Chat GPT zeigt, dass manch Geschriebenes heute wie aus dem vorigen Jahrtausend anmutet.
Im IT-Innovationsbereich beherrscht bis heute die Science-Fiction unsere Fantasie, in der wir Milliarden ins All ballern und humanoide Roboter bauen. Und wir meinen, das sei jetzt die Zukunft“, skizziert Sarah Spiekermann von der WU Wien und Digitalisierungsvordenkerin, „Ich stehe aber für wertebasierendes Engineering. Ich würde mir wünschen, dass Chat GPT und ähnliche Projekte auf Open Source gestellt werden, und wir in Europa wertegetrieben, und durch Stakeholder-Ansätze unterstützt, Applikationen und Services bauen, die unserer Gesellschaft positiv zugeführt werden können.“ Bei der Nutzung und dem Ausbau von KI dürfe man sich nicht von dunklen Visionen á la „Star Trek“ leiten lassen, sondern von romantischen, schönen und guten Ideen. Das sei, so Spiekermann, nicht der Fall: „Im Moment betreiben wir Innovation mit einem Tunnelblick in Richtung der Dark Science-Fiction, die wir uns jeden Abend bei Netflix anschauen.“ Eine Open-Source-KI hält auch Horst Bischof, Informatiker und Vizerektor für Forschung an der TU Graz, für wünschenswert.
Digitale Kompetenz
Technologie in der Hand der falschen Menschen sei, so Bischof, die größte Gefahr, nicht die KI selbst: „Der Schwellwert zur Nutzung dieser Technologie ist mittlerweile so tief, dass sie beinahe jeder nutzen kann. Die Technologie ist nicht schlecht, sondern was der Mensch mit ihr macht.“ Dem Missbrauch von KI sei derzeit Tür und Tor geöffnet. „Seit Beginn der Digitalisierung begleitet uns das Schlagwort digitale Kompetenz, aber daran haben wir bisher zu wenig gearbeitet“, meint Andreas Gerstenmayer, CEO von AT&S. „Notwendige Kompetenzen würden viele Regularien obsolet machen.“ Mit dem „KI-Act“ der EU könne man regulatorisch viel erreichen, würde aber jegliche Innovation im Bereich der Artificial Intelligence abwürgen. Gerstenmayer wünscht sich die Rückkehr zum absolut Nötigen an Regelwerken und Gütesiegel, die Informationen, die nicht aus einem KI-System stammen, kennzeichnen: „Gemeinsam mit digitaler Kompetenz und dem üblichen Wertekanon in Europa wäre vieles erreicht.“ Spiekermann erachtet den „KI-Act“ für nicht problematisch, da 85 Prozent der KI-Anwendungen davon nicht betroffen wären: „Dabei wird eine Risikoabfolgeschätzung verlangt. Wenn man sich ein System dabei vornimmt, öffnet sich ein komplett neuer Innovationsraum und wir beginnen Innovation zu betreiben, um Risiken zu vermeiden. Dadurch bauen wir bessere Systeme, die diese Risiken eindämmen. Sie haben auch langfristig einen Wettbewerbsvorteil Made in Europe mit Werten, die wir schützen wollen.“
Chancen durch Digitalisierung
Florian Frauscher, Sektionschef für Wirtschaftsstandort, Innovation und Internationalisierung im Ministerium für Arbeit und Wirtschaft, sieht keinen Grund für Furcht vor Technologie, denn Digitalisierung – vor allem KI – birgt vielfältige Chancen, wie im Kampf gegen den Klimawandel, der Medizin und im Arbeitsalltag. Doch Technologien müssen nach demokratischen, westlichen Werten reguliert werden, ist Frauscher überzeugt: „Gleichzeitig wollen wir nichts zu Tode regulieren. Wir müssen Innovation und die Kommerzialisierung dieser Technologien zulassen, was uns oft in Europa fehlt. Die Chancen überwiegen gegenüber den Risiken.“
Aber bräuchte es nicht eine internationale Organisation, die über das Tun von KI wacht, wie etwa die Atomenergiebehörde? Frauscher: „Es nutzen die besten Regularien nichts, wenn sie nicht gut, schnell und effizient durchgesetzt werden. Die DSGVO ist ein gutes Beispiel, auch wenn sie da und dort über das Ziel hinausgeschossen ist. Es braucht eine Institution, etwa ein Gremium aus unabhängigen Experten, die sich die Algorithmen im Hochrisikobereich ansehen und Anwendungen mit einem Gütesiegel zertifizieren.“
Information
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