Gastkommentar

Ist gar die Kirche schuld am Unglück der Mütter?

Einwurf. Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht Differenzierung. Nicht für jede Mutter, jeden Vater, jedes Kind ist ein Vollzeitjob das Ideal.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein komplexes Thema, bei dem es sehr schnell „ans Eingemachte geht“. Es betrifft Bereiche wie das Aufwachsen unserer Kinder, die Partnerschaft, Gleichberechtigung, persönliche und berufliche Entwicklung, die Verteilung von Care-Arbeit, Mental Load und schließlich auch die Altersarmut. Kein Wunder also, dass sich die Gemüter in der Debatte oft erhitzen. Dem Artikel von Anna Gabriel („Presse am Sonntag“, 18. 6. 2023, „Kinderbetreuung: Mama darf auch mal loslassen“) möchte ich daher einige Punkte entgegensetzen.

Im Norden der EU sei die Betreuung von Babys und Kleinkindern völlig selbstverständlich, heißt es in dem Text. Erzählt wird die „Mustergeschichte“ von Judith, die mit ihren in Vollzeit arbeitenden Eltern in Brüssel lebt und seitdem sie vier Monate alt ist, 30 Stunden in der Woche in einer Krippe betreut wird. „Die Kleinen verbringen mitunter mehr wache Zeit unter Pädagogen als mit Mama und Papa.“ Über Judiths Perspektive kann mangels Sprachfähigkeit nicht viel berichtet werden. Aber die Eltern von Judith hätten kein „schlechtes Gewissen“, sie könnten sich nach der Erholungsphase ohne Kind immer wieder mit voller Energie um Judith kümmern. Klingt doch toll und nach einem Best-Practice-Modell auch für Österreich.

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Unerwähnt bleibt, dass Frauen jeder sozialen Herkunft in Österreich laut Umfragen ihre Kinder überwiegend selbst betreuen möchten und daher lieber in Teilzeit arbeiten. Unerwähnt bleiben wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung bereits vor Jahren veröffentlichte: „Je jünger das Kind, je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis (. . .), je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe, je wechselhafter die Betreuung, umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit.“ Leben Frauen also automatisch ihren Traum, indem sie ihre Kinder aufgrund mangelnder Alternativmodelle und oft aus finanzieller Notwendigkeit heraus bereits im Säuglingsalter fremdbetreuen lassen und Vollzeit arbeiten? Und leben Frauen, die ihre Kleinkinder selbst betreuen möchten, weniger selbstbestimmt? Und ist gar die Kirche schuld am Unglück der Mütter und Kinder.

Nicht gegen Berufstätigkeit

„Die gesellschaftliche Vorgabe im katholischen Österreich aber laute immer noch: ,Ein Kind hat bei der Mutter zu sein.‘“ Folge davon, wie bei der im Artikel beschriebenen Mutter Alena, die sich so „schwertut, sich von ihrer zweijährigen Tochter zu trennen“, seien Überreiztheit und Depression. Die 24-Stunden-Betreuung der Kleinen führe dazu, dass „viele Mütter ihre ganze Identität irgendwann nur noch aus der Mutterrolle beziehen“ würden. „Im Extremfall wollen sie ihre Kinder gar nicht mehr abgeben (. . .).“ Neben negativen Folgen für die Mutter, könnte die „Einengung“ verhindern, „dass Kinder sich sozial frei weiterentwickeln“.

Belegt werden die pauschalen Horrorszenarien nicht. Völlig außer Acht gelassen wird die Unterscheidung der Kinderbetreuung nach Alter oder Art der Betreuung wie Gruppenbetreuung oder Tageseltern. Zahlreiche Studien belegen, dass bei der Betreuung für Kinder unter zwei bis drei Jahren andere Maßstäbe angelegt werden müssen als für ältere Kinder. Ebenso, dass das Zeitausmaß der Fremdbetreuung je nach Alter einen Einfluss auf die sozioemotionale und kognitive Entwicklung hat. Hier geht es nicht darum, Fremdbetreuung per se schlechtzureden, sondern gerade bei den Kleinsten besonders genau hinzuschauen.

Was die katholische Kirche, die unzählige Kinderbetreuungseinrichtungen leitet, genau mit dem Unglück von Alena und den Frauen und Kindern im Allgemeinen zu tun haben soll, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine katholische Lehrmeinung, die sich gegen die Berufstätigkeit von Müttern oder für/gegen bestimmte Kinderbetreuungsmodelle ausspricht.

Wofür die Kirche sich einsetzt, ist die Förderung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, die auf der Gleichberechtigung von Mann und Frau aufbaut. Nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater sollte im Bereich der Care-Arbeit eine aktive Rolle ausfüllen.

Wichtig sind Rahmenbedingungen, damit Familien das für sie stimmige Lebenskonzept gestalten können. Sei es, dass Vater und Mutter Vollzeit erwerbstätig sind, sei es, dass ein Elternteil für längere Phasen die Care-Arbeit übernimmt, sei es, dass beide Elternteile in Teilzeit erwerbstätig sind, sei es das in Österreich favorisierte Modell 100/50. Im Kern geht es darum, dass Eltern möglichst frei sind in der Gestaltung ihres Lebens, dass sie Rücksicht nehmen können auf die Bedürfnisse ihrer Kinder bzw. des anderen Elternteils.

Wahlfreiheit ist wichtig

Übrigens ist Kinderbetreuung zu Hause keine simple Tätigkeit und erfordert gutes Aufgaben- und Selbstmanagement. Auch Selbstfürsorge ist essenziell, um einen harmonischen Alltag zu erleben. Dass Eltern, die ihre Kinder in den ersten Jahren überwiegend zu Hause betreuen, so dargestellt werden, als hätten sie dadurch einen verengten Blick, seien überreizt, könnten sich nicht entspannen und „machten schon große Schritte, wenn sie mal einen Bummel im Viertel“ machten wie Alena, ist schlichtweg abwertend und entspricht nicht der Realität.

Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Das sehen wir auch in der Vereinbarkeitsdebatte. Umso wichtiger ist ein sachlicher Diskurs.

Zur Person

Teresa Suttner-Gatterburg (* 1987) ist Mutter von drei Kindern unter 10 Jahren, Juristin und arbeitet am Institut für Ehe und Familie (IEF) in Wien. Sowohl beruflich als auch privat setzt sie sich intensiv mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinander.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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