Eine gut gemeinte Wende, die direkt ins Blackout führt

Das Ziel der grünen Energiewende ist richtig. Das Tempo und die dafür eingeschlagenen Wege in vielen Fällen jedoch nicht. Das gehört geändert.

Schuld ist die Physik. Alles könnte so einfach sein, wenn Strom wie Öl in Fässern speicherbar wäre. Oder wenn er zumindest wie ein Paket mit einem Postauto direkt von A nach B verschickt werden könnte. Das geht jedoch nicht: Strom muss zu dem Zeitpunkt verbraucht werden, zu dem er produziert wird. Und er breitet sich in einem Netz in alle Richtungen aus – immer dort stärker, wo der Widerstand geringer ist.

Warum dieser Ausflug in den Physikunterricht der dritten AHS-Unterstufe? Damit ist relativ kurz erklärt, warum die grüne Energiewende, die vor allem in Deutschland viel zu schnell vorangetrieben wurde, in Mitteleuropas Stromsystem heute große Probleme verursacht.

So stehen in unserem nördlichen Nachbarland bereits so viele Windräder, dass an windigen Tagen die Leistung von mehr als 20 Atomkraftwerken erzeugt wird. Stundenweise kann Deutschland seinen Strombedarf also bereits komplett mit Windenergie decken. Diese Erfüllung eines grünen Urtraums mutiert bei plötzlichem Rückgang des Windes (oder auch bei zu starkem Wind) jedoch zum Albtraum der Energiewirtschaft.

Der vom Stromkunden subventionierte Ökostrom senkt immer öfter den Preis an der Börse, sodass konventionelle Kraftwerke nicht mehr rentabel sind und vom Netz gehen. Werden diese Kapazitäten jedoch plötzlich benötigt, verursacht das hohe Kosten für die Netzbetreiber (= Stromkunden) und sorgt in der Anlaufphase der kalorischen Kraftwerke für einen gefährlichen Tanz am Rande des Blackouts. Eine Situation, die von Jahr zu Jahr dramatischer wird: Denn während der Ausbau der volatilen Windkraft und Fotovoltaik stetig vorangeht, sind sämtliche Neubauten von Gas- oder Pumpspeicherwasserkraftwerken auf irgendwann verschoben.

Es ist daher dringend notwendig, die Fehler der Ökostromgesetze, die Anfang des Jahrtausends in Kraft getreten sind, zu beheben. Dies trifft vor allem auf Deutschland zu, wo anders als in Österreich auch der jährliche Ausbau des Ökostroms nicht begrenzt wurde. Dies ist auch für uns ein Problem. Denn das Netz kennt zwischen diesen beiden Ländern de facto keine Grenze mehr.

Aktuell sind die Hauptprobleme vor allem der uneingeschränkte Vorrang von Ökostrom sowie der fehlende Ausbau der Netze. So hilft es nichts, wenn an der Nordseeküste Windstrom im Überfluss vorhanden ist, er aber nicht zu den industriellen Zentren in Süddeutschland und dem Donauraum fließen kann.


Langfristig gilt es jedoch, stärker auf die spezifischen Vor- und Nachteile von Ökostrom einzugehen, anstatt mit der Gießkanne zu fördern. So kann Fotovoltaik die Netze durch dezentrale Erzeugung – auf dem Hausdach des Verbrauchers – entlasten. Weil Netzgebühren entfallen, ist diese teure Erzeugungsweise auch schon bald konkurrenzfähig. Es hat jedoch absolut keinen Sinn, sauteuren Fotovoltaikstrom hoch subventioniert ins Netz einzuspeisen, wie es derzeit geschieht. Wer aufmerksam durch Bayern fährt, wird sehen, dass sich kaum ein Landwirt dieses lukrative Körberlgeld entgehen lässt.

Zudem braucht es nicht nur bei der Stromerzeugung, sondern auch bei der Nachfrage ein Umdenken – dies betrifft auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Denn das größte Potenzial liegt nach wie vor in mehr Energieeffizienz. Und daher wirkt es befremdlich, wenn Effizienzrichtlinien, die das Aus für die auf dem technischen Niveau des 19. Jahrhunderts befindliche Glühbirne bedeuten, bei der 95 Prozent der Energie in Wärme umgewandelt werden, zu einem öffentlichen Aufschrei führen, als gäbe es nun eine Zwangsverpflichtung zum Tofu-Essen (vor allem, da es schon seit Jahrzehnten einen gleichwertigen Ersatz in Form der Halogenglühbirne gibt).

Denn grundsätzlich ist das Ziel einer Abkehr von CO2-emittierenden Technologien richtig. Das weiß jeder, der sich das Zusammenspiel von Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre und Temperatur anhand von Jahrtausenden in die Vergangenheit zurückgehenden Antarktis-Bohrkernen angesehen hat. Wie das am sinnvollsten geschieht, sollten aber die wirtschaftlichen und technischen Gegebenheiten vorgeben – und nicht die politischen Wünsche. Womit wir wieder beim Physikunterricht der dritten AHS-Unterstufe wären.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)