175 Jahre „Die Presse“

Hollywood fragte: „Where is Otto?“

  • Drucken

Über Geld spricht man. Geboren in Judenburg, verleiht Otto Nemenz seit Jahrzehnten Kameraausrüstungen in Hollywood. Seine Innovationen wurden gar mit dem Oscar prämiert. Ein Interview.

„Die Presse“: Herr Nemenz, wie sind Sie Kamera-Verleiher in Hollywood geworden?

Otto Nemenz: Wissen Sie: Ich liebe alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat und so begann ich mit der Konstruktion spezieller Objektive und Kamera-Vorrichtungen, die das Filmen mit Formel-1-Rennwagen, Flugzeugen, Skirennen oder Schnellbooten ermöglichten. In den 1970er-Jahren habe ich meine Firma gegründet und seither statten wir Hollywood mit Spezialobjektiven und Sonderanfertigungen im Kamerabereich aus.

Was war denn Ihr erstes Auto?

Die Firma Elin errichtete ein Wasserkraftwerk in Kurdistan. Ich selbst bin abwechselnd in Istanbul und Wien aufgewachsen und spreche fließend Türkisch, Deutsch und Englisch. So wurde ich mit der Betreuung der zwanzig österreichischen Ingenieure und Monteure in Kurdistan beauftragt. Am liebsten war der Belegschaft gutes Mittagessen, Unterhaltung, Wiener Schnitzel und guter Wein am Abend. Kurdistan war damals sehr gefährlich. Aber da ich über meine Kontakte dem Bürgermeister des Ortes die begehrten bügelfreien Nylonhemden verschaffte, die es damals nicht einmal in Istanbul gab, hatten wir im Gegenzug kein einziges Mal ein Problem. Es war eine wilde Zeit, aber ich möchte sie nicht missen. In den sechs Monaten sparte ich mein gesamtes Einkommen an, das waren rund 30.000 Schilling, und kaufte mir damit mein erstes Auto, einen Simca Aronde.

Wie ist Ihnen dann der Einstieg in Hollywood gelungen?

Das war sehr schwierig. Um in Hollywood Kameramann zu werden, muss man Gewerkschaftsmitglied sein. Die Voraussetzung dafür ist, einen Job bei Dreharbeiten zu bekommen. Von Disney bis Warner Bros. klopfte ich alle Studios ab, aber da ich kein Gewerkschaftsmitglied war, bekam ich keinen Job. Panavision gab mir einen Job als Techniker. Bei Grand-Prix-Rennen habe ich begonnen. Ziemlich schnell fand ich heraus, dass Not an Kameraassistenten bestand. Ich meldete mich, obwohl ich überhaupt keine Ahnung vom Filmen hatte. So wurde ich Kameraassistent. Meine technische Ausbildung erwies sich als Vorteil, weil ich viele Probleme lösen konnte. Immer öfter fragte man bei Problemen durchs Megafon: „Where is Otto?“

Denken Sie, dass Ihr Erfolg in Los Angeles heute noch möglich wäre?

Alles ist möglich. Nur dauert es ein bisschen länger oder ist vielleicht schwieriger. Man muss Kompromisse eingehen und durchhalten. Gerade hier in den USA erlebe ich immer wieder, dass heute jemand Elektriker ist, morgen Fleischer und übermorgen Schreiner. Das Wichtigste ist, konsequent seinen Traum verfolgen. In meinem Beruf habe ich alle Stationen durchlaufen: Als Techniker begonnen, danach Kameraassistent und schließlich Kameramann (Director of Photography). In meiner Firma habe ich eine Art Lehre eingeführt. Jeder muss alle Stationen durchlaufen. Niemand steigt als Manager ein. Durch das Gesamtpaket Know-how, Kompetenz, Beratung, Cutting-Edge-Technologie, Sonder- und Spezialanfertigungen haben wir uns das Vertrauen der Branche erarbeitet und sind seit Jahrzehnten erfolgreich in Hollywood.

Ist gute Bezahlung nicht auch ein Motivationsfaktor?

Ja. Ich beschäftige 48 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind über Jahrzehnte im Betrieb. Während der Pandemie musste ich keinen einzigen kündigen. Stattdessen sind wir in eine 3500 Quadratmeter große Werkstätte umgezogen, wir haben allein ungefähr 3500 Objekte. Da gibt es ausreichend Arbeit. Mir ist wichtig, dass es meinen Mitarbeitern gut geht. Gutes Einkommen spielt eine Rolle. Ich liebe Geld. Je mehr, desto besser. Denn als Unternehmer kann ich nur mit entsprechendem Kapital in Ideen, Projekte und neue Technologien investieren.

Wo und woher kommen Ihnen die besten Ideen?

Zu Hause, wenn ich aufs Meer schaue. Dann fahre ich ins Büro und bespreche sie zuerst mit meinen engsten Mitarbeitern, Alex Wengart und Fritz Heinzle.

Wie haben Sie Ihr erstes Taschengeld verdient?

Ich bin teilweise in Wien und Istanbul aufgewachsen. In Istanbul landete zwei Mal im Jahr die sechste amerikanische Flotte. Die Soldaten wollten sich natürlich die Zeit vertreiben. Ich war ungefähr zwölf und der Einzige mit Englisch-, Deutsch- und Türkischkenntnissen. Als Reiseführer der Soldaten verdiente ich mein erstes Taschengeld.

An welcher technischen Innovation arbeiten Sie aktuell?

Am Ottoblad-Objektiv. Mit diesem neuen Objektiv können wir die Tiefenschärfe justieren und den Look ändern. Möchte ein Kameramann beispielsweise das rechte obere Drittel unscharf und den Rest des Bildes scharf haben – das Ottoblad-Objektiv kann das. In Zusammenarbeit mit der deutschen Firma P&S Technik haben wir diese technische Innovation erarbeitet, der im Entstehen befindliche Blockbuster „Joker 2“ ist der erste Film, bei dem unsere Errungenschaft zum Einsatz kommt. Die Nachfrage in Hollywood ist sehr groß. Vielleicht erhalten wir für diese Innovation eine Oscar- Nominierung.

Kürzlich sind Sie in Los Angeles mit dem Legacy Award geehrt worden. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Es war der glücklichste Tag in meinem Leben. Zu wissen, dass die Nachfolge in guten Händen ist, macht daher auch den Legacy Award zu etwas Besonderem. Angesichts der Tatsache, dass 48 Personen in meinem Unternehmen arbeiten, ist es ein schönes Gefühl, der nächsten und übernächsten Generation etwas zu hinterlassen, wo sie weitermachen werden.

Die Film- und TV-Branche erlebte in diesem Jahr den größten Streik seit 15 Jahren. Wie sehen Sie die Auswirkungen des Streiks der Gewerkschaft der Drehbuchautoren (WGA)?

Zum Streik ist es gekommen, weil das Verhältnis zwischen Drehbuchautorinnen und -autoren auf der einen Seite und Produzenten und Filmstudios auf der anderen Seite so verhärtet ist wie noch nie zuvor. Der letzte WGA-Streik vor 15 Jahren hatte 100 Tage gedauert und 4,5 Milliarden Dollar gekostet. Meine Befürchtung ist, dass der heurige Streik das Business zwischen acht und zehn Milliarden Dollar kostet. Mich und mein Unternehmen retten jedenfalls die Dreharbeiten von Werbefilmen. Denn die Werbung ist nicht vom Streik betroffen. Und meine Standbeine sind nun einmal Film, Fernsehen und Werbung.

Machen wir noch kurz einen Ausblick: Wie sehen Sie die Zukunft des Kino?

Das Filmbusiness muss sich etwas einfallen lassen, sonst geht niemand mehr ins Kino. Meiner Meinung nach ist 360-Grad-Kinoerfahrung die Zukunft. Voraussetzung dafür sind Investitionen in Milliardenhöhe für entsprechende Kinos. Das bewerkstelligen aber nur große Studios wie Disney.

Otto Nemenz

wurde 1941 in Judenburg geboren und ist in Wien und Istanbul aufgewachsen. Er ging nach Hollywood und wirkte an Filmen wie „Grand Prix“ von Regisseur John Frankenheimer mit.

Jubiläum

Welche Zukunft haben Liberalismus und Meinungsfreiheit? Diese Frage stellte sich im Revolutionsjahr 1848, als „Die Presse“ erstmals erschien. Und sie stellt sich heute mehr denn je. In unserem Schwerpunkt zum Jubiläum blicken wir zurück und nach vorne.

>> Hier geht es zu den Geschichten der Jubiläumsausgabe
>> Bestellen Sie ein Exemplar der Jubiläumsausgabe im Presse-Shop

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.