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Berlinale: Ulrich Seidls Jugend hat noch Hoffnung

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Szenenbild aus ''Paradies: Hoffnung''(c) Stadtkino Wien
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Österreich auf den Filmfestspielen. Ulrich Seidls überraschend freundlicher Wettbewerbsfilm „Paradies: Hoffnung“ erzählte von Disziplinierung im Diätcamp, in Nebensektionen lief Neues von Anja Salomonowitz und Gustav Deutsch.

Mit der Jugend tut sich Österreichs Kino schwer. Lebensfreude, Hormonwallungen und die Hoffnung, dass irgendwann doch alles anders wird, passen nicht zu den einbetonierten Entwürfen von Gescheiterten und Verzweifelten, die man hierzulande so schätzt. Dass nun ausgerechnet Ulrich Seidl einen Film über Jugendliche dreht, ist, gelinde gesagt, unerwartet, jedenfalls aber eine freudige Überraschung.

Freitagabend wurde Seidls „Paradies: Hoffnung", Abschluss seiner „Paradies"-Trilogie, im Berlinale-Wettbewerb uraufgeführt. Wenn Tagespresse-Journalisten beim Abspann im Takt klatschen und singen: „If you're happy and you know it, clap your fat!", dann weiß man, dass das System Seidl immer noch funktioniert. Im Zentrum von „Hoffnung" steht die 13-jährige Melanie (Melanie Lenz), ein hübsches, fröhliches Mädchen: Während ihre Mutter in Kenia (sie sucht das „Paradies: Liebe") urlaubt, verbringt sie einige Wochen im Diätcamp. Dort geht es, wie der charmant versoffene Trainer (eine Erscheinung: Michael Thomas) mit militärischem Duktus mehrfach nachdrücklich betont, vor allem um eines: Disziplin.

Jugendtraining: Wie die Lipizzaner

Diszipliniert ist auch Seidls Kino: Mit geometrischer Präzision werden Räume vermessen und bestückt, mit Dingen und Menschen, vor allem aber mit Leben. Wiederholt marschieren die pummeligen Jugendlichen in Reih und Glied über die Leinwand, horizontal und diagonal. Schrillt die Trillerpfeife, heißt es spuren: Liegestütze und Purzelbäume bis zur Erschöpfung. Dazu schnalzt der Trainer mit einer unsichtbaren Peitsche: Die Jugendlichen vergleicht er mit den Lipizzanern in der Hofburg, seine Turnhalle nennt er Folterkammer. Seidl-Filme sind bei aller Konkretheit der Bilder und Strenge der Komposition immer dialektisch angelegt: Selten war das so deutlich zu sehen wie hier.

Während Melanie und ihre Freunde entgleisen, will die Erwachsenenwelt sie für die Leistungsgesellschaft verwertbar machen, brechen. In Mehrbettzimmern spielen sie Flaschendrehen, nachts plündern sie den Kühlschrank. Der Trainer befiehlt den Mädchen zur Strafe, sich auf den kalten Boden zu legen: „Regeln sind da, um sie einzuhalten!" Ein Satz, wie direkt aus der österreichischen Seele gekratzt. Doch lebt und bebt in diesem luftigen Film die Hoffnung. Sie kommt, wie immer, über die Liebe: Melanie hat ein Auge auf den Diätarzt (Joseph Lorenz) geworfen. Der ist etwa 50, steht ohne Socken in den Lederschuhen, hat aber noch das Gesicht eines jungen Burschen. Melanie versucht, sich ihm anzunähern, lässt sich oft in seinem Zimmer das Stethoskop auf die Brust legen.

Zum Lehrfilm über die farbpsychologische Komponente von Lebensmittel-Präferenzen legt sie den Kopf auf seine Schulter, mit der besten Freundin spricht sie über ihre Gefühle, über das Verliebtsein: „Hoffnung" ist der freundlichste Film, den Ulrich Seidl je gedreht hat. Nicht weil er den poetisch-analytischen Blick auf die Wirklichkeit verloren hätte, im Gegenteil. Die grausamen Mechanismen, über die sich unsere Gesellschaft definiert, klatschen einem auch hier ins Gesicht. Und tun weh. Doch die Menschenkenner Ulrich Seidl und Veronika Franz (erneut Ko-Autorin) öffnen sich parallel zu den Jugendlichen: Blickt man Melanie am Ende in die Augen, sieht man immer noch die Hoffnung. Und weiß: Diese junge Frau wird bei aller Disziplinierung immer wieder gern in ein Stück Schokolade beißen und genießen.

Gehofft wird auch im Beitrag der Österreicherin Anja Salomonowitz zur Berlinale-Sektion Forum: „Die 727 Tage ohne Karamo" montiert Beziehungsgeschichten von Österreichern mit Ausländern zum raffinierten, doch absehbaren Essay des emotionalen Widerstands. Seidls Jugendliche werden vermessen, diese Lieben von Staats wegen verwaltet - und unter Generalverdacht gestellt.
Das Reizwort Scheinehe, populistisch ausgeschlachtet und politisch instrumentalisiert, will Salomonowitz entkräften: In der ersten Szene schmust ein Paar schmatzend, viele weitere folgen, bei vielen davon wünscht man sich, mehr zu erfahren über ihr Leben und ihre Liebe.

Deutsch arrangiert Hopper-Gemälde

Aber „Die 727 Tage ohne Karamo" eilt weiter von einem Fallbeispiel zum nächsten und wird so zum formal aufregenden, aber letztlich unbefriedigenden Gebrauchskino. In ein ganz anderes Referenzuniversum steigt der dritte Berlinale-Österreicher im Forum: Gustav Deutschs „Shirley - Visions of Reality" animiert und arrangiert 13 Gemälde des Malers Edward Hopper zur Biografie einer fiktiven Schauspielerin. In ihren Lebensstationen spiegelt sich das Persönliche im Politischen und umgekehrt. Visionen der Wirklichkeit eben. Damit auch: die Essenz des Kinos.

Seidls ''Paradies''-Trilogie

Mit „Paradies: Hoffnung“ feierte der letzte Teil von Ulrich Seidls groß angelegter Trilogie seine Weltpremiere. Die Filme funktionieren unabhängig voneinander, schildern dabei den (parallelen) Verlauf einiger Sommerwochen für drei Frauen aus einer Familie: In „Paradies: Liebe“ fährt eine Mutter als Sextouristin nach Kenia, deren Schwester geht in „Paradies: Glaube“ in Wien missionieren, und „Paradies: Hoffnung“ folgt der Tochter ins Diätcamp.

Seidl gelang ein rarer Hattrick: jeweils ein „Paradies“-Film im Wettbewerb von Cannes, Venedig und Berlin. „Liebe“ und „Glaube“ laufen im Kino, „Hoffnung“ kommt im März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 9.2.2013)