Die Rolle der griechischen Küstenwache steht nach dem Schiffsunglück mit Hunderten Toten auf dem Prüfstand. In Pakistan, woher ein Großteil der Ertrunkenen stammte, will man hart gegen Schlepper vorgehen.
Nach dem Schiffsunglück im Mittelmeer mit mehreren Hundert ertrunkenen Flüchtlingen aus Afrika läuft jetzt die Suche nach den Schuldigen. Die griechischen Behörden baten am Wochenende die europäische Polizeibehörde Europol um Hilfe bei den Ermittlungen. Die UNO fordert eine Untersuchung der Vorfälle. Neun mutmaßliche Schleuser, die an Bord des untergegangenen Kutters waren, wurden gerettet und dann festgenommen. Sie sollen einer großen Bande angehören. Die Fahnder wollen jetzt die Hintermänner des Schleuserrings ermitteln.
Unter den Toten sind hunderte Menschen aus Pakistan, wie die pakistanischen Behörden am Sonntag mitteilten. Der Vorsitzende des Senates, Muhammad Sadiq Sanjrani, sagte in einem Statement, dass unter den Toten mindestens 300 pakistanische Staatsbürger seien. Außerdem sprach er von der „Notwendigkeit, das Problem des Menschenhandels“ in Pakistan anzusprechen.
Die pakistanischen Behörden haben zehn mutmaßliche Schlepper festgenommen, die Teil dieses Schleuserrings sein sollen. Neun Verdächtige wurden im pakistanischen Teil Kaschmirs gefasst, von wo auch ein Großteil der bei dem Unglück ertrunkenen Pakistaner stammte. Eine weitere Festnahme gab es in Gujrat. Der pakistanische Regierungschef Shebaz Sharif kündigte ein strenges Vorgehen gegen Schlepper an. Diese sollten „hart bestraft“ werden.
Pakistan in großer Wirtschaftskrise
Pakistan befindet sich mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die Inflation setzt dem 220-Millionen-Einwohner-Land zu. Lebensmittel müssen importiert werden, immer wieder kommt es bei Verteilungszentren zu Unruhen. Auch die politische Situation ist instabil, es tobt ein Machtkampf zwischen Regierung und Opposition. Immer mehr Menschen versuchen, das Land zu verlassen, um Job und Überleben in Europa zu finden. Der Montag wurde in Pakistan zum offiziellen Trauertag erklärt.
Aber auch in Ägypten kam es zu Festnahmen: Neun Ägypter zwischen 20 und 40 Jahren, die den Schiffsbruch überlebten, wurden verhaftet. Die Bande soll in den vergangenen Monaten bis zu 18 Fahrten übers Mittelmeer aus Libyen nach Italien organisiert haben. Einer der Männer habe zugegeben, Geld dafür erhalten zu haben, um während der Reise Arbeiten am Schiff vorzunehmen, berichteten griechische Medien. Die anderen Männer sollen bisher alle Vorwürfe abstreiten.
Griechische Küstenwache setzt sich mit Bericht zur wehr
Gegen die griechische Küstenwache gibt es von vielen Seiten schwere Vorwürfe: Sie sei nach Entdeckung des Kutters nicht eingeschritten. Einige Medien zitierten Überlebende, die Küstenwache habe den Untergang sogar erst verursacht, indem sie das Boot Richtung Italien habe schleppen wollen. Die UNO forderte, die Rolle der Küstenwache genau zu untersuchen.
Die Küstenwache setzte sich aber gegen die Kritik zur Wehr, bei ihrem Einsatz am Mittwoch den Tod der bis zu 700 Menschen an Bord des Schiffes in Kauf genommen zu haben. Am Sonntag veröffentlichte die griechische Zeitung „Kathimerini“ das Protokoll eines Berichts, den der Kommandant des Patrouillenboots 920 seiner Vorgesetzten gegeben habe. Demzufolge bot der Kapitän dem völlig überfüllten Fischkutter etwa zwei Stunden vor dem Unglück Hilfe an, was von dort aber abgelehnt worden sei.
BBC veröffentlicht Satellitendaten
Diesem Bericht widersprechen Satellitendaten, welche die BBC veröffentlichte: Angeblich hatte sich das überfüllte Migrantenboot sieben Stunden lang überhaupt nicht bewegt. Die Küstenwache spricht aber davon, dass das Boot zwischen 19.40 Uhr und 22.40 Uhr mit „stetigem Kurs und Geschwindigkeit“ unterwegs gewesen sei. Zudem sollen zwei andere Schiffe dem Flüchtlingsboot Wasser und Vorräte übergeben haben. Die Daten sollen belegen, dass sich das Unglücksboot kaum von der Stelle bewegt hat und sich auch die Aktivitäten der Küstenwache rund um diese Stelle konzentriert hat. Zur Zeit, als das Boot sank, befanden sich etliche private Schiffe in der Gegend, die dann bei der Bergung halfen.
An der Unglücksstelle wird weiter nach Menschen gesucht - ohne Erfolg. Hoffnung, jetzt noch Überlebende zu finden, gibt es keine mehr. Zudem müssen die 78 geborgenen Todesopfer identifiziert und die 104 Überlebenden registriert werden.
Die Katastrophe vor Griechenlands Küste löste international Entsetzen aus. Papst Franziskus sagte am Sonntag in Rom, mit „großer Trauer und viel Schmerz“ habe er davon erfahren. Er mahnte, „alles Mögliche zu tun, damit solche Tragödien sich nicht wiederholen“. (red)