Literatur

Bachmann-Preis: „Die Realität gewinnt, und die Literatur verliert“

Tanja Maljartschuk las ihren Text „Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf.“
Tanja Maljartschuk las ihren Text „Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf.“GERD EGGENBERGER
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Tanja Maljartschuk widmete sich in ihrer „Klagenfurter Rede zur Literatur“ dem Angriffskrieg in der Ukraine. Bis Sonntag tragen zwölf Autorinnen und Autoren ihre Texte für den Bachmann-Preis vor. 

Mit einer Rede über die Angst vor der Sprache eröffnete Autorin Tanja Maljartschuk am Mittwochabend die 47. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Maljartschuk wurde in der Ukraine geboren und lebt seit 2011 in Wien, 2018 siegte sie mit dem Text „Frösche im Meer“ das Wettlesen um den Bachmann-Preis. Nun widmete sie sich in ihrer „Klagenfurter Rede zur Literatur“ unter dem Titel „Hier ist immer Gewalt. Hier ist immer Kampf.“ der Machtlosigkeit der Literatur in Zeiten des Krieges.

Sich selbst bezeichnete die 40-Jährige in ihrer emotionalen Rede als „eine gebrochene Autorin, eine ehemalige Autorin, eine Autorin, die ihr Vertrauen in die Literatur und - schlimmer noch - in die Sprache verloren hat“. Schließlich könne die Sprache, „die schönste Gedichte hervorbringt, auch dazu dienen, Befehle kundzutun, zum Abschuss von Raketen, die Zivilisten töten, oder zum Vorrücken von Panzern“. Sie selbst habe Angst vor einer Sprache bekommen, die Millionen von mehrheitlich friedlichen Bürgern „überzeugen kann, im Recht zu sein, andere zu ermorden.“

„Für immer unvollendetes“ Romanprojekt

In weiterer Folge berichtete sie von ihren für den Roman geplanten Recherchen zu einem Massaker an Juden im Heimatdorf ihrer Familie im Jahr 1942, das sie literarisch aufarbeiten wollte. Im Zuge dessen sei sie auf einen Bericht des einzigen Überlebenden gestoßen und habe feststellen müssen: „Man möchte glauben, dass ein Genozid immer woanders stattgefunden haben muss, und nicht in deinem Garten, nicht zwischen deinen Nachbarn.“ Als sie ihren Vater fragte, ob er irgendetwas mit den Namen der damaligen Täter anfangen können, habe dieser gesagt, sie sei verrückt und solle ihn in Ruhe lassen, 150.000 russische Soldaten stünden an der Grenze zur Ukraine. Und an diesem Tag endete Maljartschuks Romanprojekt, es sei „für immer unvollendet geblieben“.

In ihrer Rede nahm sie auch Bezug auf ein Zitat Ingeborg Bachmanns in einem ihrer letzten Interviews, in dem sich die Autorin selbst den Slawen zugerechnet hatte. Slawen seien „emotiver“, habe Bachmann gesagt, was aber nicht bedeute, sie könnten weniger rational denken. „Denn es gehöre zusammen, und es müsse zusammen gehen: die höchste Vernünftigkeit und die Fähigkeit zu fühlen. Denn wer nur ein Hirn habe und kein Herz, sei niemand“, zitierte Maljartschuk, um dann zu konstatieren: „In diesem großen slawischen Herz - genauer gesagt: in diesem meinem ukrainischen Herz - steckt leider auch viel Angst.“ Literatur böte zwar „die Rettung für einzelne, aber nie für alle zusammen“, so die Autorin. „Und die Realität gewinnt jedes Mal, und die Literatur verliert ... Sie ist schön, aber hilflos wie ein Wald der blühenden Bäume.“

Jayrôme C. Robinet eröffnet den Lesereigen

Bis Sonntag lesen zwölf Schriftstellerinnen und Schriftsteller um den Bachmann-Preis. Als erster ist der in Frankreich geborene und in Berlin lebende Spoken-Word-Künstler Jayrôme C. Robinet am Wort. Das ergab am Mittwochabend die Auslosung der Lesereihenfolge. Aufgrund der Absage von Robert Prosser und Helena Adler werden die Nachmittags-Blöcke am Donnerstag und Freitag verkürzt.

Am ersten Lesevormittag folgen der deutsche Autor Andreas Stichman (11 Uhr) und seine Landsfrau Valeria Gordeev (12.30 Uhr), bevor Anna Gien um 13.30 Uhr den ersten Lesetag beschließt. Am Freitag eröffnet die Deutsche Sophie Klieeisen (10 Uhr) den zweiten Lesetag, gefolgt vom deutschen Autor Martin Piekar (11 Uhr). Den zweiten Teil bestreiten schließlich die in Berlin lebende britische Autorin, Bloggerin und Kolumnistin Jacinta Nandi (12 Uhr) sowie die Wienerin Anna Felnhofer (13.30 Uhr).

Am Samstag startet gemäß der Auslosung schließlich der in Charkiw geborene Lyriker, Übersetzer und Herausgeber Yevgeniy Breyger (10 Uhr), dem der Niederösterreicher Mario Wurmitzer (11 Uhr) folgt. Den Abschluss bilden schließlich die einzige Schweizer Teilnehmende Laura Leupi (12.30 Uhr) und ihr deutscher Kollege Deniz Utlu (13.30 Uhr).

Die Ermittlung der Preisträger erfolgt am Sonntag nach einem neuen Modus: Zu Beginn der Preisvergabe am Sonntag werden die Jurymitglieder live ihre Wertungspunkte abgeben. Der Justiziar übernimmt die Aufgabe, diese Abstimmungsergebnisse zu addieren und erstellt daraus die Preisträgerliste des Bewerbes, die sukzessive beginnend mit dem 3sat-Preis bekannt gegeben wird. Neben dem Bachmann-Preis (25.000 Euro) ist dies der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro), der 3sat-Preis (7.500 Euro) sowie der BKS Bank-Publikumspreis (7.000 Euro plus Stadtschreiberstipendium). (APA)

Jury

Die Kulturwissenschafterin, Journalistin und Schriftstellerin Mithu Sanyal („Identitti“) aus Deutschland sowie der Schweizer Literaturwissenschafter und Kritiker Thomas Sträßle ersetzen in diesem Jahr die ausgeschiedenen Jurymitglieder Vea Kaiser und Michael Wiederstein. Insa Wilke bleibt Vorsitzende der Jury, der wie bisher auch Mara Delius, Klaus Kastberger, Brigitte Schwens-Harrant und Philipp Tingler angehören.

Im Vorjahr gewann die aus Slowenien stammende Autorin Ana Marwan.

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