175 Jahre „Die Presse“

Gabor Steingart: „Wer klagt, hat etwas falsch gemacht“

Gabor Steingart
Gabor SteingartJustus Lemm
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Der Journalist und Unternehmer spricht über die Fehler der Medien und sagt, warum er der AfD keine Bühne gibt.

Die Presse: Herr Steingart, wir befinden uns hier auf der Pioneer One, einem Schiff auf der Spree in Berlin, das Ihnen und Ihrem Team auch als Redaktion dient. Wie kommt man auf die Idee, ein Medienhaus auf Wasser zu bauen?

Gabor Steingart: Eine Monet-Ausstellung hat mich auf diese Idee gebracht. Der Maler Monet war der Meinung, dass man dem Gegenstand der Betrachtung nicht aus der Ferne – in seinem Fall waren es Seerosen – nahekommt, sondern sich in den Gegenstand hineinbewegen muss. Also hat er ein Atelier-Schiff gebaut. Dieses Schiff hat als geistige Vorlage für dieses Medien-Schiff gedient. Es ist auch ein Atelier für unsere Art, transparenten Journalismus zu machen. Wir gehen dicht rein ins Berichtsgebiet. Bundeskanzleramt, Parlament, Ministerien. Wir pendeln dazwischen hin und her.

Und Sie bleiben dabei sichtbar.

Wir sind sichtbar, aber gleichzeitig kann man auch von hier aus Politik aus der Nähe wahrnehmen. Keine einzige Redaktion auf der Welt ist dichter dran an den Akteuren als wir. Wenn wir den Nato-Generalsekretär hier an Bord haben und er danach einen Termin im Kanzleramt hat, dann lassen wir ihn an der Bootsanlegestelle beim Kanzleramt raus.

Aber ist es nicht auch wichtig, Abstand zu haben, um dann das ganze Bild zu sehen?

Dann legen wir sofort ab. Wenn wir das Gefühl von zu viel Nähe haben, sind wir weg.

Es gibt wirtschaftlich und politisch herausfordernde Zeiten, eine „Zeitenwende“. Das sind doch die idealen Rahmenbedingungen für Journalismus. Dennoch klagen viele Medienhäuser. Was haben wir da falsch gemacht?

Wir haben nichts falsch gemacht. Die, die da klagen, haben etwas falsch gemacht. Diese Klage ist ja eine Selbstbezichtigung. Sie besagt: Mein Geschäftsmodell ist kaputt und die Leute mögen mich nicht hören, sehen oder lesen. Wer klagt, hat etwas falsch gemacht.

Ist demnach auch der Schwund klassischer gedruckter Medien selbst verschuldet?

Wenn ein Schriftsteller klagt, dass er keine Leser hat, dann liegt es nicht am Papier. Diese Ausrede akzeptiere ich nicht. Auflagen der Buchverlage zeigen es doch. Natürlich ist eine The-Winner-Takes-It-All-Gesellschaft entstanden. Aber es ist nicht so, dass nicht mehr gelesen wird. Bei den Klagen handelt es sich immer um die Klagen der Verlierer, die die Schuld an der Niederlage nicht bei sich suchen möchten. Aber die Medien haben allen Grund, die Schuld bei sich zu suchen. Auch die klassischen Medien, wissend, dass ich dies nun in einer Geburtstagsausgabe sage. Aber ich hoffe, dass Sie sich in Österreich Gedanken machen, die über das Klagelied hinausgehen.

Wir machen uns vor allem Gedanken darüber, wie künftige Generationen Medien konsumieren werden und wollen. Sie auch?

Wer bleibt, wo er immer war, der wird keine Freude mehr am Leben haben. Das gilt für den Autohersteller mit seinem Diesel genauso wie für die Medien. Die Medien müssen verstehen, dass es nicht nur eine technische Veränderung gegeben hat. Wir haben eine demokratische Veränderung. Die Leute wollen nicht mehr die Lektion des Chefredakteurs jeden Morgen grußlos zur Kenntnis nehmen. Die alten Autoritäten werden geschliffen. Der Bürger möchte selbst zu Wort kommen. „Citizen Journalism“ ist das Stichwort aus den USA. Und genau das versuchen wir zu machen. Mehr Spielraum der Meinung des anderen geben, auch der Meinung derer, die uns rezipieren.

Wie lassen Sie diese Leute bei „The Pioneer“ zu Wort kommen?

Wir haben etwa die Pioneer Foundation, die den Leuten das Schreiben beibringt. Wir machen Podcast-Workshops. Da bewirbt sich nicht Lieschen Müller, aber etwa Leute aus einer NGO. Wir bringen ihnen bei, wie sie vom Empfänger zum Sender werden. Darüber hinaus haben wir über 300 Experten. Das sind Leser, die über ihre Expertise bei uns schreiben. Das sind etwa Klinikärzte, die über das Gesundheitswesen wie kein Redakteur schreiben können.

Man kann aber nicht sagen, dass es zu wenige Plattformen gibt, um seine persönliche Meinung zu äußern. In den sozialen Medien herrscht doch längst Überjournalismus.

Wir stellen nicht nur eine Plattform, sondern eine relevante Reichweite zur Verfügung. Es geht also um Menschen, um eine Zielgruppe, für die es sich für einen Klinikarzt lohnt zu schreiben. Der wird nicht auf Instagram etwas posten, der macht auch kein TikTok-Video. Dann laden wir die Leute zu uns aufs Schiff ein. Hier sitzen der Kanzler, Minister, Wirtschaftsbosse, aber auch „echte Menschen“. Wir suchen nach Menschen mit originellen Ideen. Wir machen etwa 800 Interviews pro Jahr. Herrn Scholz zu finden, ist nicht so schwer. Aber Menschen, die auch eine Botschaft haben, zu ertüchtigen, zu ermächtigen, auch zu ermuntern, das tun wir.

Es geht also um Vertrauen, vor allem darum, Vertrauen neu aufzubauen, weil dieses Vertrauen in die Medien sehr gelitten hat.

Weil wir als Berufsstand Fehler gemacht haben. Selbstüberschätzung, nicht zuhören können. Das ist eine der Hauptkrankheiten von Journalisten. Wir haben den Fehler gemacht, unsere Leser zu verkaufen. Stichwort Anzeigen. Ich weiß, dass das das Vertrauen in Medien nicht befördert hat. Dass wir den Raum zwischen unseren unabhängigen Texten an die Deutsche Bank, an Daimler oder Google verkauft haben. Jeder Chefredakteur, Sie auch, lebt zur Hälfte davon, dass ihn die Anzeigenkunden bezahlen. Ich nicht. Wir lehnen das ab.

Aber ist es nicht etwas einfach zu sagen: Wenn ich keine Anzeigen verkaufe, dann bin ich seriöser. Beginnt die journalistische Unabhängigkeit nicht dort, wo Journalismus sich aus eigener Kraft finanziert?

Ja, ich glaube auch, dass Medienunternehmen profitabel sein sollen. Aber die Art, wie man die Profitabilität erreicht, macht den Unterschied. Ein Bordell ist auch profitabel. Profitabilität kann also auch korrumpieren. Ich habe gar nichts gegen Anzeigen. Ich würde den Medien nur empfehlen, dass man sagt, von wem man eigentlich lebt.

Die „Presse“ erwirtschaftet 50 Prozent des Umsatzes durch den Verkauf unserer Medienprodukte und 50 Prozent durch Anzeigen.

Aber von welchen Firmen? Ich finde ja, dass die Deutsche Bank, Volkswagen oder Magna Steyr in Österreich tolle Unternehmen sind. Aber sie sollen nicht den Journalismus bezahlen.

Macht Pioneer Gewinne?

In diesem Jahr erreichen wir den Break-even. Also etwa viereinhalb Jahre nach unserer Gründung.

Und die Einnahmen kommen ausschließlich aus dem Abo-Verkauf?

Mehrheitlich.

Und minderheitlich?

Minderheitlich ist dieses Schiff eine Fläche, wir sagen Business to Society. Wer ein berechtigtes Anliegen hat, das der Gesellschaft hilfreich ist, kann dieses Schiff chartern.

Das sind aber auch Unternehmen, die dieses Medienschiff buchen, also auch Volkswagen, Deutsche Bank und andere. Sie inserieren nicht, sondern „chartern“.

Ja, unter anderem auch Vodafone. Die finanzierten während der Pandemie Konzerte auf dem Schiff. Vodafone hat das dann gestreamt, und wir waren nur die Plattform, auf der das stattfand. Ja, da wird ein Geschäft gemacht. Aber auch dieser kommerzielle Teil muss zum Erkenntnisgewinn von Menschen etwas beitragen.

Pioneer will, wie Sie gesagt haben, auch der Meinung des anderen mehr Spielraum geben. Gilt das auch für die AfD, die in Deutschland laut Umfragen bei fast 20 Prozent liegt?

Ich persönlich tue mir mit Politikern der AfD schwer. Ich habe das Gefühl, dass wirkliche Gespräche, Argumente und Gegenargumente nicht möglich sind. Ich werde nur zur Zielscheibe von Propagandisten, auch von Falschaussagen. Und deshalb sind wir da sehr zurückhaltend. Wenn Alice Weidel (AfD-Bundestagsabgeordnete, Anm.) als Gast an Bord kommt, ist sie mir herzlich willkommen. Auf der Bühne sehe ich sie, solange Teile der AfD Ausflüge in sumpfig braunes Gelände machen, nicht.

Bei der AfD hört für Sie also der demokratische Diskurs auf?

Wir sind ein privates Unternehmen, aber das bedeutet nicht, dass das alle so machen müssen wie ich. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zum Beispiel, das aus Gebühren finanziert wird, muss die AfD ihrer Bedeutung entsprechend anhören wie andere Parteien auch. Ich muss das nicht. Für mich sind in der AfD keine Pioniere, keine Menschen, die nach vorne blicken.

Gabor Steingart

war leitender Redakteur des „Spiegel“, Chefredakteur und Herausgeber des „Handelsblatt“ und betreibt mit finanzieller Unterstützung des Springer Verlags seit 2018 „The Pioneer“. Seit Juni 2018 gibt der 61-Jährige „Steingarts Morning Briefing“ als täglichen Newsletter heraus.

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