Lesen, leben, lieben

Wie wirklich ist die Wirklichkeit –insbesondere jene der Literatur? Über das Glück mit und die Angst vor der Literatur, über Liebe und Anerkennung durch Literatur sowie über ihren soeben erschienenen Roman: ein Gespräch mit Marlen Schachinger.

Wann und wie sind Sie auf Literatur aufmerksam geworden?

Das reicht lange zurück. Es war ein Ritual, seit ich drei oder vier war, einmal die Woche mit meiner Mutter in die Bibliothek zu gehen. Ich liebte diesen Ort, die Stille, das gelbliche Licht, die unendliche Vielfalt an Literatur; keiner kontrollierte, was ich nahm. Einzig die Menge, und das war ein Problem, mich allwöchentlich von Lieblingsbüchern zu trennen. Ich begann also, sie mir nach und weiter zu erzählen, damit die Geschichten bei mir blieben.
Gibt es da ein Buch, das eine Initialzündung für Sie war?
„Die Sternenmühle“, Gedichte von Christine Busta, meine Mutter las sie uns vor, obwohl wir sie auswendig konnten. Es gab dieses Ritual des Erzählens, des Vorlesens – und für mich des Weiterdenkens. Dass es nicht normal sei, sich selbst Geschichten zu erzählen, entdeckte ich erst durch meine Schwester, die einmal meinte: „Also ich mache das nicht.“ Mit dem Unterton: Du bist komisch.
Sie haben sich also schon früh schreibend eine Wirklichkeit erschaffen. Hat das bei Ihnen ein Glücksgefühl ausgelöst?
Zum einen ein Glücksgefühl, ich war nicht allein, konnte Geschehnisse beeinflussen; zum anderen auch Angst. Ich erinnere mich noch gut, ich war in etwa zwölf oder 13, und begann einen Roman zu schreiben. Ab Seite 14 ängstigte ich mich derartig, dass ich über jenes Erzählmoment nie hinauskam. Bei dieser Geschichte ging es um Mord, also die Angst davor, das Lebensrecht abgesprochen zu bekommen. Ich begann auch ein Drama und machte mir plötzlich Sorgen, wer denn das spielen solle, weil sich meine Cousinen mehr mit herumalbern beschäftigten als mit einem ernsthaften Vortrag.
Ihr neuer Roman mit dem Titel „denn ihre Werke folgen ihnen nach“ ist ein literarisches Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. In gewisser Weise stellt er die Frage, ob die Literatur der Wirklichkeit folgt oder die Wirklichkeit der Literatur. Wie ist das nun?
Es gibt da keine Ausschließlichkeit. Einerseits ist es ein bisschen so, dass man sich als Autorin wie ein Blutegel von der Umgebung nährt. Was nicht heißt, dass es autobiografisch sein muss. Es gibt ein Zitat von Jonathan Franzen, der sagt: Ja, meine Romane sind autobiografisch, zu 17,5 Prozent. Das trifft es sehr gut. Aus wahren Elementen wird ein Kunstwerk gestaltet, eine Wirklichkeit im Text kreiert. In gewisser Weise ist Fiktion stets Lüge, weil sie nicht dem, was gemeinhin als Wahrheit gilt, entspricht und nicht entsprechen will. Wobei Wahrheit als Begriff per se fragwürdig ist. Kamov, der Protagonist meines Romans, hat panische Angst davor, dass es möglich sein könnte, sich die Wirklichkeit zu erschreiben, weil es einmal geschah. Das ist eine Angst, die Literatinnen kennen. Nicht in der übersteigerten Form des Herbeischreibens, aber aus dem Wissen heraus, dass Inspiration dadurch entsteht, was in einem ist.
Kamov sagt, dass Glückseligkeit für ihn „in der erzählten Verwandlung zu jemand anderen“ liegt. Was heißt das eigentlich?
Als Autorinnen dürfen wir dieses Glücksgefühl erleben, alles zu sein: Mann, Frau, Kind, Asiate, Gärtner, Universitätsprofessorin. Dazu müssen wir nicht diese exponierte Stellung wie Schauspielerinnen einnehmen, aber es ist der gleiche Prozess: in die Protagonisten eines Werks hineinschlüpfen. Gelingt es, entstehen plastische Figuren, die lebendig werden, obwohl sie nur auf Papier existieren.
Kamov denkt sich aber nicht nur in die historische Figur des Romans, in den aufklärerischen Gelehrten Marin Meresenne, hinein, sondern auch in die Autorin des gestohlenen Manuskripts, das er umschreibt.
Es geht bei Kamov um eine konstruierte Wirklichkeit auf einer anderen Ebene; beide, Kamov und sein Schüler Luca, beziehen sich auf Prousts Satz „Le principal trait de mon charactère“: Also die Sehnsucht als Motivation für das Schreiben, den Wunsch nach Liebe, nach Zuneigung, nicht nur nach Anerkennung, den man uns gemeinhin zuschreiben würde. Ich denke, dass Proust da den Finger in eine Wunde legt. Ich verstehe diesen Wunsch, wenn ich schon nicht um meiner eigenen Person willen geliebt werden kann, dann doch bitte wenigstens als schaffende Person fiktionaler Universen.
Wobei es bei Proust noch eine Spur weiter geht, denn es heißt da: Es geht nicht nur darum geliebt, sondern sogar liebkost zu werden. Ist das auch Ihre Motivation?
Das ist eine gemeine Frage! Es war, zumindest in den Anfängen, eine treibende Kraft, das Bedürfnis geliebt, gesehen zu werden, aber mehr als Schreibende denn als Person. Es geht nicht um Anerkennung, sondern um Zuneigung. Deshalb auch die Auseinandersetzung mit Proust. Ich würde aber hinzufügen, es hat sich über die Jahre verdünnt, ich ruhe mehr in mir selber. Für mich ist der dünne Boden jener Jahre auch in Verbindung mit einem Leben außerhalb der Normen zu sehen; nicht zu tun, was irgendwelche gesellschaftlichen oder moralischen Maximen für einen entscheiden. Ich komme aus einem katholischen Elternhaus, mein Vater war und ist Priester. Ich wuchs in dem Zwiespalt auf, wie man zu leben habe, stets mit der expliziten Aufforderung, das Leben reflektiert zu gestalten und für eigene Entscheidungen einzustehen. Leben ist nicht etwas, das man konsumiert. Das bedingt eine Freiheit, die aber auch Last sein kann.
Aber wenn man sich atypisch verhält, bekommt man doch auch Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit wollte ich nicht, die fand ich peinlich. Nein, ich wollte alles ausprobieren können. Mich haben deshalb schon früh Frauenbiografien interessiert. Ein klassisches Frauenleben mit irgendeinem Beruf, in dem man etwas ein bisschen tut, und sonst vor allem Mutter, Ehefrau ist, das wollte ich nie. Ich wollte aber auch nicht vergeistigte Intellektuelle sein müssen, die keine Ahnung von Kochkunst haben oder keine Kinder gebären darf, weil sie, wie Reich-Ranicki einmal meinte, dann keinesfalls gute Literatur schreibe. Ziemlich stupide. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)


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