Selbstgefällige Lebenslügen der "Führungsmacht Großbritannien"

Der Blick auf die Geschichte des Empire erklärt gut den Hang der Engländer zum Eigenbrötlertum in der europäischen Familie.

Woher kommt eigentlich dieser Hang der Engländer zum Eigenbrötlertum abseits der Kontinentaleuropäer, ihr permanenter Drang, innerhalb der EU Sonderwege zu beanspruchen und einzuschlagen? Aus der Geschichte, woher sonst? Genauere Antworten findet man auch im Heft 1/2013 des Magazins „Geschichteaus dem Spiegel-Verlag, das sich dem britischen Empire 1600–1947 widmet. Der führende deutsche England-Historiker Peter Wende erzählt da in einem ausführlichen Interview viele interessante Dinge über Englands Aufstieg zur Weltmacht.

Zum Beispiel, dass England bis in die 1550er-Jahre eigentlich eine Kontinentalmacht war (Hauptrivale Frankreich) und erst mit der Thronbesteigung Elisabeth I. das Inseldasein verinnerlichte; dass es in London nie einen Masterplan zur Schaffung eines Empire gab, sondern die Entstehung des Weltreichs das Resultat vieler zufälliger Ereignisse und Entscheidungen von Einzelpersonen war; dass es einen Hauptgrundsatz bei der Aufrechterhaltung des Empire gab – nämlich, „dass das Ganze möglichst nichts kosten darf“. Und was hat das mit den heutigen Beziehungen Londons zu Kontinentaleuropa zu tun? Professor Wende: „In Europa wird viel zu wenig gesehen, dass die Insel aufgrund ihrer Geschichte kein Interesse daran hat, in Europa von gleich zu gleich aufzutreten. Im politischen Bewusstsein ist immer noch der Gedanke verankert: ,Wir sind eine Führungsmacht.‘“

Als Erbe des Empire geblieben ist, wie der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel in seinem Essay aufzählt, dass Englisch heute Weltsprache und London ein führender Finanzplatz der Welt ist. Geblieben sind das Commonwealth sowie architektonische Relikte und britische Rechtstraditionen in Ex-Kolonien. Doch wurden die britischen Kolonien nach der Unabhängigkeit keineswegs automatisch Demokratien nach Westminster-Vorbild: „Es gehörte zu den selbstgefälligen und heuchlerischen Lebenslügen des Empire, es sei eine Kraft, die das Gute in der Welt verbreite. Zu viele Gegenbeispiele von Egoismus, Arroganz und Brutalität unterminieren diese Selbstauffassung“, schreibt Osterhammel.

Tatsächlich waren die britischen Kolonialisten nie die „Champions des Fairplay“, wie sie sich im Vergleich zu anderen Imperialisten gern präsentierten. Der britisch-indische Autor Pankaj Mishra erinnert in seiner „Abrechnung mit den Tropenhelmfetischisten“, die in der Jänner-Ausgabe von „Le Monde diplomatique“ abgedruckt ist, auch an Winston Churchill: Als die britische Kolonialmacht 1943/1944 um Hilfslieferungen gebeten wurde, um eine Hungersnot in Bengalen zu lindern, wandte der damalige Premier Churchill nicht gerade in Gentleman-Diktion ein, die Inder würden sich doch ohnedies „wie die Karnickel vermehren“.

Mishra geht es nicht nur um eine Kritik am Empire, ihm geht es vielmehr um eine grundsätzliche Abrechnung mit der im Westen so gängigen „narzisstischen Sicht der Geschichte, die auf westliche Ideale, Errungenschaften, Herausforderungen fixiert ist“. Die stehe aber einem sinnvollen Verständnis der heutigen Welt nur im Wege: „Für die meisten Europäer und Nordamerikaner ist die Zeitgeschichte immer noch weitgehend durch die Siege im Zweiten Weltkrieg und die lange Konfrontation mit dem Kommunismus bestimmt. Für den größten Teil der Weltbevölkerung dagegen ist das wichtigste Ereignis der modernen Epoche das intellektuelle und politische Erwachen Asiens und die – noch nicht abgeschlossene – Erhebung dieses Kontinents aus den Ruinen der asiatischen wie europäischen Imperien.“ Also: Aufwachen und umdenken, Westler!

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)

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