In nur 74 Monaten hat es der Tiroler geschafft, die im Skispringen seit 1988 als „magische Marke“ gepriesene Bestmarke von 46 Weltcup-Siegen zu überbieten.
Harrachov/Wien. Von der Zahl 47 hat Gregor Schlierenzauer lange geträumt. 46 Siege im Skisprungweltcup zu feiern war, für den Stubaier freilich keine Selbstverständlichkeit, damit stand er schon auf einer Stufe mit Finnlands Schanzenlegende Matti Nykänen. Doch der ehrgeizige Sportler wollte seit seinem Weltcupdebüt in der Saison 2006/2007 die Nummer eins sein. Bei den Skiflugbewerben am Sonntag in Harrachov, Tschechien, gelang dem 23-jährigen Ausnahmekönner tatsächlich Historisches. Am Vormittag feierte er den 47., wenige Stunden später den 48. Weltcupsieg. Das hat zuvor noch kein Skiflieger geschafft. Er ist nun alleiniger Weltcuprekordhalter.
Glück und Sprungkraft
In nur 74 Monaten hat es der Tiroler geschafft, die im Skispringen seit 1988 als „magische Marke“ gepriesene Bestmarke zu überbieten. Er verteidigte im Jänner seinen Tourneesieg, hat bei Weltmeisterschaften Gold im Einzel und bei Winterspielen auch mit der Mannschaft gewonnen. Somit bleibt nur noch Einzelgold bei Olympia als letztes großes Ziel. 2014 in Sotschi soll es so weit sein, doch auf dem Weg dorthin hat Schlierenzauer noch Großes vor. Ab 20. Februar hebt in Val di Fiemme die Nordische WM an, er ist Titelverteidiger auf der Großschanze.
„Ich glaube, ich darf mich jetzt offiziell eine Legende nennen“, gluckste Schlierenzauer nach dem Gewinn des ersten Harrachov-Bewerbes. „Es ist ein gewaltiges Erlebnis. So etwas kannst du nicht planen, es muss passieren. Ich bin ein guter Springer, ja, aber auch Glück gehört sicherlich dazu.“ Fürwahr, mit Flügen auf 193,5 und 211 Meter verwies er den Slowenen Robert Kranjec um die Winzigkeit von 0,3 Punkten auf Rang zwei.
Wenig später stand er erneut ganz oben auf dem Podest. 197,5 Meter genügten, wegen zu starken, wechselnden Windes wurde der zweite Durchgang abgesagt.
60 bis 70 Siege sind möglich
Schlierenzauer, der Hobbyfotograf, ist für viele der Größte seiner Zunft. Stars gab es aber in jeder Ära, egal, ob Parallel- oder V-Stil, jeder Epoche standen große Persönlichkeiten vor. Nykänen überstrahlte sie alle, aufgrund seiner Technik und seines von Eskapaden geprägten Lebens schuf sich der Finne seinen Mythos.
Der Kontrast zum neunmaligen Weltmeister Schlierenzauer ist enorm. Dem Tiroler sind Eklats fremd, er kommt aus einem gesicherten Umfeld, wohlbehütet von der Familie und dem Verband. Der Vorarlberger Werner Schuster, einst Trainer in Stams, Schlierenzauer-Coach und seit 2008 Cheftrainer in Deutschland, brachte es auf den Punkt: „Nykänen war einzigartig auf der Schanze. Aber er hatte diese Genialität eben nur auf der Schanze und war etwas verloren im Leben.“ Schlierenzauer habe da ganz andere Optionen...
Für Sven Hannawald, der Deutsche gewann 2002 als erster und bis dato einziger Springer alle Bewerbe im Rahmen der Vierschanzentournee, hat Schlierenzauer mit dem 47. Sieg sogar zu ganz anderen Sportgrößen aufgeschlossen. „Sein Siegeswille ist vergleichbar mit jenem von Michael Schumacher und Sebastian Vettel. Was er schon in jungen Jahren geleistet hat, ist unglaublich. Gregor ist der beste Skispringer aller Zeiten – denn bis zu seinem Karriereende wird er 60 bis 70 Erfolge im Weltcup eingefahren haben und mit dem Rekord in ungeahnte Sphären abheben. Diese Marke wird nie mehr ein anderer Springer erreichen.“
Während Schlierenzauer in Tschechien den Rekordsieg feierte, hatte Jacqueline Seifriedsberger beim Damenweltcup in Sapporo, Japan, ihre Premiere. Die Oberösterreicherin landete nach Sprüngen auf 94 und 93 Meter mit 245,7 Punkten ihren ersten Weltcupsieg.
Ergebnisse, Skifliegen in Harrachov
1. Bewerb: 1. Schlierenzauer (AUT) 421,7 (193,5/211) 2. Kranjec (SLO) 421,4 (197/204) 3. Matura (CZE) 389,1 (206,5/183,5); 7. Loitzl 370,9 (212/180) 10. Koch 365 (199/194) 23. Hayböck 322,4 (192,5/165,5).
2. Bewerb: 1. Schlierenzauer 191,8 (197,5 Meter) 2. Matura (CZE) 187,2 (194,5) 3. Tepes (SLO) 186,1 (193,5); 7. Loitzl 168,4 (177,5) 9. Koch 163,5 (178).
Gesamtweltcup: Schlierenzauer 1200, Bardal (NOR) 757, Freund (GER) 656.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)