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Holzbau: Raus aus dem Korsett!

In puncto Baumaterialien hat sich viel getan: Der Holzbau befreit sich von seinem Nischendasein und ist in der Stadt angekommen. Blick auf einen prototypischen Büroturm in Dornbirn.

Die gute Nachricht: aus Zuschreibungen, die ihn früher wie ein Korsett einschränkten, hat der Holzbau sich endgültig selbst befreit. Nicht länger haftet dem Material Holz das Image an, exklusiv den alpinen Baustil zu vertreten, womit meist die auf sinnentleerte, platte Bilder reduzierte Tradition des bäuerlichen Bauens gemeint war, noch wird der Holzbau heute mit dem Behelfsmäßigen, Temporären und Billigen der Baracke aus der Nachkriegszeit assoziiert. Dass sich das Bauen mit Holz im letzten Jahrzehnt vom Zimmermannshandwerk hin zu einer systematisierten, mit industrieller Fertigung vergleichbaren Methode des Bauens entwickelt hat, ist auch außerhalb von Vorarlberg, das die Vorreiterstellung im modernen österreichischen Holzbau innehat, allgemein bekannt. Technische Innovation basiert im Wesentlichen auf drei Neuerungen: der Entwicklung von belastbaren, leicht zu bearbeitenden Holzwerkstoffen und Fertigungstechniken, die Produktionsabläufe rationalisieren, und dem Einsatz von EDV-gesteuerten Maschinen, die auch komplexe Konstruktionen wirtschaftlich fertigen können.

Es hat sich viel bewegt. Der Holzbau ist in der Stadt angekommen, und das ist nicht einmal überraschend, wenn man bedenkt, wie gut sich die Vorzüge des Materials für urbane Nachverdichtung, also für Aufstockung, Dachausbau und Sanierung, eignen. Zudem wurde in einem Forschungsprojekt an der Entwicklung eines bis zu 20-geschoßigen, energieeffizienten Hochhauses im Baukastensystem gearbeitet, um der Konkurrenz des Massivbaus etwas entgegensetzen zu können. Problemfelder wie Steifigkeit, Schallschutz oder Schallentkoppelung und der Brandschutz addieren sich dabei proportional zur Anzahl der Geschoße. Die Brandschutzbestimmungen der Länder limitieren die Höhe der Bauten, und so sind gebaute Beispiele von Hochhäusern noch so rar, dass jedes einzelne wie ein Star in den Medien präsentiert wird – der Murray Grove Tower in London, ein neun Geschoße hoher Wohnblock mit in Österreich vorgefertigten Elementen; das siebengeschoßige Wohnhaus einer Baugruppe am Berliner Prenzlauer Berg oder der acht Etagen hohe LifeCycle Tower (LCT) One, ein Büroturm in Dornbirn, der mit 27 Meter Höhe knapp unter der Hochhausgrenze blieb. Streng genommen sind sie alle Mischbauten, wenn auch mit hohem Anteil an konstruktiv eingesetzten Holzwerkstoffen. Sockelgeschoße, Haustechnikschächte und Erschließungskerne aus Stahlbeton als brandsichere Fluchtwege übernehmen dabei jene Aufgaben, die der reine Holzbau nicht oder nur mit großem Aufwand leisten kann.

Der Anspruch der Entwickler des LCT One, Architekt Hermann Kaufmann als Holzbauspezialist und der Vorarlberger Bauunternehmer Hubert Rhomberg als Investor, ging noch einen Schritt weiter. Das „One“ im Namen des Bauwerks verrät es: Dieses Gebäude, in das Forschungs- und Fördermittel geflossen sind, ist der Prototyp einer Holzfertigteil-Systembauweise, die in Zukunft erfolgreich vermarktet werden soll. Dabei produziert die eigens dafür gegründete Firma nicht selbst, sondern berät mit ihrem Know-how, übernimmt die Planung oder tritt als Generalplaner auf. Die Module des Systems, etwa die Hybriddeckenelemente im Holz-Betonverbund, sollen von regionalen Unternehmen vorgefertigt werden.

Die Industrialisierung der Fertigungsprozesse, die darauf abzielt, das Bauen mit Holz auf eine vergleichbare Kostenebene mit Massivbauweisen zu bringen, könnte ein Schritt zur Durchsetzung des Holzbaus im urbanen Raum sein, wo sein Anteil am gesamten Bauvolumen derzeit noch verschwindend gering ist. Während einige Fachleute der Meinung sind, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich Holz im Hochbau der Stadt durchsetzen kann, verweisen andere wie der Architekt Wolfgang Pöschl auf die Gefahr, um jeden Preis an die Grenzen der Anwendung zu gehen. Er plädiert dafür, sich bei jeder Verwendung von Holz die Frage zu stellen, was das Material in diesem Zusammenhang besser kann als andere. Natürliche Stärken von Holz wie seine sinnlichen, atmosphärischen Qualitäten sieht Pöschl gefährdet, wenn etwa extreme Anforderungen verlangen, dass konstruktive Teile in Holz geschützt und damit unsichtbar gemacht werden. Zur Reproduktion eignen sich auch jene spektakulären Bauwerke in Holz nicht, die immer wieder im Hallenbau erprobt werden. Extrem weit gespannte Gitterschalen, Kuppeln oder Schirme wie jene, die das riesige Expo-Dach in Hannover bilden, sprengen konstruktive Grenzen – mit Riesenaufwand. Der Wert des Experimentellen liegt darin, die Leistungsfähigkeit des Materials neu einzuschätzen und etablierte Bauvorschriften zu hinterfragen.

Die derzeit im Künstlerhaus Wien gezeigte Ausstellung „Bauen mit Holz. Wege in die Zukunft“ will uns die Qualität und Alltagstauglichkeit des Holzbaus über die Effizienz der Ressource Holz vermitteln. Holz als nachwachsender und vielfältig einsetzbarer Rohstoff, der Kohlendioxid bindet, wird anhand von fünf realisierten Bauwerken, deren Primärkonstruktion aus Holz besteht, einer vergleichenden Betrachtung von Lebenszyklus und Ökobilanz unterzogen. Zu jedem Gebäude wurde ein identisches Modell der Standardausführung mit einem alternativen Bauprodukt entwickelt. Wer die Bilanz näher betrachtet, Primärenergieverbrauch und Klimaentlastung im Vergleich studiert und sich dazu noch den immensen Holzvorrat in österreichischen Wäldern vorstellt, der fragt sich angesichts der analytischen Bewertung, die der Ressource Holz die größte ökologische Nachhaltigkeit bescheinigt, wieso der Holzbau nicht schon längst sein Nischendasein überwunden hat.

Dass Rohstoffverknappung noch kein schlagendes Argument für ein Umdenken ist, lehrt uns unser zwanghaftes Festhalten am Luxus individueller Mobilität. Der Mensch denkt in kurzen Zeiträumen. Im Kostenvergleich wird sich die überwiegende Mehrheit Bauwilliger für jenen Baustoff entscheiden, der niedrigere Anschaffungskosten verspricht. Vergleichende Energiebilanzen von Gebäuden über die Methode der Lebenszyklusbetrachtung sind selbst im öffentlichen Bau noch nicht obligatorisch.

Sollte es auf dem Weg in eine Holzbauzukunft eine „To do“-Liste geben, so wäre das Ablegen von ideologischen „Reinheitsgeboten“ anzuraten. Materialübergreifend planen: wo Holz gut einsetzbar ist, es verwenden, wo nicht, ein für diesen Zweck besser geeignetes Material wählen. Solcherart entspanntes Denken trägt dazu bei, die Qualitäten des Holzbaus hervorzuheben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)