Konzertkritik

Currentzis und seine „Utopia“: Am Gesamtklang hapert‘s noch

Begnadeter musikalischer Märchenerzähler: Der griechisch-russische Dirigent Theodor Currentzis, hier bei einem Auftritt in Salzburg.
Begnadeter musikalischer Märchenerzähler: Der griechisch-russische Dirigent Theodor Currentzis, hier bei einem Auftritt in Salzburg.Barbara Gindl/Afp
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Der Dirigent Theodor Currentzis und sein neues „Utopia“-Orchester spielten Mahlers Dritte im Wiener Konzerthaus - und wurden bejubelt.

„Was mir Teodor Currentzis im Konzerthaus erzählt“: Das kann man über die große Welterweckung mit Mahlers 3. Symphonie stellen, die der Maestro vor vollständig versammelter Anhängerschar im Konzerthaus wagte. Gemeinsam mit dem neu gegründeten Orchester „Utopia“, bei dem die Geigen und Bratschen nach Musicaeterna-Sitte stehend spielen. Sogar bei Mahlers „Sommernachmittagstraum“ in Überlänge mit Altsolo, Kinder- und Frauenchor. Wo acht Hörner Pan wecken, damit der Sommer einziehen kann, und Mahler, so in den später gestrichenen Satztiteln, hören lässt, „was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“, dann die Tiere, der Mensch, die Engel, am Ende die Liebe.

Zur Dritten hegt Currentzis eine große Affinität. Mit dem Werk trat er beim SWR Orchester in Stuttgart an, gastierte auch in Wien. Mit seinem russischen Orchester Musicaeterna existiert ein Videoclip, 2014 aus Perm, in dem man ihn von vorn sieht, wie er den letzten Satz, „Was mir die Liebe erzählt“, dirigiert. Ähnlich wie jetzt im Konzerthaus. Nur setzte er noch eins drauf und ließ die Melodien in den Streichern noch langsamer, noch unmerklicher aus dem Nichts emporschweben, als innigen Liebesgesang, der sich umso gewaltiger bis zum Großen und Ganzen und dem sehr lauten Finale steigern und aufbäumen konnte. Mahler will es in der Partitur zwar nicht so unverschämt leise und auch flotter, aber à la Currentzis macht das natürlich mächtig Effekt. Vor allem zeigen hier die Streicher von Utopia, wie schön sie klingen können, wenn sie nicht mit dem Restorchester wetteifern müssen.

Es fehlt (noch) die Homogenität

Dabei will das „neue internationale Projekt“ von Currentzis die „besten Musiker:innen aus aller Welt“ vereinen. Wenig ist darüber sonst zu erfahren. Zu hören ist jedoch, dass ein Orchester mehr als eine Summe von Instrumentalisten ist. Mögen sie auch noch so gut sein, wie das großartig gespielte Posthorn. Oder weniger, wie die dünnen Soli der Konzertmeisterin und die oft saure Posaune. In Sachen Gesamtklang, Homogenität, Eingespieltsein bleibt manches noch Utopie.

Aber die Musiker sind Currentzis ergeben, damit er sich als begnadeter Märchenerzähler beweisen kann, der jede Note umdreht, um sie neu zu hören. Mahlers flamboyanter Erzähldrang, seine musikalische Bilderflut kommen ihm perfekt entgegen. Etwa wenn die Trommel den geweckten, trägen Pan leise atmen lässt, bis der Sommer einbricht. Dann aber gedeiht die Natur! Wiebke Lehmkuhls herrlich klangvoller Alt in „O Mensch! Gib Acht!“ sorgt für eine kurze Weihestunde mit Nietzsche. Die Sängerknaben erheben gekonnt mit „Bimm bamm“ die schönen Engelsgesangsversuche der Damen der Wiener Singakademie. Am Ende bricht sich die Publikumsüberwältigung durch Currentzis wieder ungebremst Bahn.

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