175 Jahre „Die Presse“

Ewige Ruhe auf fernen Planeten

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Wie wollen Sie sterben? Wollen Sie eher am Morgen von dannen gehen, wenn die ersten Vöglein zwitschern? Oder in der Stille der Nacht? Wollen Sie in der Badewanne dem Leben entschlafen? In angenehm temperiertes Wasser gehüllt?

Vieles, was vor 175 Jahren oder auch noch vor 20 Jahren undenkbar war, gibt es heute in bestattungstechnischer Hinsicht bereits. So kann man etwa zum eigentlichen Grab ein digitales samt QR-Code einrichten und im Gedenken an einen lieben Angehörigen eine digitale Kerze entzünden bzw. ein digitales Grußwort an ihn richten. Auch digitale Entrümpelung spielt eine Rolle. Sonst erhält man, wie es mir schon öfter passiert ist, noch lange nach dem Tod eines Menschen E-Mails von ihm. Die landen zwar im Spamfolder, trotzdem ist es gruselig, E-Mails von einem Toten zu erhalten, in denen er um die sofortige Überweisung von so und so viel Euro bittet. Er brauche das Geld dringend, jetzt, sofort.

Da sich meine schriftstellerische Fantasie nicht ins Utopische erstreckt, kann ich keine Vorhersage treffen, inwiefern sich die Bestattungsformen der Zukunft von den gegenwärtigen unterscheiden werden. Möglicherweise wird es Bestattungen auf fernen Planeten geben, inklusive Hin- und Rückflugticket. Möglicherweise wird man auf Tradiertes zurückgreifen und aus Nostalgie die Toten wieder zu Hause im Kreis der Familie aufbahren, ehe man sie der Erde übergibt.

Was ich mit Sicherheit sagen zu können glaube, ist, dass der Tod an sich, das heißt, das Geheimnis, das er darstellt, heute wie morgen dasselbe sein wird. So, wie die Menschen vor 175 Jahren nur Mutmaßungen darüber anzustellen vermochten, was mit der Seele eines Verstorbenen geschieht, so werden sie es wohl auch in 175 Jahren tun.

In Japan, das uns einen Sprung voraus ist, wenn es um das Erkennen und Benennen von Trends geht, hat sich in den letzten Jahren der Begriff „Shuukatsu“ etabliert. Gemeint ist damit die schon zu Lebzeiten unternommene Anstrengung, den eigenen Tod bis ins kleinste Detail vorzubereiten. Es gibt Shuukatsu-Messen und sogar -Festivals, bei denen man, zur Probe versteht sich, in einem Sarg liegen darf, und von der Auswahl der Urne bis zu den sogenannten Ending Notes wird dabei nichts dem Zufall überlassen. In den Ending Notes hält man unter anderem letzte Wünsche, bisher Ungesagtes, aber auch Abschiedsworte fest. Dahinter steckt ein wohlgemeinter Wille: Man möchte den Übriggebliebenen, ergo den Jungen, nicht zur Last fallen, und da die Jungen zahlenmäßig am Schwinden sind, nehmen die zahlenmäßig überlegenen Alten die Sache selber in die Hand. Auch hierzulande geht der Trend in diese Richtung. In Deutschland und Österreich gibt es Bestattungsmessen mit klingenden Namen wie „Happy End“ oder „Seelenfrieden“. Ziel ist es, den interessierten Messebesucher zur Selbstbestimmtheit zu animieren. Individuell soll das Begräbnis sein. Kreativ und künstlerisch. Es soll der Persönlichkeit des Verstorbenen Rechnung tragen und seine ureigene Note zum Ausdruck bringen.

Luftballons steigen in den Himmel

Bei entsprechendem Wunsch dürfen bei der Beisetzung auch bunte Luftballons in den Himmel steigen, nicht anders als etwa bei einer Hochzeit. Dem Tod, jenem dunklen Geheimnis, soll dadurch eine helle Färbung verliehen werden. Gut möglich, dass man in 175 Jahren den Tod eines Menschen als ein glückliches Ereignis feiert. Lachend steht man beisammen und freut sich, dass er es geschafft hat, auf die andere Seite zu gelangen. Wäre das nicht wünschenswert?

Aber auch dem Schmerz über den Abschied wird wahrscheinlich mehr Raum gegeben werden. Der Beruf des Sterbe- und Trauerbegleiters hat sich immerhin erst in den 1980er-Jahren zu einer Profession entwickelt, und über würdevolles Altwerden und Ableben hat man in den 2000er-Jahren sicherlich intensiver debattiert als noch 100 Jahre davor. Früher war das Feld der Trauerbewältigung der kirchlichen Seelsorge überlassen. Heute geht es auch abseits des Konfessionellen. Eine spirituelle Angelegenheit ist es für die meisten jedoch immer noch.

Und das Sterben selbst? Auch da hat es eine gesellschaftspolitische Kehrtwende gegeben. Die Beihilfe zum Suizid wird in Österreich nicht länger als verfassungswidrig geahndet. Wer an einer schweren Krankheit leidet und keine Aussicht auf Heilung hat, wessen Lebensqualität durch Krankheit erheblich eingeschränkt ist, darf nach engmaschiger ärztlicher Rücksprache und per Rezeptverschreibung aus dem Leben scheiden.

Ein Thema, das spaltet und über das sich nur ein stichhaltiges Urteil bilden lässt, wenn man zu den Betroffenen gehört. Die Entscheidung nimmt niemand auf die leichte Schulter. Wo aber beginnt sie? Die Eigenverantwortlichkeit? Ab wann kommt sie einer Eigenermächtigung gleich? In den liberaleren Niederlanden etwa gelten auch „Lebensmüdigkeit“ und eine Vielzahl von Altersgebrechen als Gründe für eine vorzeitige Beendigung des Lebens. In 175 Jahren ist diese Art der Erleichterung vielleicht normal geworden. Normaler als heute wird sie, denke ich, auf jeden Fall sein.

Genauso salonfähig könnte ein Designer-Tod werden. Wie wollen Sie sterben? Welches Setting schwebt Ihnen vor? Wollen Sie eher am Morgen von dannen gehen, wenn die ersten Vöglein zwitschern? Oder in der Stille der Nacht? Wollen Sie in der Badewanne dem Leben entschlafen? In angenehm temperiertes Wasser gehüllt? Oder lieber in Ihrem Bett? Draußen unter Sternen? In der Serengeti? Mit Blick auf eine friedlich grasende Zebraherde? Kein Problem! Es gibt da dieses Luxury-Package. Es ist erheblich teurer als das Standard-Package. Aber hey, immerhin geht es um Ihren Tod. Wenn Sie es leicht und schön haben können, warum sollten Sie es unnötig schwer und hässlich haben? Außerdem handelt es sich um eine einmalige Ausgabe in Ihrem Leben.

Instagram-tauglicher Hochglanz

Wie gesagt, bei der Beihilfe zum Suizid trifft niemand eine leichtfertige Entscheidung. Ohne profunde psychologische Begleitung und beständiges ethisches Hinterfragen besteht dennoch die Gefahr, dass wir in 175 Jahren eine super-optimierte Sterbekultur werden entwickelt haben, eine Form des Instagram-tauglichen Hochglanz-Sterbens, die allem auszuweichen trachtet, was nur irgendwie unansehnlich ist. Sterben muss schmutzig sein. Clean und steril in Sachen Tod ist auch aus folgendem Grund nicht anzustreben: Zu gefährlich und gar nicht so groß ist der Schritt hin zu der Idee von einer freundlichen Euthanasie für solche, deren Leben vermeintlich unwerter als unseres ist. Aber zurück zu den Bestattungen. Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre, fällt mir auf, dass der klassische Grabstein aus der Mode gekommen zu sein scheint. Frei nach Rousseau – zurück zur Natur! – werden etwa Waldbestattungen ohne jegliches Beiwerk dem schwarz glänzenden Granit mit goldener Inschrift vorgezogen. Was ohnehin zu Asche und Staub zerfällt, bedarf keines Zeremoniells und keines Schmuckes. Äußerst vernünftig ist das. Und sachlich betrachtet spart man sich jede Menge Geld und Platz.

Auf den Friedhöfen aus dem vorvorigen Jahrhundert wird einem die Tatsache des Verschwenderischen und seiner Zwecklosigkeit eindrücklich vor Augen geführt. Selbst die standfesteste Marmorsäule, von der man meinte, sie würde Generationen überdauern, ist dem Verfall anheimgegeben. Opfer der Witterung ist sie, wie der um sich greifenden Wildnis. Umgestürzte Engel oder solche mit nur noch einem Flügel erinnern daran, wie wenig von einer Person letztlich ins Diesseits ragt. Auch wenn von einem mit Moos überwachsenen Namen eine starke Romantik ausgeht, am Ende taucht doch jeder ins Nichts. Lassen Sie uns also – so gut es geht – leben.

Milena Michiko Flašar

Geboren 1980 in Sankt Pölten. Lebt als Autorin in Wien. Zuletzt erschienen: „Oben Erde, unten Himmel“ (Wagenbach).

Jubiläum

Welche Zukunft haben Liberalismus und Meinungsfreiheit? Diese Frage stellte sich im Revolutionsjahr 1848, als „Die Presse“ erstmals erschien. Und sie stellt sich heute mehr denn je. In unserem Schwerpunkt zum Jubiläum blicken wir zurück und nach vorne.

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