hass auf die Invasoren war eine psychologische Antriebsfeder für die Rotarmisten, dazu kam die unmenschliche Härte der sowjetischen Befehlshaber, von Stalin abwärts, den eigenen Soldaten gegenüber.

Am 12. September 1942 übernahm Generalleutnant Wassili Tschuikow, Befehlshaber der 62. Armee, das Kommando über die von den Deutschen schwer bedrängten sowjetischen Streitkräfte im Stalingrader Stadtzentrum. Zwei Tage später erschoss er eigenhändig vor einem angetretenen Regiment deren Kommandeur und Kommissar, die ohne Befehl ihren Gefechtsstand verlassen hatten. „Kurze Zeit drauf erschoss ich zwei Brigadekommendeure und -kommissare. Alle waren verblüfft. Die Situation diktierte, dass man es so machen musste“, erzählte er seinen Interviewern.
Hochinteressant auch das Interview mit Hauptmann Pjotr Sajontschkowski, der in der 66. Armee für die Feindpropaganda zuständig war. Er spricht offen über die Schwächen der Roten Armee und über die Wirkung der psychologischen Kriegsführung auf die Deutschen, die auf Zersetzung abzielte. Besonders das Flugblatt „Papi ist tot“, das ein um seinen gefallenen Vater weinendes deutsches Kleinkind zeigt, habe offenkundig starke Wirkung gehabt, sei bei Gefangenen und Toten gefunden worden. Um solche Flugblätter zu den Deutschen zu bringen, wurden von der Roten Armee sogar streunende Katzen eingesetzt.

Hüfthoch stehen in Dreck und Kot

Am 31. Jänner, zwei Tage vor der Kapitulation der Deutschen im Nordkessel, stieß die Rote Armee in einem Kaufhauskeller auf den Befehlsstand von General Paulus. Mehrere sowjetische Augenzeugen schildern in den Protokollen die Gefangennahme von Paulus und seinem Stab. Major Anatoli Soldatow, einer der ersten Rotarmisten, die in den Keller stiegen, beschrieb den Befehlsstand: „Es war unvorstellbar schmutzig. Hüfthoch stand der Schmutz und der menschliche Kot und was nicht noch alles. Es stank unvorstellbar. Es gab zwei Aborte, und an beiden stand: ,Für Russen Eintritt verboten‘. Ob sie die Aborte benutzten, kann man schlecht sagen, denn alle Flure waren Aborte.“ Hauptmann Lukjan Morosow sprach General Schmidt, den Stabschef der 6. Armee, im Keller direkt an: „Sie halten die deutsche Armee für die kultivierteste überhaupt, umso mehr den Armeestab – warum ist es dann hier überall so verdreckt?“

Vom ersten Verhör von General Paulus nach der Kapitulation berichtet Generalmajor Konstantin Abramow von der 64. Armee: „Wir fragten, warum sie Stalingrad zerstört hätten. Er sagte: ,Sie haben Stalingrad nicht weniger beschossen als wir.‘ Wir antworteten: ,Wenn Sie nicht hierher gekommen wären, hätten wir Stalingrad nicht beschossen.‘ Darauf erwiderte er nichts.“  ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

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