Gleich nach Kriegsausbruch meldeten sich ihre Männer zum Kampf – und kehrten nicht zurück. Oksana Dudar und Iryna Dadak sind zwei von Tausenden Ukrainerinnen, die der russisch-ukrainische Krieg zu Witwen gemacht hat. Eine Reportage über letzte Worte, Lücken in der Geschichte und die Bedeutung des Andenkens.
Nachdem sie sich dreimal bekreuzigt hat, nachdem sie Wasser in die Vase gegossen und die Blumen hineingesteckt hat, nachdem sie Viktors Fotos mit einem Tuch gereinigt und sanft mit ihrer Hand berührt hat, sinkt Oksana Dudar auf den hölzernen Klappstuhl und rührt sich nicht mehr. Sie holt Luft. Schaut geradeaus. Es ist ein sonniger Tag. Ein Sonntag. Die Fahnen auf Viktors Grab flattern im Wind. Oksana atmet noch einmal tief ein. Vögel zwitschern. In der Ferne bellen Hunde.
Ja, sagt sie schließlich, es gibt da eine Frage, die sie an ihn hat. Es ist eine Frage, die eigentlich alle Hinterbliebenen von Gefallenen stellen. „Wie konnte das passieren?“ Oksanas Stimme zittert. Es ist der Versuch, die Umstände eines gewaltsamen Todes zu begreifen, der sich weit entfernt von ihr zugetragen hat, in einem Schützengraben, in einem verlassenen Haus, in einem Wäldchen, oder, wie in Viktors Fall: auf dem Dach eines Gebäudes. Und es ist der Versuch, den unbändigen Schmerz einzuhegen, einen Schmerz, mit dem Frauen wie Oksana nun leben müssen.