Was ist Osteuropa? Und wer gehört dazu? Jacob Mikanowski entwirft in „Adieu, Osteuropa“ das kulturgeschichtliche Panorama einer Region, die einen Überfluss an Geschichte hat – zugleich aber einen Mangel an Narrativen.
Der Untertitel des Originals hat einen etwas anderen Akzent: „An Intimate History of a Divided Land“. Mag man das Beiwort „intimate“ als Ausdruck eines (typisch englischen) Understatement oder der Bescheidenheit bewerten, das nicht unverzichtbar erscheint, so ist die Differenz zwischen einem „divided“, einem „geteilten Land“, und einer „verschwundenen Welt“ schon erheblich. Ob das Land oder die Welt Osteuropas verschwunden oder geteilt ist, ob es also in veränderter Form weiterbesteht oder nicht, ist von mehr als nur metaphorischer Bedeutung.
So oder so birgt schon der Titel eine erahnbare Brisanz. Da ist es nicht ohne Belang, aus welcher Perspektive das Buch geschrieben wurde, wer sein Autor ist. Jacob Mikanowski kam 1982 als Sohn eines polnischen Juden und einer ungarischen Adeligen zur Welt. Zwei Jahre vor seiner Geburt, nach der Verhängung des Kriegsrechts, waren die Eltern von Polen in die USA übersiedelt, wo er Osteuropäische Geschichte studiert hat und als freier Journalist publiziert. Die Herkunft prädestiniert ihn für den Gegenstand seines monumentalen jüngsten Werks. Als Amerikaner der ersten Generation hat er, „genetisch bedingt“, Anteil am kollektiven Bewusstsein osteuropäischer Zugehörigkeit, aber auch von Verfolgung und Pogromen. Im Prolog bekennt Mikanowski: „Meine Vorfahren sind die Wurzel all dessen, was ich schreibe.“
Ende des Feudalismus
Der Autor beginnt sein aus drei Teilen bestehendes Buch mit einem Stichwort, das man bei dem Thema nicht unbedingt erwarten würde: dem Glauben. Das verdankt sich seiner Überzeugung, dass es ein bestimmendes Merkmal gebe, welches Osteuropa (das nach seiner Ansicht nicht existiert, lediglich eine Zuschreibung von Außenstehenden sei) von Westeuropa auf der einen Seite und von Eurasien auf der anderen unterscheidet: die Vielfalt der Sprachen, der Ethnien und eben des Glaubens. Als Pointe kann man es schätzen, dass neben Heiden und Christen, Juden und Muslimen Ketzer gleichberechtigt abgehandelt werden.