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Gefährlicher Grenzfluss: Flucht über die March

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Mehrere tausend Menschen flohen zur Zeit des Kommunismus über die March aus der Tschechoslowakei nach Österreich.

Am 13. Jänner 1952 wartet Tibor Molek mit vier weiteren Menschen am Ufer der March auf den Wechsel der Grenzposten, damit sie in einem günstigen Moment in den Fluss springen und von der tschechoslowakischen auf die österreichische Seite schwimmen können. Das Wasser ist kalt, die March unbändig, das Unternehmen dauert länger als erwartet. Dann fliegen Tibor Molek Gewehrkugeln um die Ohren. Die Grenzposten erwischen einen Flüchtling, ein anderer erleidet, wie sich Molek erinnert, noch während des Schwimmens einen Herzinfarkt. Nur zu dritt schaffen sie es nach Österreich. Sie verstecken sich in einem Dorf und schaffen es am nächsten Tag in die amerikanische Besatzungszone Wiens.

Die March ist, wie die Donau, in die sie bei Bratislava (Donaukilometer 1880) mündet, ein Grenzfluss. Heute trennt sie Tschechien von der Slowakei – und die Slowakei von Österreich. Als nasse Grenze war die March für viele tschechoslowakische Staatsbürger nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 auch ein Fluchtweg. Ein beschwerlicher Fluchtweg, wie sich der Journalist Molek in einem Interview mit dem Tschechischen Rundfunk (Český rozhlas) erinnert: „Dann bin ich wieder schwarz nach Deutschland. Die Grenze war für uns ja eine Leichtigkeit. Die schlimme Grenze war die zwischen der Tschechoslowakei und Österreich gewesen.“

Tatsächlich hat die Tschechoslowakei rund zwei Jahre vor Moleks Flucht begonnen, die Grenzen abzuriegeln. Drei Zaunreihen wurden errichtet, wobei der mittlere Zaun mit 4000 Volt und mehr gespeist wurde, erzählt der Historiker L'ubomír Morbacher vom Institut für Nationales Gedenken in Bratislava. Minen wurden eingesetzt, auch Wachposten und Hunde, die bisweilen allein patrouillierten und sich auf alles stürzten, was sich bewegte (die Hunde wurden abgezogen, nachdem sie auch Österreicher verletzt hatten, die sich grenznah aufhielten). Vor dem Bau des Eisernen Vorhangs sind die Flüchtlinge noch mit Schlauchbooten über die March geflohen. Danach, zu Moleks Zeit, war die Flucht – wenn überhaupt – nur dann möglich, wenn die Betroffenen schwimmen konnten. Und Kontakte in Österreich hatten, die die weitere Flucht organisierten.

Die March als „Fluchtweg“ hatte bereits vor dem Kommunismus eine gewisse Tradition. Damals wurden Zigaretten und andere Waren über die Grenze gebracht – und nicht wenige dieser Schmuggler waren später als Fluchthelfer aktiv. Sie kannten die Wälder, die Wege, später wussten sie, wann sich die Wachen wo abgewechselt haben. Ihre Anwesenheit war allerdings kein Garant für einen sicheren Übergang, praktisch alle Fluchtversuche waren und blieben lebensgefährlich. Was wiederum einige nicht davon abhielt, auf eher abenteuerliche Weise über die March zu fliehen, schildert Morbacher. In Bastelarbeit wurden provisorische Flugzeuge gebaut und eingesetzt, drachenähnliche Flieger oder Luftballons. Dokumentiert sind auch aufsehenerregende Fluchtversuche von DDR-Bürgern, die über die March nach Österreich und anschließend in die Bundesrepublik fliehen wollten.

Entführung von Flüchtlingen. Bei der Burg Devín, wo die March in die Donau mündet, sind sich die Slowakei und Österreich zum Greifen nah. Während der kommunistischen Zeit war freilich auch dieser Fleck abgeriegelt, aber hier konnte man einander – bewacht – begegnen. Viele Flüchtlinge, die es nach Niederösterreich geschafft hatten, verabredeten sich hier mit ihren Angehörigen, um sich verabschieden zu können. Ihre weitere Flucht war indessen keineswegs bequem; ganz besonders nicht in der ersten Hälfte der 1950er-Jahre. Niederösterreich war nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetisch besetztes Gebiet. Hier – aber auch in den anderen Bundesländern – war der tschechoslowakische Geheimdienst gut vertreten, wie der Fall von Bohumil Laušman aufzeigt.

Der sozialdemokratische Politiker floh 1949 nach Österreich und ließ sich in Salzburg nieder. Kurz vor dem Heiligen Abend im Jahr 1953 wurde Laušman von Agenten aus seiner Wohnung verschleppt und in die Tschechoslowakei gebracht, wo er inhaftiert wurde. Zehn Jahre später starb er unter mysteriösen Umständen in einem Prager Gefängnis. Laušman sollte kein Einzelfall bleiben; Dutzende weitere Flüchtlinge wurden vom tschechoslowakischen Geheimdienst gekidnappt.

Daher war Österreich für viele Flüchtlinge ein Transitland – auf dem Weg in die USA oder nach Australien. Wie viele es tatsächlich über die March geschafft haben, lasse sich schwer einschätzen, sagt Morbacher. Einige tausend werden es gewesen sein. Einige tausend mehr waren es während des Prager Frühlings 1968; am Ende des Jahres befanden sich über 200.000 tschechoslowakische Staatsbürger in Österreich. Nachdem der Prager Frühling zerschlagen wurde, blieb der Eiserne Vorhang wieder eisern. Auch wenn in der Zwischenzeit die Hochspannungsleitungen von Niederspannungsleitungen abgelöst wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)