Gastkommentar

Der schiefe Lueger wird stürzen

Mit der Entscheidung, das Lueger-Denkmal schief zu stellen, wird die Debatte sicher nicht zu einem Ende kommen.

Von Liam Hoare

Wien geht zurück in die Zukunft. Im Sommer 2020 wurde das Lueger-Denkmal erstmals mit dem Wort „Schande“ besprüht und ein Kampf über seine Zukunft ausgelöst. Demzufolge habe sich das Rathaus der Frage nach einem zeitgemäßen Umgang mit dem Monument und der Person Karl Luegers gestellt. Die Antwort darauf: ein Entwurf, der erstmals vor über zehn Jahren vom Künstler Klemens Wihlidal vorgeschlagen wurde. Nächstes Jahr wird die Statue Luegers aufgereinigt und um 3,5 Grad nach rechts gekippt.

Sicherlich ist „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ eine Verbesserung der bestehenden temporären Kontextualisierung des Denkmals. Die bombastische, fehlerhafte Installation „Lueger Temporär“ von Nicole Six und Paul Petritsch, die im Oktober unter Protest enthüllt wurde, lief auf nichts als ein buntes, minderwertiges Collage-Projekt anderer Erinnerungszeichen von Lueger in Wien hinaus, das das Denkmal als Diskussionspunkt relativierte und minimierte. Ein Lueger am Dr.-Karl-Lueger-Platz war und ist genug, geschweige denn 16.

Wihlidals Intervention scheint im Gegensatz dazu schlicht und schmucklos, aber genau aus diesem Grund ist sie auch zum Scheitern verurteilt. So ein minimaler künstlerischer Eingriff, der nicht an der Statue erfolgt, sondern am Sockel, kann weder die Ehrwürdigkeit noch die Monumentalität des Denkmals brechen. Ob es aufrecht steht oder um 3,5 Grad nach rechts geneigt wird – es bleibt eine Hommage, die Lueger in Bronze und Kalkstein verewigt und seinen Personenkult aufpoliert.

„Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ beleuchtet weder Luegers politischen Antisemitismus noch seinen katholischen Suprematismus. In diesem Sinn begeht das Projekt denselben Fehler wie „Lueger Temporär“: Es trifft den Kern der Sache nicht. Deshalb hat Victoria Borochov, Präsidentin der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen, es mit Fug und Recht als „Schlag ins Gesicht für die Betroffenen von Antisemitismus“ bezeichnet.

Der Autor

Liam Hoare (*1989 in Crawley, Großbritannien) ist Europe Editor des „Moment Magazine“, einer Zeitschrift über jüdische Kultur, Politik und Religion, und lebt in Wien.

Würde das Graffito beseitigt, wie die veröffentlichte Fotomontage des Plans zeigt, dann würde dieses Problem noch verschärft. Das Denkmal zu reinigen und die Schiefertafel zu wischen wäre ein Akt der Dekontextualisierung, der das Monument wieder unsichtbar machen und die Diskussionsgrundlage über das Lueger-Denkmal ausradieren würde. Geschichte dürfe auf keinen Fall der Cancel Culture zum Opfer fallen, so die Wiener ÖVP, aber die Aufarbeitung dieser Geschichte kann man angeblich mit Chemikalien und anderen Reinigungsmitteln ganz einfach und folgenlos wegwaschen.

Forderung leider ignoriert

Seit zwei Jahren liegt ein umfassender Plan auf dem Tisch, die Figur Luegers von seinem Sockel zu entfernen, den Platz umzubenennen und das Areal in eine permanente Außenexposition über die Geschichte des Antisemitismus in Wien umzugestalten. Diese von Künstlerinnen, Historikerinnen und jüdischen Studentinnen und Studenten unterstützte Forderung wurde leider ignoriert. Die Stadt Wien versuchte bei ihrer Kontextualisierungspolitik, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu führen und einen Weg der Mitte zu finden. Dabei hat sie das konservative Lager befriedigt, aber all jene verprellt, die dieses Denkmal als Stachel im Fleisch empfinden.

Ohne einen echten Bruch mit der Vergangenheit wird die Frage, was Wien mit diesem Denkmal tun sollte, in naher Zukunft wieder aufgegriffen werden müssen. Die Debatte wird nicht zum Ende kommen, bis das gekippte Denkmal stürzt.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2023)

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