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Blutiger Frost, rotziger Tau

„Sankya“: erst Demonstrant, dann Attentäter. Zakhar Prilepins Roman über die Radikalisierung eines jungen Russen.

Was Ljowa, Patient in einem Krankenhaus, seinem Bettnachbarn Sascha mitzuteilen hat, ist eine jener russischen Metaerzählungen, in die sich auch Saschas kurzes Leben einschreibt. Russland, erklärt Ljowa, „wurde aus diesem Blut und diesem Chaos zusammengesetzt, das ist doch ganz offensichtlich, Sascha, und die Geschichte wiederholt sich alle hundert Jahre, sie bewegt sich im Kreis. Zuerst der blutige Frost, dann der Rotz des Tauwetters, dann das Chaos, dann der blutige Frost... Und so weiter.“ Eine unumstößliche Metaerzählung, an der es auch in Zakhar Prilepins Roman „Sankya“ (Sankya ist wieSascha eine Kurzform von Aleksandr) keinen Zweifel gibt.

Die Geschichte wiederholt sich also. Diesem Sprichwort wohnt in seiner russischen Variante ein besonders erschütternder Fatalismus inne. Prilepin porträtiert ein Land, das in einem Teufelskreis von Gewalt gefangen ist; das zornige Töchter, vor allem aber zornige Söhne hervorbringt, die mit Gewalt laufen, sprechen und handeln gelernt haben, sodass sie nun, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, nur noch in der Zerstörung Erleichterung finden. Sascha hat sich der „Sojus Sosidajuschtschich“ (auch als „SS“ abgekürzt) angeschlossen, einer radikalen politischen Bewegung des Anführers Kostenko, der im Gefängnis sitzt. Offensichtlich ist diese politische Kraft an die Nationalbolschewisten Eduard Limonows angelehnt. Limonow – Schriftsteller, Dissident, Exhäftling – gründete 1992 seine antidemokratische, russlandverherrlichende nationalbolschewistische Partei.

Zakhar Prilepin ist niemand, der das Treiben der „Rot-Braunen“ aus kühler Distanz beobachtet hat – im Gegenteil: Er ist Parteimitglied, arbeitete als Wachmann, kämpfte im Tschetschenien-Krieg. Sein bereits 2006 in Russland erschienener Roman „Sankya“, der nun mit einiger Verspätung vom Berliner Verlag Matthes & Seitz verlegt wurde, hat ihn bekannt gemacht. Prilepins Roman ist dennoch keine Straßenkampfprosa: Indem er die tägliche Gewalt ungeschönt, in klaren und kraftvollen Worten beschreibt, legt der Autor gewalttätige Strukturen offen.

Der Roman beginnt mit einer Demonstration und endet mit einem landesweiten bewaffneten Aufstand. Dazwischen liegt die Radikalisierung Saschas. Der junge Mann, der aus einer namenlosen Stadt nahe Moskaus stammt, ist Aktivist der „SS“-Bewegung. Eine Demonstration eskaliert in der Plünderung einer Geschäftsstraße, was eine brutale Strafaktion von Sonderkommandos nach sich zieht. Zunächst kann sich Sascha zu seinen Großeltern aufs Land flüchten, doch später wird er von Sicherheitskräften gefasst, gefoltert und halb tot im Wald ausgesetzt. Seine Gruppe und er verschwinden schließlich im Untergrund, hausen in Geheimwohnungen. Als Saschas Mitstreiterin Jana verhaftet wird, nachdem sie dem verhassten Staatspräsidenten einen übel riechenden Cocktail über das Gesicht gekippt hat, weiß die Vereinigung, dass ihr Ende naht. Sie setzt zum finalen Schlag an: einem landesweiten bewaffneten Aufstand.

Doch bei dem Feldzug jubiliert Sascha nicht, er hat kein Ziel. Gestohlenes Geld verteilt er, aus dem aufgebrochenen Supermarkt nimmt er keine Waren mit. „Er fand nicht heraus, was er eigentlich brauchte. Was das überhaupt ist, wozu das alles.“ Saschas Aktionen sind eine planmäßige Zerstörung des eigenen Lebens. „Russland wird von den Seelen seiner Söhne ernährt – von ihnen lebt es“, sagt er zu seinem früheren Vertrauten Besletow, bevor er ihn aus dem Fenster des besetzten Gouverneursamts wirft und auf den eigenen Tod wartet: Schwer bewaffnet kapituliert er vor seinem Schicksal. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)