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BRANCHENGESPRÄCH

Parkinson: Besser verstehen, besser therapieren

Bastiaan R. Bloem, Eva Komarek und Werner Poewe.
Bastiaan R. Bloem, Eva Komarek und Werner Poewe.Günther Peroutka
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Im Gespräch. Weltweit nimmt die Zahl der an Morbus Parkinson erkrankten Menschen rasant zu. Ein Expertengespräch über neue Erkenntnisse und die Vorteile einer multidisziplinären Versorgung.

Parkinson ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. In Österreich leiden geschätzte 25.000 Menschen über 45 Jahren daran. Weltweit sind rund sechs Millionen Menschen davon betroffen – Tendenz steigend. Unspezifische erste Anzeichen für die beginnende Krankheit können Verstopfungen, Depressionen, Schlafstörungen oder gestörtes Geruchsempfinden sein. Betroffene gehen für eine Diagnose aber meist erst dann zum Arzt, wenn sie die für die Krankheit als typisch geltenden klassischen Symptome wie Bewegungsverlangsamung, Steifigkeit oder Ruhezittern bemerken. Zu diesem Zeitpunkt läuft der Erkrankungsprozess im Gehirn jedoch schon seit vielen Jahren. Ein wesentlicher Aspekt ist die Früherkennung, die bessere Chancen für einen Behandlungseffekt auf den Krankheitsverlauf bietet, wobei Medikamente, Bewegungstherapie und angepasste Lebensführung wichtige Bausteine sind.

Neueste Erkenntnisse darüber präsentierte das Pharmaunternehmen AbbVie in einer Gesprächsrunde mit den Experten Professor Bastiaan R. Bloem, Direktor des Kompetenzzentrums für Parkinson und Bewegungsstörungen am Radboud University Medical Centre in Nijmegen, Niederlande, und dem em. o. Univ.-Prof. Werner Poewe, ehem. Vorstand Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck. Durch das Gespräch führte Eva Komarek, General Editor for Trend Topics (Styria).

Störungen der Motorik

Parkinson hat viele Symptome, doch die meisten Menschen verbinden damit vor allem Störungen in den Bewegungsabläufen, die im Verlauf der Krankheit weiter zunehmen. „Das augenfälligste Symptom ist natürlich das sogenannte Ruhezittern, das meist einseitig bei einer Hand beginnt“, erläuterte Poewe. „Das ist noch nicht weiter behindernd, denn die Betroffenen können durchaus mit dieser Hand ein Glas heben und wieder abstellen, denn das Zittern hört bei der Handlung temporär auf.“ Das wirklich einschränkende der Erkrankung sei aber eine fortschreitende Minderung der Beweglichkeit, die sich in allen möglichen Alltagssituationen äußert. „Das kann beispielsweise den Gang betreffen, bei dem ein Bein stets nachgezogen werden muss“, fuhr der Professor fort, „oder die Haltung, bei der Kopf und Rumpf gebeugt sind. Es kann im weiteren Verlauf zu einer Winkelstellung der Arme oder einer Gesichtsstarre kommen.“ Mit der Zeit leide auch die Geschicklichkeit unter der fortschreitenden Krankheit. Meist werde die Handschrift kleiner, das Halten von Messer und Gabel fiele zunehmend schwerer oder das Verschließen von Knöpfen werde zur nervenaufreibenden Herausforderung. „Diese Verlangsamung der Bewegungsabläufe wird unter dem Fachbegriff Bradykinese zusammengefasst“, erläuterte Poewe. „Glücklicherweise lassen sich diese Symptome heute bereits gut behandeln.“ Doch eine Erkrankung an Parkinson sei weitaus komplizierter als nur die motorischen Behinderungen, denn im fortgeschrittenen Stadium werde die Therapie anspruchsvoller und vor allem weniger zuverlässig.

Ging man bis vor rund fünfzehn Jahren noch davon aus, dass Parkinson eine Krankheit der Bewegungsstörungen sei, weiß man mittlerweile, dass sie eine Vielzahl an Krankheitsfolgen nach sich zieht. „Wie Professor Poewe bereits erwähnte, zählt Parkinson zu den kompliziertesten Erkrankungen, die wir kennen“, unterstrich Bastiaan Bloem, einer der führenden Parkinson-Spezialisten weltweit und Träger des anerkannten Stevin-Preises. „Neben den bereits erwähnten Bewegungsstörungen gibt es nämlich ein breites Spektrum an nichtmotorischen Symptomen“, erläuterte er. Neuropsychiatrische Symptome wie Angst, Depression, Tagesmüdigkeit, Fatigue-Syndrom, kognitive Einschränkungen, Schmerzen, Inkontinenz und Demenz sind nur einige davon. „Man könnte sagen, die motorischen Symptome sind nur die Spitze des Eisbergs, und das, was unter der Wasseroberfläche passiert, sind die weitaus beträchtlicheren Einschränkungen und Behinderungen, die Parkinson-Erkrankten das Leben zunehmend erschweren.“

Den Ursachen auf der Spur

„Parkinson war vor 1817, als der Londoner Arzt und Apotheker James Parkinson als erster eine Abhandlung über diese Krankheit veröffentlichte, eine seltene Krankheit“, erzählte Bloem weiter. „Als man dann ab dem Zweiten Weltkrieg begann, in der Landwirtschaft Pestizide zu verwenden, änderte sich das, denn plötzlich litten mehr Menschen daran. Mittlerweile ist bekannt, dass Pestizide bei Mäusen Parkinson auslösen können.“ Andere Studien wiederum haben einen Zusammenhang zwischen Parkinson und dem organischen Lösungsmittel Trichlorethylen nachgewiesen, das unter anderem in der Metallindustrie und der chemischen Reinigung verwendet werde. „Ich bin davon überzeugt, dass für die Entstehung der Parkinsonkrankheit neben der genetischen Anfälligkeit auch Umwelteinflüsse wie eben der verstärkte Einsatz schädlicher Chemikalien eine wesentliche Rolle spielen“, unterstrich Bloem. Das erkläre auch die rasante Zunahme der steigenden Fallzahlen.

„Zu der Seltenheit der Krankheit vor 1817 gilt es aber auch zu bedenken, dass es davor noch keine überzeugende Beschreibung der Krankheit gab“, warf Poewe ein. „Das lag vermutlich damals wie heute an der Fehldeutung der Krankheit, die man aufgrund der auffälligen motorischen Symptome wie einer gebeugten Haltung, dem Ruhezittern oder Nachziehen des Beines als normale Alterungsprozesse fehlgedeutet hat – etwas, was auch heute noch manchmal vorkommt.“ Dadurch fielen Betroffene über 80 Jahre auch heute oft aus dem Statistikraster, da die Krankheit bei ihnen nicht mehr diagnostiziert werde. Bloem ergänzte in diesem Zusammenhang: „Die fehlende Zahl der älteren Betroffenen ist natürlich eine nachvollziehbare Tatsache, dennoch möchte ich festhalten, dass mittlerweile 30 Prozent der Patienten jünger als 65 Jahre alt sind und zehn Prozent sogar jünger als 50. Ein Grund mehr, warum die Umweltbelastung ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung der Erkrankung sein könnte.“

Ist Parkinson vererbbar?

„Das werden wir sehr oft gefragt“, antwortete Poewe. „In der Regel handelt es sich bei Parkinson nicht um eine Erbkrankheit im eigentlichen Sinne. Aber es gibt Ausnahmen. In diesem Fall sprechen wir von einer monogenen Parkinsonkrankheit, also eine durch Mutation eines einzelnen Gens verursachte Erkrankung, die an die nächste Generation weitergegeben werden kann.“ Untersuchungen zufolge machten erbliche Formen allerdings nur fünf Prozent aus. Heute gehe man davon aus, dass Parkinson durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren entstehe. Daher sei die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aufgrund der Mutation erkranke, eher gering. „Aber“, ergänzte Poewe, „man kennt inzwischen eine Vielzahl an Risikogenen, die eine Anfälligkeit der Krankheit erhöhen.“

Mithilfe von Parkinson-Risiko-Screenings sei man bald in der Lage, gefährdete Personen zu identifizieren und präventive Therapien zu entwickeln. Einfache Blut- oder Riechtests könnten in absehbarer Zukunft die Diagnose vereinfachen.

Wissensaustausch im Fokus

Je nach Schweregrad der Erkrankung gibt es heute verschiedene Ansätze zur Behandlung von Parkinson. „Da es gegenwärtig keine Therapie gibt, die das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen oder aufhalten kann, benötigen wir aufgrund der unterschiedlichen Dynamik der Erkrankung Behandelnde mit medizinischer, pflegerischer und therapeutischer Parkinson-Expertise“, erklärte Bloem. In seinen zahlreichen Studien zum Thema Parkinson untersuchte er unter anderem die Gang- und Gleichgewichtsstörungen von Parkinson-Patienten, um neue Therapieansätze zu entwickeln. „Neurodegenerative Erkrankungen wie das Parkinsonsyndrom haben umfassende Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen“, so Bloem. „Gerade deshalb müssen sie mit verschiedensten Therapieansätzen behandelt werden, um ihre Lebensqualität weitgehend zu erhalten.“

„Beginnen wir zunächst mit den Therapien im medikamentösen Bereich“, fuhr Poewe fort. „Das Grundproblem bei der Parkinsonkrankheit ist eine nachlassende Produktion des Botenstoffs Dopamin durch Absterben der Dopamin produzierenden Zellen im Mittelhirn. Mit modernen Medikamenten wie Levodopa lässt sich dieser Mangel bereits gut ausgleichen.“ Die positive Wirkung auf die motorischen Symptome führe zu einer temporären Stabilisierung der Lebensqualität. Da die Krankheit aber fortschreite, erfordere dies eine ständige Anpassung der medikamentösen Therapie. Bringe auch dies nicht mehr den gewünschten Effekt, stünden unterschiedliche gerätegestützte Therapieoptionen zur Auswahl, darunter eine Apomorphin-Pumpe mit einer direkten Verabreichung des Wirkstoffs unter die Haut oder eine Levodopa-Pumpe, die über eine dünne Sonde in den Dünndarm den Körper direkt versorgt. „Die Methoden verbessern die motorischen Beschwerden erheblich. In Zulassung ist ein Verfahren, um L-Dopa unter die Haut zu applizieren“, erklärte Poewe. „Dennoch nehmen vor allem die nichtmotorischen Symptome mit der Zeit zu.“ Das führe zu Beschwerden, die sich auf Dauer nicht mehr effizient behandeln ließen. „Was wir dringend brauchen, sind also Therapien, die den Verlauf verlangsamen.“

Mittlerweile gibt es über 30 nichtmedikamentöse Therapiemöglichkeiten, die potenziell helfen können. „Wenn wir von einer nichtmedikamentösen Therapie sprechen, bedeutet es aber nicht, dass auf Medikamente verzichtet werden kann“, unterstrich Bloem. „Man benötigt diese weiterhin, aber darüber hinaus auch eine personalisierte multidisziplinäre Behandlung.“ Dazu zählen Physio- und Ergotherapie, Sprachtherapie, aber auch psychotherapeutische Beratungen, urologische und sogar augenärztliche Untersuchungen, die den Verlauf der Krankheit erleichtern könnten, zählte Bloem auf. Daran erkenne man wie komplex und facettenreich Parkinson sei, betonte er. Es gebe bereits viele Studien und Praxiserfahrungen, die belegen, dass eine spezifische Ausbildung von Pflegenden und Therapeuten zu den vielschichtigen Problemen der Parkinsonerkrankung ein geeignetes Instrument seien, um der oftmals lückenhaften Versorgung zu begegnen.

Prävention durch Sport

Wie bei vielen anderen Krankheiten wirken sich Sport und Bewegung auch bei der Parkinsonerkrankung positiv auf die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit aus. Bereits 2012 stellte Bloem als erster Mediziner in einer Studie mit 600 Parkinson-Patienten fest, dass sich während des Radfahrens und häufig auch noch danach die Symptome reduzierten oder ganz verschwanden. „Regelmäßige Bewegung senkt generell das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Osteoporose, Herz- und Gefäßkrankheiten und wirkt sich auch enorm positiv auf Parkinson aus“, erklärte Bloem. „Eine im ,Lancet‘ veröffentlichte Studie hat zudem gezeigt, dass sich bei Parkinson-Patienten, die sich regelmäßig bewegten, im Gehirn neue Verbindungen zwischen den abgestorbenen Nervenzellen und dem Kortex aufbauten.“ Das untermauere den positiven Effekt. Generell helfe ein gesunder Lebensstil mit Sport und guter Ernährung dabei, das Risiko der Krankheit zu senken. Beispielsweise lassen Studien der Parkinsonforschung die Schlussfolgerung zu, dass eine mediterrane Diät die Beschwerden zunehmend verbessere.

Ein wesentlicher Ansatz, wie man Betroffenen den Alltag erleichtern kann, sind Parkinson-Netzwerke. „Was in Holland mit dem von Professor Bloem gegründeten Parkinson.Net bereits seit 2004 gut etabliert ist und uns hier in Österreich noch fehlt, ist die Vernetzung der Gesundheitsberufe, die sich mit der Behandlung und Betreuung von Parkinson-Patienten befassen“, sagte Poewe. Parkinson.Net schult und bildet medizinisches Fachpersonal zu Parkinson-Experten aus. „Wir haben unser Konzept bereits erfolgreich in Luxemburg, Norwegen, den USA und in Australien eingeführt“, erzählte Bloem stolz. Der intensive Austausch der Erfahrungswerte über die Grenzen hinweg sei wichtig, um die daraus resultierenden neuesten Forschungsergebnisse den Betroffenen schnell zugute kommen zu lassen und die Therapiemaßnahmen direkt darauf abzustimmen. Dies führe nicht nur zu einer verbesserten Versorgung der Betroffenen, Netzwerke sparten zudem auch Geld, da durch den spezifischeren Einsatz von Therapien diese effizienter und günstiger werden.

Auf die Frage, warum es in Österreich noch kein solches Netzwerk gebe, antwortete Poewe: „Für die Etablierung eines solchen Parkinson-Netzwerkes fehlt es hier leider noch an der Ausbildung, Kommunikation, strukturierten Interaktion und letztlich natürlich auch an der Finanzierbarkeit. Angesichts der rasant wachsenden Zahl von Parkinson-Betroffenen muss die österreichische Gesundheitspolitik rasch handeln, damit speziell geschulte Fachkräfte aus verschiedenen Disziplinen effektiv zusammenarbeiten können, bevor der Dachstuhl brennt“, konstatierte Poewe abschließend.

Information

Das Branchengespräch Morbus Parkinson fand auf Einladung von „Die Presse“ statt und wurde finanziell unterstützt von AbbVie.


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