175 Jahre „Die Presse“

Roboter in der Redaktion? Bitte gerne!

KI und Journalismus. Viele sehen künstliche Intelligenz als Gefahr für den Reporterberuf. Sie überschätzen ihre Fähigkeiten – und verkennen ihre Möglichkeiten, sagt APA-Innovationschefin Katharina Schell.

Willkommen bei den Abendnachrichten: Eine TV-Moderatorin fasst die wichtigsten Themen des Tages zusammen, daneben werden illustrierende Aufnahmen eingespielt. Alles, wie man es aus der ZiB oder der Tagesschau kennt. Nur, dass die Moderatorin ein KI-generierter Video-Avatar ist, die von ihr aufgesagten Texte von Chat GPT-7 erstellt wurden – und die Nachrichtenbilder von einem Algorithmus vorselektiert.

So oder so ähnlich stellen sich viele die Zukunft des Journalismus vor, sollte künstliche Intelligenz ihren Triumphzug fortsetzen und auch außerhalb heutiger IT-Einsatzbereiche ein Teil des medialen und gesellschaftlichen Alltags werden. Ob man in dieser Vision nun ein Schreckensszenario sieht oder ein utopisches Ideal von Effizienzsteigerung im News-Wesen: Mit der Realität – auch mit der noch bevorstehenden – hat sie nur wenig zu tun.

Ein White Paper der Austria Presse Agentur, die sich bereits seit 2019 mit den Möglichkeiten KI-gestützter Berichterstattung beschäftigt, stellt dementsprechend schnell klar: „Im APA-Newsroom sitzen keine Androiden!“ Vielmehr gehe es bei der Arbeit mit KI und lernfähiger Software bloß um „datengetriebenen Journalismus mit hohem Automatisierungsgrad“. Doch auch diese Umschreibung schützt nicht gegen die Befürchtung, hier würden diffizile Aktivitäten der vierten Gewalt an Maschinen ausgelagert, die bestenfalls tumb und schlimmstenfalls irreführend agieren.

Katharina Schell, stellvertretende APA-Chefredakteurin und bei der Agentur für digitale Innovation verantwortlich, winkt im Interview mit der „Presse“ ab: „KI im Journalismus heißt nicht, dass künstliche Intelligenz Journalismus macht, sondern dass es bestimmte Anwendungen gibt, die Journalisten dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen.“ Schließlich gehe es bei journalistischer Arbeit um weit mehr als um das Verfassen von Texten. Essenziell sei die Beurteilung der Relevanz einer Geschichte, die inhaltliche Gewichtung und publikumsgerechte Aufbereitung. Davon verstünden KIs ebenso wenig wie von Fakten. Das sei ihr „Pferdefuß“ im Kontext von Journalismus, den Schell als „faktenbasierte, nichtfiktionale Erzählung“ definiert.

Tierfunde und Roboterköpfchen

Im APA-Basisdienst gebe es derzeit keine Texte, die von KI gestützt seien, so Schell. Im erweiterten Unternehmensfeld hingegen setze man zum Teil bereits auf regelbasierte KI-Applikationen. Diese sind im Vergleich zu generativen Modellen wie GPT weniger „intelligent“ (im Sinne einer autonomen Textproduktion); sie dienen als Hilfsmittel bei Textverarbeitung auf Datenbasis. Grob gesagt geht es um variable, von Menschen gestaltete Lückentextschablonen, die dann von einer Maschine mit Textbausteinen befüllt werden.

Ein Praxisexempel wäre der von der APA gestaltete „Fundtier-Bot“, der auf Twitter Meldungen zu gefundenen Haustieren ausspuckt – auf Basis einschlägiger Daten der Stadt Wien. Etwa: „Hund aufgesammelt! Am 27. Juni wurde in Hernals (Palffygasse) ein männlicher Chihuahua (Alter unbekannt) aufgelesen. Farbe: beige. Wer vermisst das Tier?“ Rasse, Farbe und Fundort wurden hier von einer KI aus Datensätzen in den von Menschen präparierten Text eingefügt. Der Tweet ist mit dem Label „automatisiert“ markiert, daneben prangt ein Roboterköpfchen.

Nicht journalistisch genug? Das Werkzeug lässt sich auch auf Wahlberichterstattung anwenden. Ein APA-Produkt bietet seit 2019 detaillierte Ö-Wahlergebnisse für jede Gemeinde, die dazugehörigen Texte werden nach dem eben beschriebenen Prinzip automatisch angefertigt. Für eine derartige Dienstleistung hätte es zuvor schlicht keine Ressourcen gegeben, sagt Schell. Die Prozedur sei freilich „hundertprozentig menschlich kontrolliert“: Die verwendeten Daten würden stets einer strikten Plausibilitätsprüfung unterzogen – und die Lückentexte sehr genau gelesen.

Daher sieht Schell auch kaum Grund zur Sorge, dass Journalistinnen und Journalisten bald von lernfähigen Maschinen ersetzt werden. Eher im Gegenteil: Die APA habe im Rahmen ihrer KI–Strategie extra eine Spezialistin für Textautomatisierung eingestellt: „Da muss man auch eine Ahnung von Code haben.“ KI-gefährdet seien in erster Linie ressourcenintensive Tätigkeiten – wie das Exzerpieren und Übertragen von Daten in Excel-Tabellen.

„Human Control“ und Transparenz

Die größte Herausforderung ist für Schell vielmehr die Frage, ob und wie Medienhäuser ihre Grundwerte ins KI-Zeitalter übertragen werden: „Jede Redaktion muss sich überlegen: Wie viel Autonomie bin ich bereit, an eine KI abzugeben?“ Bei regelbasierten Modellen liege diese vollständig beim Menschen. Bei generativen kann das Datenmaterial, aus der die Maschine für ihre Produktion schöpft, bereits „voreingenommen“ sein. Hier sei Transparenz gefordert. Etwa, indem Journalisten die „Prompts“ – also die konkreten Anweisungen, die sie einer KI geben – offenlegen.

Die APA hat den „Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht“ in einer KI-Leitlinie nach EU-Maßgabe festgelegt, die erwähnten Wahltexte sind klar als KI-gestützt gekennzeichnet. Der ausgewiesene Grad von „Human Control“ könnte künftig ein journalistisches Gütesiegel sein, so Schell – zumal eine reale Gefahr von KI darin liegt, dass sie eine Informationsflut befördern könnte, die unser politisches Urteilsvermögen untergräbt. Daher gelte: „KI-Kompetenz muss in den Redaktionen vorhanden sein.“

Jubiläum

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