175 Jahre „Die Presse“

Hier schreibt kein Mensch

Radek Knapp
Radek KnappDie Presse/Clemens Fabry
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Irgendwann könnte schließlich auch der körperlose Verfasser dieses Artikels in einen Avatar schlüpfen. Eine überaus faszinierende Aussicht, endlich seinem Leser von Angesicht zu Angesicht auf der Straße zu begegnen!

Zuerst die gute Nachricht: Der menschliche Körper ist heuer noch billiger geworden. Der Preis beläuft sich inzwischen auf 85 Euro. Das teuerste Element ist das Wasser, aus dem er zu 75 Prozent besteht. Und jetzt die schlechte Nachricht: Es gibt inzwischen über 21 Milliarden Körper auf der Erde. Tendenz steigend. Das macht den menschlichen Körper zum größten Umweltsünder unseres Planeten. Im Laufe seines Betriebs vertilgt er über vier Tonnen Fleisch, verbraucht 200 Tonnen Wasser und produziert die tausendfache Menge seines Gewichts an Abfall. Gegenmaßnahmen wie nachhaltige Ernährung, Biowirtschaft, Recycling sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hinzu kommt der Bewegungsdrang des menschlichen Körpers, das bedauerliche Überbleibsel eines evolutionsbedingten Instinktes. Einst sicherte er ihm das Überleben. So eroberte der Mensch neue Gebiete. Heute ist er nicht nur obsolet geworden, er schädigt nachweislich die Umwelt in einem nicht akzeptablen Ausmaß. Zwar wurde der Bewegungsdrang durch die Einführung der virtuellen Realität am Anfang des 21. Jahrhunderts erfreulich eingeschränkt. Auch die inzwischen so beliebte Simulation von Scheinwelten, zuletzt befeuert durch die neue Kunstrichtung „Simulatur“, trägt viel dazu bei. Und dennoch sind immer noch zu viele Körper in der realen Welt unterwegs.

Mit dem Energieaufwand, der benötigt wird, um zehn menschliche Körper 100 Kilometer weit zu befördern, könnte man heute eine Kleinstadt über eine Woche lang versorgen. Eine zweiwöchige Reise einer Schulklasse zu einem anderen Kontinent kommt einer kleinen Naturkatastrophe gleich.

Aus diesem Grund hat die demokratische Regierung unserer Hemisphäre, bestehend aus den USA, Europa und der Republik Surinam, ein Pilotprojekt gestartet. Mithilfe des Meta-Konzerns möchte man probeweise dem menschlichen Körper einen „Avatar“ zur Seite stellen. (Der Name leitet sich aus einem antiken Film des frühen 21. Jahrhunderts her.) Der Avatar ist eine perfekte Körperkopie, seine Fähigkeiten sind beeindruckend. Er wiegt maximal 30 Kilogramm. Benötigt keine Nahrung, produziert keine Abfälle und ist absolut klimaneutral.

Der auf dem Gebiet der neuralen Verlinkung erfahrene Meta-Konzern garantiert völlige „Gefühlsechtheit“ seiner Ware. Sprich: Der zu Hause wartende Körper spürt durch seinen sich im analogen Raum bewegenden Avatar genauso die Sonnenstrahlen wie das Original. Er schmeckt genauso und nimmt den Duft der Blumen wahr. Der Avatar kann ferner beliebig mit anderen Avataren in Kontakt treten. Und zwar auf mannigfaltigste Art. Von einer schlichten Konversation auf der Straße bis hin zu einem Geschlechtsakt, der ebenfalls als „gefühlsecht“ empfunden wird. Gegen einen geringen Aufpreis kann der Verbraucher die eigene Attraktivität sowie die physischen Fähigkeiten seines Avatars steigern. Er kann das Geschlecht wechseln und sich sogar nach Einreichung eines entsprechenden Formulars in ein Tier verwandeln. Es gibt praktisch keine Grenzen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Unterschied zur „virtuellen Welt“ erhält der Mensch nicht die Illusion, in einem analogen Raum zu sein. Er ist im analogen Raum. Ohne sich jedoch physischen Gefahren auszusetzen. Jedwede Beschädigung des menschlichen Körpers durch Unfall oder Fremdeinwirkung ist ausgeschlossen. Ansteckende Krankheiten, Viren etc. können einem Avatar nichts anhaben. Und das Wichtigste: Unser Planet erhält eine neue robuste, attraktive und klimafreundliche Bevölkerung, die die Umwelt erheblich schont. Oder um einen alten antiquierten Spruch zu paraphrasieren: „Man hat ein Omelette zubereitet, ohne dabei Eier zu zerschlagen.“

Die ersten Testreihen verliefen vielversprechend. Bis auf einige Ausnahmen – es fielen Begriffe wie „unheimlich“ oder „inhuman“ – war man sich einig: Hier wird eine effektive Lösung angeboten, die die Menschheit vor der Selbstzerstörung bewahrt. Die Meta-Wissenschaftler gehen davon aus, dass man in ferner Zukunft dem Menschen den Körper ganz ausreden kann. Irgendwann wird ein kompletter Transfer des Verbrauchers in den Avatar möglich sein. Der alte Körper wird für immer „wie ein Mantel an der Garderobe“ abgegeben. Der Mensch schlüpft in ein neues attraktives, umweltbewusstes Kleid mit einem höchst willkommenen Nebeneffekt: der erheblichen Verlängerung der menschlichen Lebensdauer.

Viele sprechen bereits von einem großen Schritt in Richtung Unsterblichkeit. Noch ist ein Avatar auf den Betrieb von 100 Jahren konstruiert, aber bei richtiger Wartung könnten es viel mehr werden. Doch das alles ist noch Zukunftsmusik. Bleiben wir in der Gegenwart und wünschen diesem Projekt viel Glück. Auch vonseiten der „Presse“-Redaktion. Irgendwann könnte schließlich auch der körperlose Verfasser dieses Artikels in einen Avatar schlüpfen. Eine überaus faszinierende Aussicht, endlich seinem Leser von Angesicht zu Angesicht auf der Straße zu begegnen! Oder wie sagte einmal ein Mensch des 15. Jahrhunderts: Einen perfekten Körper zu haben ist das größte Glück, das einem passieren kann. Also wozu noch warten?

Radek Knapp

1964 in Warschau geboren, lebt nun in Wien. Zuletzt erschienen: „Von Zeitlupensymphonien und Marzipantragödien“.

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