In Georgien gründen russische Emigranten Unternehmen und eröffnen Clubs. Viele Georgier sehen diese Entwicklung skeptisch – erst recht nach dem Putschversuch.
Ein altes geziegeltes Haus in der Tifliser Altstadt ist Treffpunkt einer verschworenen Gemeinschaft. Neben dem Eingang hängt die weiß-blau-weiße Fahne der Putin-Gegner, auf der Getränkekarte lockt ein Shot namens Slava Ukraini. Der Club heißt Frame und liegt in der verwinkelten Betlemi-Straße. In einem bis auf den letzten Platz gefüllten stickigen Hinterzimmer tritt an diesem Abend das Moskauer Underground-Theater teatr.doc auf. Vor Beginn der Aufführung hat die Regisseurin das Publikum gebeten, aus Sicherheitsgründen weder Fotos noch Videos zu machen: Ein paar Darsteller würden noch in die alte Heimat reisen. Das Stück ist der Versuch zu verstehen, was in den ersten Tagen des Überfalls auf die Ukraine in Russland passiert ist – es geht um das Kofferpacken, Abschiednehmen, überstürzte Abreise.
„Ich gehöre einem Land an, das den Krieg begonnen hat“, klagt eine junge Frau auf der Bühne. „Warum schweigen in Russland alle?“ Ein Darsteller sagt: „Zuerst hatte ich Angst, nicht mehr rauszukommen. Jetzt habe ich Angst, nie wieder reinzukommen.“ Und ein anderer stellt die Frage aller Fragen, die schon die „weißen“ Emigranten im Exil vor 100 Jahren beantworten mussten und die heute wieder aktuell ist: „Wie weiterleben?“
Emigranty - von Georgien bis Goa
Alle hier im Publikum kennen diese Fragen. Sie sind Teil einer neuen russischen Emigrationsbewegung, die der von Wladimir Putin vom Zaun gebrochene Krieg geschaffen hat. Die meisten hier sind unmittelbar nach Kriegsbeginn ausgereist, weil sie als Aktivisten, kritische Intellektuelle, unabhängige Medienschaffende und Putin-Gegner Repression und strafrechtliche Verfolgung fürchteten. Im September 2022 sind dann jene jungen Männer gefolgt, die der Mobilisierung entwischen wollten. Zu den klassischen emigranty gesellen sich auch andere: etwa die als relokanty (eine Ableitung vom englischen Verb to relocate) bezeichneten IT-Spezialisten, die von überall aus arbeiten können; Businessmänner, die ungestört Geschäfte machen wollen; und Wohlhabende, die sich ganz einfach einen längeren Auslandsaufenthalt leisten können. Neue russische Communitys haben sich in Kasachstan, Kirgistan, in der Türkei, in Dubai, im indischen Goa, auf Sri Lanka und Bali gebildet. Besonders viele Russen, rund 200.000, sind seit Kriegsbeginn in Georgien angekommen, das eine Bevölkerung von 3,7 Millionen Menschen hat.
»Ich wollte in Freiheit sein.«
AnnaGebürtig in St. Petersburg
Auch Anna, 44, hat sich die Aufführung im Frame angesehen. Sie ist in den Märztagen 2022 von St. Petersburg nach Georgien gereist. Warum das Land so beliebt ist bei den Neuankömmlingen?