Klassik-Kritik

Konzerthaus: Beethoven im Eilschritt durchlaufen

Das Wiener Kammerorchester raste unter Emmanuel Tjeknavorian durch Fünfte Symphonie und C-Dur-Messe.

In Erinnerung bleiben wird dieser Abend jedenfalls. So rasant haben sich nur wenige an Beethovens Fünfte gewagt. Dabei musste Emmanuel Tjeknavorian wissen, dass er das Wiener Kammerorchester mit seinen beinahe überdrehten, zügigen Tempi an den Rand seiner Möglichkeiten bringen wird, zuweilen auch darüber hinaus. Selbst im langsamen zweiten Satz wollte er von seinem Konzept, dem Schicksal im Eilschritt zu entrinnen, nicht ablassen. Mit Andante, wie dieser langsame Satz überschrieben ist, hatte seine Lesart wenig zu tun. Eher nahm sich dieser Abschnitt wie ein sehr unruhiges Intermezzo aus, in dem die Kantabilität ihren Reiz kaum entfalten konnte.

Mit einem brillanteren, homogeneren, flexibler auf seine immer wieder überraschend eingeblendeten Akzente reagierenden Klangkörper wäre es Tjeknavorian gewiss eindringlicher gelungen, seine eigenwilligen Vorstellungen zu realisieren. So mancher Akkord wäre nicht so abgerissen und harsch über die Bühne des Großen Konzerthaussaales gekommen, die Bläser hätten eleganter und präziser miteinander musiziert als es bei dieser ungestümen, stets spannenden Aufführung der Fall war.

Ob der hochbegabte, von Spontaneität nur so sprühende Dirigent gut beraten war, diesen Abend mit Beethovens C-Dur-Messe zu beginnen? So begrüßenswert es war, dieses Werk wieder einmal im Konzertsaal aufzuführen, so sehr hätte er darauf dringen müssen, dass sich das Orchester nicht gegen eine chorische Übermacht behaupten muss. So übertönte die von Heinz Ferlesch exakt vorbereitete Wiener Singakademie meist die Instrumentalisten, die sich nur selten Gehör verschaffen konnten.

Tjeknavorian ging es weniger um die Übermittlung der sakralen Botschaft des komplexen Werks, er konzentrierte sich mehr auf dessen theatralische Wirkung. Das machte durchaus Effekt, wenigstens in den dramatischen Momenten. Die lyrischen Passagen blieben blass. Zu sehr fokussierte sich der Dirigent auf Einzelheiten. Selten gelang es ihm, einzelne Abschnitte zu einem Bogen zu formen.

Den Anspruch eines zeitgenössischen Beobachters diese zukunftweisende C-Dur-Messe würde wenn auch „auf eine eigentümliche Weise“, gleichermaßen erheben und rühren, hat der junge Gipfelstürmer damit nicht eingelöst. Zu Chor und Orchester gesellten sich noch ein vom leuchtkräftigen Sopran Nikola Hillebrands und der eloquent phrasierenden Mezzosopranistin Anna Lucia Richter dominiertes Solistenquartett.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.