Unter dem NS-Regime wurden Tausende jüdische Familien zerrissen. Viele finden erst in den nächsten Generationen zueinander. So auch die Cousinen Reiss.
Sie streckt sich, um mit der Fingerspitze die graue Mauer abzutasten. Rina Reiss sucht an der Shoah-Gedenkstätte im Ostarrichipark unter 64.500 Namen jenen ihres Großvaters, Sigmund Reiss. Dafür ist sie extra aus Australien angereist. Kurz lächelt sie auf, so, als hätte sie einen kleinen Erfolg. Dann erstarrt ihr Blick. „Es sind so viele von uns. Plötzlich wird alles so real. Ihr Kampf, ihr Einsatz. Das Leid unserer Familie.“ Sie wendet den Kopf zur Seite, blickt zu ihrer Cousine, Marian Reiss-McKenna. 68 Jahre hat es gedauert, bis sie zum ersten Mal aufeinandertreffen. Ausgerechnet in Wien, dem Geburtsort ihrer Väter, Georg und Gerhard Reiss. Diese mussten als jüdische Teenager vor dem NS-Regime fliehen.
Gerhard war zu dem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt, wohnte mit seiner Schwester und ihren Eltern in der Kleinen Neugasse. Er erzählte später oft davon: „Mein Vater hat nie eine Gelegenheit verpasst, um von Wien zu schwärmen. Die Familie hat hier viel Zeit zusammen verbracht, sich häufig zum Essen oder Spielen getroffen. Er hat die Eleganz, den Prater und die Atmosphäre der Stadt geliebt.“ Bis sein Vater, Marians Großvater, Sigmund, 1938 ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht wurde. „Es gab nur ein kleines Zeitfenster, in dem man ausreisen konnte“, weiß sie aus Erzählungen. Sigmund sollte mit seinen Eltern neun Jahre in Shanghai bleiben, bevor sie 1947 in Amerika Fuß fassten. Dort wuchs Marian auf und zog erst kürzlich von Kalifornien nach New York. „Unsere Familie lebt verteilt über fünf Kontinente. Es ist schwer herauszufinden, wo sich die Verwandten niedergelassen haben.“