TV-Notiz

„Nennen Sie mich nicht Darlings“: Streit um Rammstein bei „Im Zentrum“

„Warum glaubt man einem Mann? Und vielen jungen Frauen nicht?“ Das fragte Grün-Politikerin Meri Disoski.
„Warum glaubt man einem Mann? Und vielen jungen Frauen nicht?“ Das fragte Grün-Politikerin Meri Disoski.(c) Screenshot ORF
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Frauen gegen Männer oder jeder gegen jede? Bei der gestrigen Diskussion um Drogen, Sex und Machtmissbrauch blieb die Gesprächskultur jedenfalls auf der Strecke.

„Wenn Männer mir die Welt erklären. Ich bin heute in Folge 50 angekommen, glaube ich.“ Meri Disoski, Frauensprecherin der Grünen, war nach 20 Minuten „Im Zentrum“ schon ziemlich genervt. Von den männlichen Gästen, vor allem. Dass die Diskussion rund um die Vorwürfe gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann wegen sexueller Übergriffe zum Geschlechter- und Generationenkampf werden würde, war wohl vorgezeichnet. Auch wegen der etwas klischeehaften Einladungspolitik: Zwei junge Frauen mit besonders klar gefassten Urteilen argumentierten gegen drei nicht mehr ganz so junge Männer mit Kontextualisierungen.

Da war etwa Rudi Dolezal, Regisseur und Musikproduzent, der von Elvis und den Rolling Stones erzählte, über Kunst und Freiheit räsonierte und recht ausführlich erklärte, dass „Rock‘n‘Roll kein Kindergeburtstag und keine Klosterschule“ ist. Sex hinter der Bühne, das Aussuchen von Mädchen, das sei nicht gut, aber immer so gewesen. Wobei er das durchaus von den strafrechtlich relevanten Vorwürfen trennte, was aber im allgemeinen Durcheinander verblasste.

Denn irgendwie redeten alle aneinander vorbei. Etwa in der Frage, wo und wann es denn zu Übergriffen komme. Der Satz „Am Konzert passiert ja nichts“ (so plakativ gesagt von „Presse“-Musikkritiker Samir Köck) führte in ein wildes Durcheinander von Argumenten. Was findet auf der Bühne statt, was vor und nach den Konzerten, geht es nun „nur“ um die Bandmitglieder als Täter oder die Fans? Sind 40 Jahre Gefängnis nun eine drakonische Strafe oder nicht? Und auf welcher Basis darf man das beurteilen? Es stießen Welten aufeinander.

Auch sprachlich. So nannte Dolezal, der auch mit Rammstein Videos produzierte, die Frauen in der Runde nicht nur einmal „Darlings“. Muss einem auch einmal einfallen, bei einer solchen Diskussion. Seltsamerweise reagierte beim ersten Mal niemand darauf. Auch nicht die so angesprochene Journalistin und Podcasterin Alexandra Stanić („keine Bühne für mutmaßliche Täter“), die sich beim Sprechen teils selbst überholte, um toxische Männlichkeit in allen Facetten zu geißeln.

„Wenn Sie anderer Meinung sind, sind Sie Teil des Problems“

So wollte sie auch nichts von Ulrich Körtner hören, der die Diskussion auf eine etwas abstraktere Ebene heben wollte. Stanić, die ihn abkanzelte: „Es geht hier um Machtmissbrauch, um sexualisierten, und Sie heben es auf so eine Metaebene, so philosophisch, und man hört Ihnen so gern zu, aber in Wahrheit denk‘ ich mir, eine Frau ist eine Frau zu viel. Und wenn Sie anderer Meinung sind, dann sind Sie Teil des Problems.“ Darauf antworten durfte er nicht wirklich.

Und so blieb von der Diskussion vor allem: schlechte Gesprächkultur. Ein Teilnehmer kicherte kindisch, als eine Frau den Moderator missverstand. Eine Teilnehmerin fiel anderen wieder und wieder ins Wort. Sodass die zentralen Fragen untergingen. „Was erreichen wir damit, wenn wir die Rammstein-Konzerte absagen?“ rief Dolezal, der darin keinen Sinn sehen konnte. „Ein politisches Zeichen setzen“, rief Stanić zurück: nämlich dafür, dass man Frauen glaube. Sie hatte es nicht zum ersten Mal gesagt, aber Dolezal gab sich in dieser Hinsicht taub. Ein „Aber geh“ kam als Antwort, flankiert von einem „80.000 Tickets, Darlings, bitte“. Was diesmal nicht ungehört blieb („Nennen Sie mich nicht Darlings!“). Der Protest ging aber im allgemeinen Tohuwabohu unter.

„Wir kommen doch so nicht weiter“, seufzte irgendwann Körtner. Man habe sich doch getroffen, um über systemische Probleme der Musikbranche zu sprechen. „Und dann verrühren wir irgendwie alles miteinander, da ist wenig Erkenntnisgewinn“, sagte er. Was in Bezug auf die Diskussion natürlich stimmt. Zumindest sah man aber, wie weit die Positionen (der Geschlechter, der Altersgruppen) auf diesem Feld voneinander entfernt liegen. Nämlich meilenweit.

Es diskutierten bei Tarek Leitner:

Meri Disoski, stellvertretende Klubobfrau und Frauensprecherin, Die Grünen
Rudi Dolezal, Regisseur und Musikproduzent; hat das Video zu Rammsteins Lied „Engel“ produziert,
Samir Köck, Musikjournalist
Alexandra Stanić, Journalistin und Podcasterin
Ulrich Körtner, Ethiker und Theologe

>> Die Sendung zum Nachschauen

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