175 Jahre „Die Presse“

„Die Wahrheit ist eine Wahl“

Cristina de Middel
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Fotojournalismus. Der Einfluss von künstlicher Intelligenz beunruhige sie nicht, sagt die Präsidentin der legendären Fotoagentur Magnum, Cristina de Middel. Was sie schrecke, sei die Geschwindigkeit.

Sie gehörten zu den berühmtesten Fotografen der Welt, als sie 1947 die erste unabhängige Fotoagentur gründeten: die Kriegsfotografen Robert Capa, David Seymour und George Rodger sowie Henri Cartier-Bresson. Der elitäre Anspruch blieb bestehen, „Magnum Photos“ war qua Geburt sozusagen schon eine Legende, das Mitgliederverzeichnis (rund 60 sind heute noch aktiv) liest sich wie das Who‘s who der Fotografieszene. Seit Beginn an der Schnittstelle zwischen Fotojournalismus und Kunst angesiedelt, sorgte man als Kooperative für die Wahrung der eigenen Rechte (weniger für den Profit wie klassische Fotoagenturen). Die über Magnum bezogenen Fotos dürfen etwa nicht beschnitten werden, die Namen der Fotografinnen und Fotografen müssen genannt werden (klingt heute selbstverständlich, war es nicht). Und die Urheberrechte? Die blieben beim jeweiligen Fotografen. Magnum markiert also einen historischen Umbruch, den Beginn eines wertschätzenden Umgangs mit der Fotografie als Medium. Auch die Fotografie selbst bekam hier immer schon ein moralisches Mäntelchen verpasst – Magnum-Fotografen sind bekannt für ihren Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte, für Reportagen aus Krisengebieten, von Migrationsbewegungen und von sozialen Missständen.

Umso ungewöhnlicher, dass im Juni 2022 Cristina de Middel zur Präsidentin gewählt wurde, die mit der semifiktionalen Serie „The Afronauts“ 2012 berühmt wurde. Darin stellte sie den Mythos eines in den 1960er-Jahren kurzzeitig angedachten Raumfahrtprogramms in Sambia in inszenierten Fotos nach. Vielleicht kein Zufall, dass gerade sie – gerade heute, in einer Zeit, in der Fotografie nicht mehr zu trauen ist – Magnum vorsteht. Wir sprachen mit der 48-jährigen Spanierin, die in Mexiko lebt, in der spürbaren Hektik der Vorbereitungen zur jährlichen Magnum-Generalversammlung in London.

Die Presse“: Der Fotojournalismus hat nicht unbedingt die beste Zeit in Fragen Glaubwürdigkeit. Wenn wir Kriegsverbrechen sehen, wittern wir erst einmal Inszenierung. Bei allzu großer Harmonie und Schönheit vermuten wir gleich die Algorithmen der künstlichen Intelligenz. Stimmen Sie mit dieser Diagnose überein?

Cristina de Middel: Wir sind am Grund einer Dynamik angekommen, die schon mit der Erfindung der Fotografie begonnen hat: Der Möglichkeit der Fotografie, beides zugleich zu sein – ein Werkzeug, um die Realität zu registrieren. Und ein Werkzeug, um mit dieser Realität zu spielen, ein Mittel des persönlichen Ausdrucks. Dieses Spiel mit der Realität kann man schon bei den ersten Fotografien beobachten, die überhaupt gemacht wurden! Dass die Fotografie in ihrer Funktion der Dokumentation vehement hinterfragt wird, ist also eigentlich nichts Neues. Dass es mit einem Vertrauensverlust einhergeht, daran würde ich aber nicht den Fotojournalisten und Fotografen die Schuld geben. Sondern den Medien und der politischen Agenda, von der die Fotografie benützt wird.

Welche Rolle wird künstliche Intelligenz in der Zukunft der Fotografie spielen? Wie wird eine hochwertige Agentur wie Magnum damit umgehen?

Natürlich, jeder möchte KI jetzt ausprobieren, sie ist so etwas wie das neue Kind im Dorf. Es braucht jetzt erst einmal Zeit, um zu sehen, wie man sie wirklich vernünftig nutzen kann. In der Technologie und der Medizin wird es sicher Dinge erleichtern. Im kreativen Bereich bin ich mir nicht sicher, geht es hier doch nicht um Geschwindigkeit, Effizienz und Gewinn. Nicht darum, wie schnell man etwas macht, sondern wie! Der Prozess, der zum Ergebnis führt, stellt hier einen eigenen Wert dar. Kurzzeitig wird man zwar sicher auch im Kreativen einen Effekt von KI bemerken. Auf lange Sicht aber denke ich nicht, dass Magnum unter diesem neuen Werkzeug besonders leiden wird. Eher werden wir profitieren. KI ist einfach ein neues Mittel, um uns auszudrücken. Ich bin also nicht beunruhigt. Ich habe keine apokalyptische Sicht auf die Dinge.

Schon Ihr historischer Kollege Ansel Adams hat gesagt: „You don‘t take a photograph, you make it.“ Trotzdem, davon gehe ich nicht herunter, wenn wir ein Foto sehen, glauben wir, ein Abbild der Realität zu sehen. Warum ist dieser Mythos der Objektivität derart konstant?

Da fragen Sie die Falsche! Ich denke nicht, dass Fotografie objektiv ist. Und darin würden die meisten Magnum-Mitglieder mit mir übereinstimmen, denke ich. Es war natürlich praktisch, die Fotografie als objektiv einzustufen, damit konnte man sie für ganz spezifische Agenden nutzen, in der Forensik oder für den Reisepass. So etwas wie Wahrheit kann aber nur durch Vielstimmigkeit entstehen. Ein einzelnes Foto könnte niemals dem Gewicht einer alleinigen Wahrheit standhalten – sogar wenn diese existieren würde.

Gerade mit Ihrem eigenen Werk haben Sie dieses Grundvertrauen der Menschen erschüttert. Als Sie „The Afronauts“ 2012 veröffentlichten, war das ein Meilenstein bei der Hinterfragung des Wahrheitsfaktors in der Reportagefotografie. Sie haben damals für Meinung statt für Fakten plädiert. Was meinen Sie genau damit?

Es ist eine philosophische Frage, was Wahrheit ist und was nicht. Und es ist nicht Aufgabe der Fotografie, das zu entscheiden. Wahrheit ist am Ende eine Wahl. Man wählt die Wahrheit, mit der man sich anfreunden möchte. Mit der derzeitigen Polarisierung in der Gesellschaft, wie Politik gemacht wird, wie Emotionen absichtlich in unsere Entscheidungen hineingemischt werden, können wir doch nicht mehr an die Idee einer unhinterfragbaren Wahrheit glauben – nicht wirklich. Um ihr so nahe wie möglich zu kommen, empfiehlt es sich, vielen Stimmen zuzuhören. Wenn sich diese widersprechen, umso besser. Die Wahrheit ist eine mit Fakten begründete Meinung. Die „Afronauts“-Serie handelt von alledem. Und ja, das hat meine Karriere verändert. Es bedeutet viel innerhalb meines Werks. Vor allem, weil ich aus dem Fotojournalismus kam.

Zehn Jahre haben Sie als Fotojournalistin gearbeitet, wo sehen Sie die Herausforderungen dieses Berufs im Rückblick?

In diesen zwölf Jahren, in denen ich nicht mehr für Zeitungen arbeite, hat sich sehr viel verändert: Die Leser sind keine Leser mehr, sondern „User“. Zeitungen sind Plattformen geworden, das Mediengeschäft ist noch komplexer geworden. Und zwar auch für die Fotografen! Video, Audio, Slideshows, die Geschwindigkeit, alles muss bedient werden. Die Geschwindigkeit allerdings sehe ich als größtes Problem. Es gibt wenig Raum und Zeit zur Analyse der eigenen Entscheidungen. Es ist schließlich der Job von Journalisten und Fotojournalisten, der Filter zu sein für diese Vielzahl an Informationen. Und jetzt haben sie die Zeit nicht mehr, diesen Job gründlich zu erledigen.

Also doch ein wenig apokalyptisch. Magnum scheint im Vergleich dazu ein geschützter, selbstverwalteter Hort zu sein. Was sind die Herausforderungen?

Die Herausforderung ist für alle Präsidenten dieselbe, und sie ist 75 Jahre alt: Man muss das Vermächtnis bewahren und es durch die Veränderungen der Branche navigieren, um relevant zu bleiben. Dieses Jahr ist es die künstliche Intelligenz, voriges Jahr war es etwas anderes – und so fort. Die Unabhängigkeit unserer Kooperative und ihrer Mitglieder, ihre eigene visuelle Meinung zu den Weltgeschehnissen abzugeben, ist ein Luxus. Und für diesen wollen wir kämpfen. Um Mitglied zu werden etwa, muss einen die Hälfte der Mitglieder erst einmal akzeptieren. Nach zwei Jahren muss man dann wieder ein anderes Portfolio präsentieren. Dann müssen einen zwei Drittel akzeptieren. Erst dann wird man Mitglied und Teilhaber der Kooperative.

Sie wurden Mitglied und im selben Jahr gleich Präsidentin. Haben Sie das standesgemäß gefeiert? Angeblich werden bei Zusammenkünften von Magnum immer noch Magnum-Flaschen mit Champagner getrunken. Was 1947 zur Namensfindung geführt haben soll.

Normalerweise ist es eine Tradition, dass man eine Magnum-Flasche Champagner beim ersten Bürobesuch mitbringen muss, wenn man Mitglied wird. Und ja, ich habe das voriges Jahr auch getan. Die Tradition lebt also.

Die obligate Frage nach der Elite und der Diversität zum Schluss: Sie sind nicht die erste Präsidentin von Magnum, aber die erste aus Spanien und Lateinamerika. Von 130 Mitgliedern seit Gründung sind nur 20 weiblich. Beunruhigt Sie das?

Magnum hat eine lange Tradition, im Vergleich mit anderen Institutionen dieses Alters ist dieses Verhältnis also normal. Natürlich hat jetzt das Hereinbringen einer diversen Kultur bei der Aufnahme neuer Mitglieder Priorität. Aber – wir sind eine Kooperative, man muss auch verstehen, dass das viel Arbeit ist. Es geht langsam, aber stetig. In ein paar Jahren werden Sie den Unterschied sehen.

Cristina de Middel

Cristina de Middel

Geboren 1975 in Spanien, wurde sie 2012 mit ihrem Fotobuch „The Afronauts“ (siehe Abbildung) bekannt. 2022 wurde sie Präsidentin von Magnum.

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