175 Jahre „Die Presse“

Günter Wallraff: „Dann weiß man, man hat den richtigen Nerv getroffen“

Günter Wallraff, Autor und Journalist, aufgenommen in seinem Garten in Köln Ehrenfeld.
Günter Wallraff, Autor und Journalist, aufgenommen in seinem Garten in Köln Ehrenfeld. Thilo Schmülgen
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Interview. Mit seinen Reportagen regt Günter Wallraff auf. Er deckte die Arbeitsbedingungen in Fabriken, die Ausbeutung von Gastarbeitern und die Methoden der „Bild“ auf. Immer undercover, immer in der Rolle des Beteiligten.

„Die Presse“: Es gibt von RTL einen Film über Sie, „Günter Wallraff der Rollenspieler“. Welche Rolle spielen Sie heute?

Günter Wallraff: Das Spielerische ist bei mir immer eine Befreiung, eine Methode. Wie ein Kind alle Fragen zu stellen, erst einmal alles infrage stellen. Sich dumm stellen. Allerdings, um sich dumm stellen zu können, darf man nicht ganz blöd sein.

Seine Mutter lag nach seiner Geburt im Koma, sein Vater, krank durch die Arbeit in der „Lackhölle“, der Ford-Lackiererei, starb früh. Wallraff lebte eine Zeit lang im Kinderheim, sei zwar gut behandelt worden, habe sich aber dennoch verloren gefühlt.

Vielleicht war meine Traumatisierung die Voraussetzung für mein Verlangen, mich in andere Rollen zu begeben. Im Kinderheim nahm man mir meine Kleidung ab und steckte mich in Anstaltskleider; es fühlte sich an, als würde mir nicht nur meine Mutter, sondern auch meine Identität genommen. Abstraktes Lernen lag mir nicht. Wenn ich etwas selbst erlebe und zu spüren kriege, bin ich lernfähig, und fühle mich berechtigt, authentisch darüber zu berichten. Ich war mehrmals bereit, für eine Menschenrechtsinitiative auch mein Leben aufs Spiel zu setzen.

Welche Rolle spielt Ihre Arbeit heute?

Mir sind altersbedingt bestimmte Rollen nicht mehr vergönnt. Lang konnte ich mich jünger machen, aber irgendwann ist eine Grenze erreicht. In der Rolle des türkischen „Gastarbeiters“ Ali war ich jenseits der 40, musste aber wie ein Mitte 20-Jähriger wirken. Es gibt noch eine Rolle, vor der ich aber Angst habe.

Wallraff hatte sich im Mai 1974 auf dem Athener Syntagma-Platz aus Protest gegen das Militärregime angekettet, war inhaftiert, gefoltert und vom Militärgericht zu 14 Monaten Haft verurteilt worden. Er habe „vorher Schmerzmittel genommen, um nicht zu früh mit der Sprache rauszurücken“. Als das Militär abtreten musste, kam er frei. Er litt lang an den Folgen der Folter.

Um welche Rolle handelt es sich?

Eine Rolle im Altenheim zum Beispiel.

Sie haben sich ja schon einmal als Dementer in ein Altenheim eingeschleust.

Das war vor zehn Jahren. Heute haben sich die Zustände dramatisch verschlimmert. Ich bekomme fast täglich Schreckensberichte von und über Menschen, die in Pflegeheimen verrotten und zu Tode kommen und sich die Verantwortlichen einen Dreck darum kümmern.

Was macht Ihnen Angst?

Viele Ältere kommen noch klar und orientiert ins Heim. Durch Medikamente und Ruhigstellung werden sie oft in kürzester Zeit in einen Zustand gebracht, in dem sie als nicht mehr zurechnungsfähig eingestuft werden und sich nicht mehr zur Wehr setzen können. Je höher die Pflegestufe, desto mehr Geld für die Heime.

Sie haben ein Genre geprägt, indem Sie nicht als Chronist aufgetreten sind, der Dinge beobachtet, sondern zum Akteur, zum Teil der Geschichten wird.

Ich bin Grenzgänger in der Hinsicht. Bin ich eigentlich Journalist im klassischen Sinne? Inzwischen wohl schon, aber als meine Arbeit anfing, waren es andere Zeiten. Meine Arbeitsweise wurde lang als verwerflich kritisiert, viele meiner Veröffentlichungen juristisch angefochten.

Mit dem jungen „Team Wallraff“ bespielt er auf RTL ein Investigativ-Format.

Sie haben Ihre Naivität angesprochen. Worin besteht sie?

Sich nicht abfinden. Zweifeln, wenn alle einer Meinung sind. Wir sind uns fast alle, mich eingeschlossen, einig, was etwa die Klimakatastrophe angeht. Trotzdem muss es eine Gegenposition geben, bei der wissenschaftliche Gegenargumente zugelassen sind. Nur in These und Antithese können wir uns eine eigene, unabhängige Meinung bilden. Gerade in einem Land, in dem einmal fast alle einer Meinung waren.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Manches ist in mir gewachsen, da braucht es keine Idee von außen. Etwa die Industriereportagen aus der Erfahrung meines Vaters, der seine Gesundheit als Arbeiter bei Ford ruiniert hat. Ich bekomme ständig Zuschriften von Menschen, denen gravierendes Unrecht geschieht. Dann bin ich für sie oft so etwas wie eine letzte Instanz. Hie und da erreiche ich etwas und kann jemandem zum Recht verhelfen, auch ohne es veröffentlichen zu müssen.

Für Ihre Undercover-Arbeit mussten sie täuschen und lügen, um aufzudecken.

Nach meinen Veröffentlichungen über die „Bild“-Zeitung gab mir der Bundesgerichtshof nach jahrelangen Prozessen in der „Lex Wallraff“ Recht. In der Begründung heißt es: Wenn es um gravierende Missstände geht, hat die Öffentlichkeit ein Recht, darüber informiert zu werden, auch wenn dies unter anderer Identität zustande gekommen ist.

Sandra Meischberger sieht Sie als Gerechtigkeitsfanatiker. Stimmen Sie zu?

Das lasse ich mir gern gefallen, aber ich habe nichts von einem Fanatiker. Sie erleben mich ja: Der Selbstzweifel ist bei mir tief verankert. Fanatismus geht mir ab. Fanatismus ist immer auch mit Rechthaberei verbunden.

Aber Gerechtigkeit ist Ihnen ein Anliegen. Was ist ungerecht?

Wenn Menschen unter Zuständen leiden, die nicht sein müssen, und dann auch noch Gesetze missachtet werden. Ist jemand wehrlos, dann hat er mehr Schutz verdient als jemand, der alle Möglichkeiten hat, sich zu wehren.

Das gelte auch für den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff, der nach zahlreichen, großteils unzutreffenden Medienberichten, speziell in der „Bild“, zurücktrat. Wallraff steht auf seiner Seite, weil gegen Wulff „eine Menschenjagd betrieben wurde und jeder den Fangschuss abgeben wollte“.

Wo ist die Grenze zur Selbstgerechtigkeit, zur Selbstjustiz?

Wo die Arbeit der „Bild“ anfängt, hört meine auf: Der Privatbereich ist für mich absolut tabu – selbst bei meinen größten Gegnern habe ich mich daran gehalten.

Der Gegner ist das System, aber nie das Individuum?

Auch nicht das System. Das jeweilige Unrecht, die jeweiligen unhaltbaren Zustände. Es gibt keine endgültig gerechte Gesellschaft. Ich bewahre mir meine Eigenständigkeit, sitze zwischen allen Stühlen.

Wie viel Aktionismus brauchen die Anliegen hinter Ihren Reportagen?

Aktionismus nenne ich es nicht, sondern Teilhabe. Ich suche Zugehörigkeit zu Menschen, die nicht dazugehören. So fing es mit meiner Rolle als Kriegsdienstverweigerer an. In Justiz, Medizin, ganz extrem beim Militär waberte der Ungeist des Nazitums bis in die 1970er-Jahre. Da konnte man nur verweigern. Bei der Bundeswehr Anfang der 1960er-Jahre kam ich, nach zehnmonatiger Weigerung, eine Waffe in die Hand zu nehmen, in die geschlossene Psychiatrie des Bundeswehr-Lazaretts, um die geplante Veröffentlichung über meine Erlebnisse unglaubwürdig zu machen. Letztlich wurde ich mit einem Ehrentitel – so sehe ich das heute – in die Freiheit entlassen: „Abnorme Persönlichkeit, für Frieden und Krieg untauglich.“ Mein Bundeswehr-Tagebuch erschien zuerst im Magazin „Twen“, später als Buch mit einem Vorwort von Heinrich Böll.

Und war ein Erfolg. Wann ist eine Reportage, eine Recherche erfolgreich?

Wenn diejenigen, die gemeint sind und sich sonst über alles hinwegsetzen, sich plötzlich für ihr Verhalten rechtfertigen müssen. Meist mit Anwälten, die jedwede kritische Berichterstattung schon im Vorfeld verhindern wollen. Dann weiß man, man hat den richtigen Nerv getroffen. Und teilweise erreicht man so Verbesserungen.

Viele junge Journalistinnen und Journalisten sagen: Ich will investigativ arbeiten oder „wallraffen“, wie es in Skandinavien heißt. Was braucht es dazu?

Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft, Entbehrungen auf sich zu nehmen und Familie und Freunde zeitweilig aufzugeben.

Ist der Beruf mit Familie kompatibel?

Meine Beziehungen haben oft unter der Arbeit gelitten. Eigentlich hätte ich zölibatär leben müssen. Aber diejenigen, die das Gelübde ablegen, schaffen es ja oft auch nicht. Meinen großartigen Töchtern bin ich sicher nicht gerecht geworden, denn ich war oft ein abwesender Vater. Doch dem wurde von ihnen, zu meinem Trost, widersprochen: „Wenn wir dich wirklich brauchten, warst du für uns da.“

Günter Wallraff

deckte mit seinen Reportagen („Ganz unten“, „Der Mann, der bei ,Bild‘ Hans Esser war“ etc.) seit den 1960er-Jahren Missstände auf. Der heute 80-Jährige ist nach wie vor publizistisch aktiv.

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