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Geist & Gegenwart

Der Weg in die Zukunft für Europa

Unter der Moderation von „Presse“-Wirtschaftschef Jakob Zirm diskutierten Umweltökonomin Birgit Bednar-Friedl, Wifo-Chef Gabriel Felbermayr, EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna, AVL-Vizepräsident Georg List und Karl Rose, internationaler Energieexperte an der Universität Graz (v. l. n. r.). 
Unter der Moderation von „Presse“-Wirtschaftschef Jakob Zirm diskutierten Umweltökonomin Birgit Bednar-Friedl, Wifo-Chef Gabriel Felbermayr, EcoAustria-Direktorin Monika Köppl-Turyna, AVL-Vizepräsident Georg List und Karl Rose, internationaler Energieexperte an der Universität Graz (v. l. n. r.). Foto Fischer
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Angesichts der anstehenden Krisen ist Europa mehr denn je gefragt, einen einheitlichen Weg aus Inflation, teuren Energiekosten und Wirtschaftsstagnation zu finden.

Corona, der neu entflammte Ost-West-Konflikt, die nötige Energiewende, das Comeback der Inflation und die Abschwächung der Wirtschaft haben Europa 50 Jahre zurückgeworfen, konstatiert der Moderator der Diskussionsrunde im Rahmen des heurigen Pfingstdialog Steiermark, Jakob Zirm, Ressortleiter Wirtschaft bei „Die Presse“. Als zentralen Prüfstein erachten die Experten vor allem die Energiepreise.

In Deutschland brach im März, so aktuelle Zahlen, die Industrieproduktion um bis zu zehn Prozent ein – braut sich trotz optimistischen Prognosen am Jahresbeginn doch ein kräftiges Gewitter zusammen? „Die Gefahr ist da“, stellt Gabriel Felbermayr, Ökonom und Wifo-Direktor, fest. „Deutschland ist de facto in einer Rezession. Die hohen Preise führen dazu, dass die Menschen weniger konsumfreudig sind und real weniger Geld zur Verfügung haben. Das sehen wir auch in Österreich, wo wir in unserer Prognose weder für das aktuelle, noch für das nächste Quartal ein Wachstum erkennen. Das Wort Stagflation ist richtig gewählt. Zudem haben wir alle die anhaltende Inflation so nicht vorhergesehen.“

Europäische Energiekrise

Das Investitionsklima wird sich dämpfen, so Felbermayr, da die Menschen unter anderem durch steigende Zinsen Alternativen zur Geldanlage vorfinden. Im dritten und vierten Quartal rechnet der Ökonom jedoch bereits mit einem verhaltenen Wachstum. Ein Grundproblem sieht er bei dem Merit-Order-System, das bei der Verteuerung der Verstromung von Gas gleichzeitig auch Strom aus anderen Quellen festschreibt. Dadurch bleibe ein Lenkungseffekt aus.

„Europa ist durch den Krieg in der Ukraine und durch die Energiekrise besonders betroffen“, unterstreicht Monika Köppl-Turyna, Ökonomin und Direktorin von EcoAustria, allerdings sei das Problem politisch hausgemacht: „Es wurden im Jahr 2014 Pläne geschmiedet, wie man sich vom russischen Gas unabhängig machen kann und eine Energieunion aufbauen könnte. Das hat nicht geklappt und das belastet uns bis heute.“ Deshalb sei es jetzt an der Zeit, die Energiekrise europäisch zu lösen und Infrastrukturen aufzubauen. Die Ökonomin deklariert sich als Fan der Anschaffung des Merit-Order-Prinzips, allerdings sei das die Bekämpfung des Symptoms und nicht der Wurzel der nicht gut integrierten Energiemärkte.

Ein zusätzliches Problem ist die durch die Inflation bedingte Lohn-Preis-Spirale, die vor allem ein großes Unternehmen wie AVL List deutlich spürt. „Wir benötigen Menschen, die den nötigen Wandel begleiten und vorantreiben können und nativ mit neuen Technologien aufwachsen“, meint Georg List, Vice President Corporate Strategy von AVL List. „Da hier der Wettbewerb groß ist, treibt das die Preise hinauf. Zudem ist es in den meisten Industriezweigen schwierig, die Inflation weiterzugeben.“ Deshalb gehe durch die Inflation nicht nur Wohlstand in der Bevölkerung verloren, sondern auch Ressourcen in der Industrie. Eine Entkopplung des Gas- vom Strompreis ist auch für List nötig.

Trotz eines kürzlichen geringen Rückgangs sind die Energiekosten in Europa deutlich höher als in anderen Regionen der Welt. „Wir hatten 50 Jahre lang billiges, russisches Gas und die Abhängigkeit war ein politisch gewollter Prozess. Gegenüber Amerika sind wir extrem benachteiligt“, stellt Energieexperte Karl Rose von der Universität Graz fest, „Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation und müssen im Gasbereich langfristig mit zwei- bis dreifachen Preisen rechnen. Daran werden wir uns gewöhnen müssen.“ Bei Energiefragen ist Europa keine Einheit, sondern die einzelnen Staaten agieren souverän – ein zusätzliches Erschwernis: „Wir werden hier bestimmt einen Wettbewerbsnachteil haben, den wir auf andere Art und Weise kompensieren müssen. Man sollte sich anschauen, was die USA mit dem IRA (Inflation Reduction Act, Anm.), einem unheimlich cleveren Gesetz, geschaffen hat und so die Energiewende finanziert. Wir müssen in Europa zu Prozessen kommen, mit denen wir genauso rasch und einig reagieren können.“

„Wenn Gas deutlich teurer ist als erneuerbare Energie, dann ist der Anreiz, in diesen Bereich zu investieren, größer“, ortet Birgit Bednar-Friedl, Umweltökonomin an der Universität Graz, eine Chance durch die Krise, „Aber bei steigenden Zinsen haben Investitionen einen niedrigeren Return of Investment.“ Die Expertin unterstreicht ebenfalls, dass es raschere und größere Lösungen braucht, damit im Großteil von Europa 100 Prozent erneuerbarer Strom zur Verfügung steht: „Das Energiesystem ist einfach fundamental, damit alle anderen Sektoren nachziehen können.“

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