An einem Knochen aus Kenia wurden die bisher ältesten Belege gefunden.
Ein Schienbeinknochen. Neun Spuren von Schnitten mit einem Werkzeug aus Stein, wie es Arten der Gattung Homo damals verwendeten. Dort, wo der Wadenmuskel am Bein befestigt war – ein guter Ort, um ein Stück Fleisch abzutrennen. Alle Schnitte gleich gerichtet, offenbar in Ruhe hintereinander, so wie es bei einem erlegten Tier üblich war. Der Zerteilte war vielleicht ein Homo erectus, oder ein Australopithecus, auf jeden Fall ein Vorläufer des modernen Menschen. Der Knochen ist rund 1,45 Millionen Jahre alt, stammt aus Kenia und liegt schon länger im Nationalmuseum in Nairobi.
Nun hat ihn ein Team um die Paläoanthropologin Briana Pobiner vom Smithsonian-Museum in Washington genau untersucht – und dabei die bisher ältesten klaren Hinweise auf Kannibalismus bei einem unserer evolutionären Ahnen gefunden (Scientific Reports, 26. 6.)
Jüngere Funde dieser Art gibt es irritierend viele. Als „unbestritten“ nennt die Studie Belege für den Verzehr von Seinesgleichen beim Neandertaler (mit Fundorten in Frankreich, Spanien, Belgien und Kroatien) und auch beim Homo sapiens (in Äthiopien, Polen und Großbritannien). Der große Anteil an Knochen von „Geschlachteten“ legt nahe, dass es eine übliche Praxis in urzeitlichen Gesellschaften war – bis vor rund 50.000 Jahren.
Opferrituale? Oder einfach Jagd?
Aber was war das Motiv? In jüngeren Zeiten verspeisten Menschen ihre Artgenossen meist im Rahmen von Opferritualen. Für die Prähistorie, in der es noch keine Bestattungsbräuche gab, gehen viele Forscher eher davon aus, dass die „Hominini“ Angehörige oder Freunde zu sich nahmen – um sie davor zu bewahren, dass ihre Überreste zur Beute von Raubtieren oder Aasfressern werden. Aber ein Fund, der bisher als der älteste galt und gut erforscht ist, deutet auf anderes hin: In der „Gran Dolina“ in Spanien fand man die Überreste von elf Individuen der Art Homo antecessor, rund 800.000 Jahre alt. Sie sind nicht nur gleich behandelt, sondern auch ganz mit Tierknochen vermischt. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass hier Menschen-Vorläufer ihre Feinde oder einfach benachbarte Stämme „häufig und üblicherweise“ wie wilde Tiere gejagt und gegessen haben.
Eines bleibt als kleiner Trost: Wir kennen nur die Opfer. Und damit ist nicht auszuschließen, dass die Täter einer anderen Homo-Art angehörten – und dann waren sie, streng genommen, doch keine Kannibalen.