Gastkommentar

Markus Hinterhäuser gehört nicht mehr dazu

(c) Peter Kufner
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Wie der Qualitätsboulevard in einer skurrilen Debatte, die in Salzburg ihren Ursprung nahm, einen verlorenen Sohn erzeugt.

Der Autor

Sven Hartberger (* 1958) ist Jurist, Intendant, Dramaturg und Autor. Als nächstes Buch erscheint die Erzählung „Mallingers Abschied oder Vom Sinn und vom Unsinn der Arbeit“ als Beitrag zur aktuellen Debatte über die Normarbeitszeit, Sonderzahl-Verlag, Oktober 2023.

Der Sachverhalt ist hinreichend bekannt und nicht annähernd so aufregend, wie der große Raum suggerieren möchte, der ihm in der Tageszeitung „Der Standard“ tagelang eingeräumt wurde: Cornelius Obonya hat dazu aufgerufen, bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele ein Zeichen für die Verachtung einer Regierung zu setzen, der Mitglieder einer Gruppierung angehören, die man ungestraft als die Partei der Kellernazis bezeichnen darf.

Im Interview mit dem Leiter des Kulturressorts des „Standard“, Stephan Hilpold, hat der Intendant der Festspiele, Markus Hinterhäuser, dieser Idee auf nicht eben elegante Art eine Absage erteilt. Hinterhäuser hat dabei deutlich gesagt, dass ihm die FPÖ unsympathisch und zuwider ist und dass auch die Festspiele nicht die geringste Nähe zu den von der FPÖ repräsentierten Haltungen haben. Aktionen, wie der von Obonya vorgeschlagenen, könne er aber nichts abgewinnen, weil er in ihnen einen müde gewordenen, sich selbst auf die Schulter klopfende Aktionismus sehe, der zur Erreichung seiner Zwecke nichts beitrage.

Man insinuiert niedrige Motive

Als Leser einer Qualitätszeitung erwartet man an dieser Stelle eine ganze Reihe fundierter Nachfragen. Aber Hilpold wechselt mit einer vollkommen aus der Luft gegriffenen Spekulation über die von ihm insinuierten niedrigen Motive seines Interviewpartners aus dem Frage- in den Feststellungsmodus. Dass er dies konjunktivisch verhüllt tut, ändert nichts an der Infamie der folgenden, durch nichts begründeten Unterstellung, die viel über die Denkweise ihres Urhebers und nichts über die seines Gegenübers sagt: „Man könnte auch sagen, Sie wollen die Hand nicht beißen, die Sie füttert. Das Kuratorium der Festspiele ist ÖVP-dominiert.“ Man muss eine solche Gemeinheit ein zweites Mal lesen, um zu verstehen, was da gesagt wird: Der Ressortleiter unterstellt, dass sein Gesprächspartner etwas anderes sagt, als er denkt, um sich selbst einen finanziellen Vorteil zu verschaffen oder zu erhalten. Hilpold hat recht: Das könnte „man auch sagen“, dann nämlich, wenn man ein niederträchtiger Ehrabschneider ist, der sich nicht im Geringsten darum bekümmern muss, ob es auch nur den leisesten Hauch eines Tatsachensubstrats gibt, auf das sich eine solche Vermutung und ein derartiger Anwurf gründen ließen.

Die allgemein bekannten Tatsachen bieten dafür nämlich nicht die kleinste Basis. Sie liegen so: Markus Hinterhäuser ist auf das Wohlwollen des Kuratoriums in keiner Weise angewiesen. Sein bis 2026 laufender Vertrag kann nicht wegen einer politischen Meinungsäußerung aufgelöst werden. Aufgrund seines manifesten Könnens als Intendant hätte er wohl kaum Probleme, wenn er Lust auf die Leitung eines anderen internationalen Festivals haben sollte. Und er ist als weltweit gefragter Pianist und Liedbegleiter wirtschaftlich unabhängig.

Die Festspiele füttern das Land

Dazu kommt die tatsachenwidrige Behauptung, die Salzburger Landesregierung füttere die Festspiele und ihren Intendanten. Das ist vor allem deshalb eine Infamie, weil Hilpold ganz genau weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Der Beitrag des Landes Salzburg beläuft sich auf weniger als fünf Prozent des Budgets der Festspiele. Wenn man also unbedingt dieses ekelhafte Bild bemühen will, muss es heißen: Die Festspiele füttern das Land und bescheren ihm für seine kleine Investition alljährlich eine Rendite, von der die meisten börsenotierten Konzerne nur träumen können.

Gerade einen Kulturjournalisten trifft die Pflicht, das immer wieder zu betonen, anstatt das Lügenmärchen von der vom Steuerzahler durchgefütterten Kultur zu verbreiten und damit Wasser auf die Mühlen der FPÖ zu lenken.

Auch der ehemalige „Standard“-Kulturredakteur Thomas Trenkler, der als Tratschkolumnist (so Trenklers Selbstbeschreibung) zum „Kurier“ gewechselt ist, weiß das alles. Das hindert ihn aber nicht daran, Hinterhäuser als feilen Mietling zu charakterisieren, der seine wahren Überzeugungen für Geld zu Markte getragen habe: „Früher einmal wetterte der Pianist gegen eine Koalition mit den Rechtspopulisten. Nun, als Intendant im Sold der Subventionsgeber, zuckt er bloß mit den Achseln.“ Das ist einfach unwahr, weil sich Hinterhäuser überdeutlich gegen den rechtspopulistischen Regierungspartner erklärt hat, und damit selbstverständlich auch gegen die Koalition. Trenkler hat also keinen Grund für den unberechtigten Vorwurf des Gesinnungsverrats, aber das eigentlich Infame an seiner Demarche ist, dass auch er insinuiert, dieser sei aus pekuniärem Interesse erfolgt. Als Draufgabe attestiert dann noch Matthias Dusini im „Falter“ dem Intendanten, dieser sei vom Regimekritiker zum Verteidiger des Establishments mutiert (warum und wodurch?), während die Festspiele selbst unter dem Deckmantel einer humanistischen Moral ihren reaktionären Kern tarnten.

Andrea Breth, John Eliot Gardiner, Rebecca Horn, Igor Levit, Christoph Marthaler, Gerard Mortier, Peter Sellars, Anna Viebrock, Krzysztof Warlikowski – nur ein paar beliebig ausgewählte Namen aus der langen Liste derer, die für den moralisch getarnten reaktionären Charakter der Gesamtveranstaltung stehen.

Übelwollender Unfug

Man traut seinen Augen nicht, wenn man all diesen übelwollenden Unfug liest. Und warum das alles? Weil der Intendant sich zwar unmissverständlich mit den Zielen eines angekündigten Protests identifiziert, nicht aber mit seinen Mitteln.

Man muss Hinterhäusers durchaus anfechtbare Meinungen nicht teilen. Es gibt sehr gute Gründe, die von ihm als Empörungsrituale abgekanzelten Proteste als sinnvolle Manifestationen des notwendigen Widerstands zu sehen, so wie es auch Gründe gibt, Respekt und Vertrauen für ÖVP-Landeshauptmann Wilfried Haslauer auf das Maß zu reduzieren, das den Koalitionspartnern zukommt, mit denen er sich ohne Not gemeingemacht hat. Das rechtfertigt aber weder die durch nichts begründeten denunziatorischen Anwürfe von Hilpold und Trenkler, und auch nicht die ebenso grundlose Diffamierung der Festspiele als Hort der Reaktion.

Vielleicht ein Trost

Horst-Eberhard Richter kommt einem in den Sinn mit seiner Arbeit über die Bedeutung, welche die künstliche Erzeugung verlorener Söhne für das Selbstverständnis und den Zusammenhalt der Familie hat. Markus Hinterhäuser mag sich auch billig mit dem Gedanken trösten, dass er sich in guter Gesellschaft des Philosophen Rudolf Burger befindet, der wegen Abweichlertums in Fragen der Gedenkpolitik aus Kuratorium und Vorstand des Dokumentationsarchivs über den österreichischen Widerstand gedrängt worden ist. Weniger leicht trösten kann sich der österreichische Zeitungsleser, der sich mit seinen Ansprüchen an Qualitätsmedien nicht nach München, Frankfurt und Zürich verwiesen sehen will.

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(„Die Presse“, Print-Ausgabe 23.06.2023)

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