Brienz

Riesige Felsmassen verfehlen Schweizer Bergdorf nur knapp

Die Steinmassen kommen knapp vor dem alten Schulhaus zum erliegen.
Die Steinmassen kommen knapp vor dem alten Schulhaus zum erliegen.APA / AFP / Arnd Wiegmann
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Der Ort Brienz war bereits im Mai evakuiert worden. In der Nacht ging der erwartete Felssturz ab. Schäden werden im Laufe des Tages geprüft.

Mit höllischen Getöse ist in der Nacht der seit Wochen erwartete Felssturz bei Brienz in der Schweiz passiert. Riesige Felsmassen stürzten den Hang hinunter und blieben nur wenige Meter vor dem alten Schulhaus des Bergdorfes auf rund 1.100 Metern Höhe liegen. Eine Straße oberhalb des Dorfes liege meterhoch unter Schutt, sagte Christian Gartmann, Sprecher der Gemeinde Albula, zu der Brienz gehört. Der Felssturz passierte zwischen 23.00 Uhr und Mitternacht.

Im ganzen Talkessel sei es sehr laut gewesen. Der Krisenstab der Gemeinde tagte zweimal in der Nacht und wertete im Morgengrauen erste Fotos aus. „Brienz hatte großes Glück“, sagte Gartmann dem Sender SRF. „Wir gehen im Moment nicht davon aus, dass es Schäden gab.“

Ob die Wohnhäuser und die Kirche aber wirklich völlig verschont blieben, sollte im Laufe des Tages bei einen Helikopterflug geprüft werden. „Bei solchen Ereignissen krachen manchmal Felsblöcke auf andere Blöcke. Dann gibt es Splittersteine von der Größe einer Faust bis zu einem Fußball“, sagte Gartmann. Sie könnten „wie eine Kanonenkugel“ Hunderte Meter durch die Luft schießen und Fensterscheiben oder andere Gebäudeteile beschädigen.

Installierte Kameras nahmen Situation rund um die Uhr auf

Brienz im Kanton Graubünden rund 25 Kilometer Luftlinie südwestlich von Davos ist seit Wochen gesperrt. Niemand hält sich dort auf. Nur installierte Kameras haben rund um die Uhr aufgezeichnet, was passiert. Am Mittwoch waren bereits riesige Felsbrocken abgestürzt. Alles blieb nach erstem Augenschein auf Wiesen vor dem Dorf liegen.

Brienz vor dem Felssturz im Mai.
Brienz vor dem Felssturz im Mai.Reuters / Denis Balibouse

Vorher-Nachher-Bilder zeigen nun die massiven Veränderungen im Landschaftsbild. Am Vortag waren in dem Gebiet noch nackte Felsen, einzelne Brocken, helles und dunkles Gestein sowie darunter Wiese, Bäume und eine Holzhütte zu erkennen. Am Freitag lag dies alles unter einem gigantischen grauen Schuttberg. Das Dorf sieht auf den Bildern im Vergleich dazu wie eine Miniaturanlage aus.

Unterhalb des Dorfes waren vorsichtshalber Straßen und Bahnstrecken gesperrt worden. Der Bahnverkehr in den Ferienort St. Moritz wird umgeleitet, weil die Strecke zwischen Tiefencastel und Filisur gesperrt ist, wie ein Sprecher der Rhätischen Bahn sagte. Der 6. Etappenstart des Fahrradrennens Tour de Suisse musste am Freitag von La Pont nach Chur verlegt werden.

Klimawandel ist nicht Auslöser des Bergsturzes

Anders als beim jüngsten Bergsturz bei Galtür in Tirol ist in Brienz nicht der Klimawandel Auslöser. Er führt andernorts dazu, dass der Permafrost schmilzt, also das Eis, das Fels in großen Höhen wie Klebstoff zusammenhält. In Tirol waren am vergangenen Sonntag rund 100.000 Kubikmeter abgestürzt. Hunderte Meter des Südgipfels des Fluchthorn-Massivs samt Gipfelkreuz brachen ab. Das Felsmaterial landete fernab von bewohnten Gebieten und gefährdete niemanden.

Der Berg oberhalb von Brienz ist nach Angaben von Experten aber seit Jahrtausenden in Bewegung. Die Rutschung hatte sich über Jahre beschleunigt. Diese Woche rutschten die Felsmassen schon mit einer Geschwindigkeit von 40 Metern pro Tag. Als es im Frühjahr zu brenzlich wurde, hatte die Gemeinde beschlossen, die rund 80 Einwohner in Sicherheit zu bringen. Sie harren seit Mitte Mai bei Verwandten oder in Ferienwohnungen in der Region aus.

In Brienz rechneten Geologen mit dem Abrutschen von zwei Millionen Kubikmetern Gestein, 20 Mal so viel wie in Tirol. Wie viel davon in der Nacht heruntergekommen ist, war am Freitag noch nicht abzuschätzen. Es war auch noch unklar, ob weiterhin Gestein Richtung Dorf rutscht. „Wir gehen derzeit davon aus, dass dies leider noch nicht ganz alles war“, sagte Gemeindesprecher Gartmann. Entsprechend war nicht abzusehen, wann die Menschen ins Dorf zurückkehren können.

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