175 Jahre „Die Presse“

„Habsburgs Stern glänzt wieder“

Juli 1848. „Die Presse“ hat Grund zum Jubeln: Die Deutschen ehren Erzherzog Johann.

Dicht gedrängt standen tausende Menschen am 4. Juli 1848 beim Gelände des Donauhafens Nußdorf. Um vier Uhr nachmittags legte ein Schiff an, es wurde mit donnernden Hurrarufen und Böllerschüssen empfangen. Auch die Ankommenden begrüßten die Stadt Wien mit schwenkenden Fahnen. Warme Begrüßungsworte wurden ausgetauscht. Wer „grüßte und küsste sich da in brüderlicher Begegnung“? Deutsche und Österreicher! Das Schiff brachte nämlich die Abgesandten der Deutschen Nationalversammlung, sie kamen von der Frankfurter Paulskirche, wo man gerade am Projekt einer deutschen Verfassung arbeitete, einer Einheit des zersplitterten Reiches. Einer der Streitpunkte war: Welche Rolle sollte dabei das multinationale Habsburgerreich spielen? Es war schon auch deutsch, aber nicht nur, es war ein Vielvölkerstaat.

Die Abgeordneten in der Paulskirche hörten auf das Drängen der süddeutschen Staaten und beschlossen am 29. Juni 1848: Österreich sollte an der Gründung eines „großdeutschen“ Nationalstaates beteiligt sein. Bis man ein Staatsoberhaupt hatte, sollte ein Reichsverweser bestellt werden und die Wahl fiel auf den populären Erzherzog Johann aus der Steiermark, ein Mitglied des Hauses Habsburg und der Bruder des 1830 verstorbenen Kaisers Franz I.

Der beliebte Prinz erschien als Idealbesetzung, er war kein regierender Monarch, aber auch kein Bürger, doch mit einem Hang zu bürgerlichen Aktivitäten, sogar bei der Auswahl seiner Frau, was zu einer unstandesgemäßen Heirat führte. „Die Presse“ konnte sich ob dieses Ereignisses gar nicht fassen vor Jubel und Ergriffenheit.

Sie druckte das „Sendschreiben der Nationalversammlung an den Durchlauchtigsten Erzherzog“ in voller Länge ab: „Der Anschluss an das große, freie, deutsche Vaterland ist heute besiegelt, der Gedanke – Tat, die Idee – Fleisch geworden“, schrieb sie am 5. Juli. „Hans von Österreich“, wie ihn die Kinder des Landes nennen, war doch tatsächlich auserwählt worden für das hohe Amt. „Was auch die Neider, was auch die Gegner, Feinde und Finsterlinge sagen mögen: Österreichs Banner flattert voran, der Doppeladler steigt hoch auf, ein kaiserlicher Prinz ist Reichsverweser und Habsburgs Stern glänzt wieder durch alle deutschen Gauen.“

Ein Affront für den preußischen König

Unter Vivatrufen wurden die deutschen Gäste, eskortiert von reitender Garde, im Triumphzug in die Stadt gebracht. Die Abgeordneten wurden in der Kärntner Straße, im Haus „Zu den drei Löwen“ empfangen. Am nächsten Tag sollte der offizielle Empfang sein. Die „Presse“ legte noch einmal nach: „Der heutige Tag ist einer der größten in der österreichischen Geschichte. Wien, Österreich begreift, welche Geschicke in die Hand eines seiner Söhne gelegt wird.“ Erzherzog Johann selbst meinte, es werde schon alles gut gehen. Was ein Irrtum war: Der preußische König sah die Wahl des Österreichers als Affront und torpedierte die Pläne des Frankfurter Parlaments. Das deutsche Einigungs- und Demokratieprojekt war zum Scheitern verurteilt.

Jubiläum

Welche Zukunft haben Liberalismus und Meinungsfreiheit? Diese Frage stellte sich im Revolutionsjahr 1848, als „Die Presse“ erstmals erschien. Und sie stellt sich heute mehr denn je. In unserem Schwerpunkt zum Jubiläum blicken wir zurück und nach vorne.

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