Es ist mehr ein diffuses Gefühl als eine Kategorie. Fest steht nur, dass wir es suchen, wenn uns die Urlaubsstimmung packt: das Sommerbuch. Diese 14 Bücher bieten hoch qualitativen, fesselnden Genuss.
Eine „Sommergeschichte“ hat der deutsche Autor Kurt Tu cholsky seine Romanze „Schloss Gripsholm“ genannt. Vier junge Menschen machen in schwedischer Idylle Ferien und erleben amouröse Verwicklungen. Der Grundton ist trotz melancholischer Würze heiter. Stammend aus Zeiten, wo Urlaub noch Sommerfrische hieß (1931), ist dieser Roman vielleicht der Inbegriff dessen, was Menschen diffus als „Sommerbuch“ empfinden. Einmal heißt es über die Jungen darin: „Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.“
Die Seele baumeln lassen - dieser Ausdruck ist seitdem zum Klischee geworden. Die Sehnsucht steckt darin, sich einmal fallen zu lassen, im Idealfall mit Sonne auf der Haut. Locker zu lassen - auch intellektuell. Da wäre man auch nur Spielverderber, wollte man den Begriff des „Sommerbuchs“ zerpflücken wollen. Er bezeichnet mehr ein Gefühl als eine klare Kategorie. Manche Menschen grenzen ihn stark ein: Sie finden, ein Sommerbuch sollte überhaupt im Sommer spielen, ein Gefühl von Sorglosigkeit und Leichtigkeit vermitteln. Besonders Strenge finden auch eine Romanze darin unerlässlich. Andere fassen es weiter: Sie wünschen bei aller durchaus willkommenen Dramatik (sonst wäre es ja auch langweilig) einen positiven Grundton oder zumindest ein Happy End. Man will sich ja nicht die Urlaubsstimmung verderben lassen.
Der Geist will „baumeln“. So wichtig wie bestimmte inhaltliche Ingredienzien ist das stilistische Wie. Im Wunsch nach dem Sommerbuch schwingt der Wunsch mit, den Geist „baumeln“ zu lassen, nicht nur die Seele. Ein Buch mit höchstem literarischen Anspruch stellt auch hohe Ansprüche an die Lesenden, man fühlt sich gedrängt, messerscharf mitzudenken, haftelmacherisch hinzuhorchen. Ein Sommerbuch muss nicht dahinplätschern, aber es möge dahinfließen, einen mit sich ziehen (oder reißen), sodass man ihm nicht ständig hoch sportlich hinterherlaufen muss.
Das trifft auf unsere 14 Lektüre-Tipps zu. All diese Bücher sind seit dem letzten Sommer erschienen (bis auf eines, das aus anderem Grund aktuell ist). Sie spielen nicht alle im Sommer, auch Düsteres kommt vor. Doch alle bieten fesselnden Genuss, ohne auf das zu verzichten, was der „Presse am Sonntag“ wichtig ist: Niveau. (sim)
Der Mann, der den Eiffelturm verkaufte
Der Victor Lustig, der einem in Bastian Kressers elegantem Roman „Als mir die Welt gehörte“ entgegentritt, ist ein Gauner und ein Gentleman, vom Zylinder aus edlem Filzwollstoff bis zu den blank polierten Maßschuhen. Und er ist ein unverlässlicher Erzähler, der seine Leser gern auf falsche Fährten lockt. Die (wahre) Geschichte des Fälschers und Trickbetrügers Victor Lustig, der gleich zwei Mal versuchte, den Eiffelturm an den meistbietenden Pariser Schrotthändler zu verkaufen, und der 1947 im Gefängnis von Alcatraz starb, ist ein Geschenk für jeden Schriftsteller: „Ein Leben wie meines gibt es, so darf ich behaupten, kein zweites Mal.“ Der Österreicher Bastian Kresser erweist sich dessen als durchaus würdig. DO
Bastian Kresser : „Als mir die Welt gehörte“ . Braumüller Verlag, 350 S., 26,95 €