175 Jahre „Die Presse“

Can Dündar: „Ich bezahle einen hohen Preis“

Can Dündar
Can DündarAnnette Riedl/picturedesk.com 
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Der Westen arbeite Recep Tayyip Erdoğan zu, sagt der türkische Journalist, der im deutschen Exil lebt. Und der Westen nehme die andere Türkei außerhalb Erdoğans kaum wahr.

Die Presse: Demokratiepolitisch gesehen ist die Türkei ein Land, das aus bedenklichen Entwicklungen gar nicht mehr herauskommt. Was gibt Ihnen als Journalist, der ins Exil gezwungen wurde, und als Bürger trotz allem Hoffnung?

Can Dündar: Bei der vergangenen Wahl haben sich 48 Prozent, also fast die Hälfte des Landes, gegen eine Autokratie ausgesprochen. Die Türkei ist ein Land, das gegen ein despotisches Regime Widerstand leistet. Und das seit zwanzig Jahren. Trotz des Drucks auf die Medien, trotz der Abhängigkeit der Justiz. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft.

Sie haben vor der jüngsten Wahl in der Türkei gesagt: Ein erneuter Sieg Recep Tayyip Erdoğans bedeute, dass der Winter bevorstehe. Auf jeden Winter folgt ein Frühling – wann erwarten Sie ein Tauwetter?

Eines der größten Probleme unserer Zeit ist die Frage der Transformation von gewählten Autokratien. Sie sehen demokratisch aus, jedoch tragen sie keine demokratischen Prinzipien in sich. Es gibt keine fairen Wahlen, keine unabhängige Justiz, die Pressefreiheit ist nicht gegeben, es gibt keine Gewaltenteilung – es handelt sich um einen Parteienstaat. Für einen Frühling müssten viele Elemente zusammenkommen. Zunächst braucht es eine starke Medienlandschaft, die sich organisiert, Solidarität untereinander zeigt und das Regime herausfordert. Darüber hinaus ist der internationale Zusammenhalt sehr wichtig. Ich denke, dass die westlichen Länder dazu beigetragen haben, dass Erdoğan wiedergewählt wurde. Daher vertraue ich den Regierungen nicht so sehr wie der Öffentlichkeit, den kritischen Medien oder den Gewerkschaften und Parteien.

Die Regierung Erdoğan lässt Sie per Haftbefehl suchen. Gleichzeitig wird der türkische Präsident auf der politischen Bühne der Welt teilweise hofiert. Was macht das mit Ihnen?

Wenn der Westen, Europa und Amerika, auf seine westlichen Prinzipien achtgegeben hätte, wäre ich in meinem Land und Erdoğan würde per Haftbefehl gesucht werden. Stattdessen sehe ich den Verrat an europäischen Prinzipien, denn es wird ein Politiker belohnt, der die Demokratie und Justiz ausgehöhlt, die Religion zu politischen Zwecken missbraucht hat. Er wird gebraucht, weil er Geflüchtete von Europa fernhält oder weil er zwischen der Ukraine und Russland vermittelt. Was Regierungskritische in der Türkei anbelangt: Sie waren immer schon in der Lage, in der ich jetzt bin. Wir waren immer im Exil, im Gefängnis oder im Grab. Das ist nicht neu. Das Neue ist, dass Europa Autokratien zuarbeitet.

Und Sie sehen keine Einsicht des Westens?

Nein, denn auch der Westen verzeichnet einen Anstieg populistischer Bewegungen, antidemokratischer Tendenzen und Rassismus. Nicht nur in der Türkei, überall müssen wir achtsam sein.

Liberal und westlich orientierte Regierungsgegner in der Türkei haben Angst, dass sich das Land in einen neuen Iran verwandeln wird, während sich gerade jetzt die iranische Bevölkerung gegen das Regime stellt.

Die Türkei hat trotz allem, trotz der vielen Putsche, eine demokratische Vergangenheit. Wir können sagen: eine demokratische Sturheit. Auch wenn sie nicht mehrheitsfähig ist, sehen wir eine demokratisch organisierte Zivilbevölkerung. Erdoğan unternimmt alles, um diese Entwicklung zu zerschlagen, aber der Widerstand bricht nicht ab. Es ist wichtig, auf diesen Teil der Bevölkerung aufzupassen. Ich lebe in Deutschland. Dass die deutsche Regierung gleich nach der Wahl Erdoğan einlädt und ihm gratuliert, das verletzt mich.

Aber was ist die Alternative? Soll der sogenannte Westen Erdoğan zu einem Paria machen?

Natürlich, Kontakte auf Regierungsebene muss es geben. Aber dass eine sozialdemokratische westliche Regierung keine Verbindungen zur sozialdemokratischen Opposition in der Türkei aufbaut, das kritisiere ich. Dass es zu keiner internationalen Zusammenarbeit zwischen Parteien kommt, oder Vereinen, zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschafts- und Jugendorganisationen, zwischen Frauenrechtsgruppen und Medienhäusern. Ich sage nicht, dass Erdoğan überall hinausgeworfen werden soll. Im Gegenteil: Europa muss sehen, dass es eine Türkei außerhalb Erdoğans gibt, und sich mit dieser Türkei verbinden. Demokratien sind ohnehin ein fragiles Konstrukt – und Europa trägt hier eine Verantwortung.

Die Türkei feiert heuer ihr 100-jähriges Bestehen als Republik. Wie sehr hat Erdoğan seinen Traum erfüllt, das Land nach seiner Façon umzuwandeln?

Die Türkei wurde als laizistische, demokratische Republik gegründet, Erdoğan versucht bekanntlich, ein islamisches Regime mit autoritären Zügen aufzubauen. Die türkische Republik wollte ein Teil des westlich-demokratischen Bündnisses sein, aber Erdoğan hat die Türkei vom Westen entfernt und Russland sowie dem Nahen Osten angenähert. Hier stehen wir nach 100 Jahren. Ob er die Bevölkerung auch „transformiert“ hat, das ist schwerer zu beantworten. Seine langjährige religiöse Bildungspolitik, die steigende Relevanz von religiösen Orden haben Spuren hinterlassen und eine neue Generation hervorgebracht. Dennoch denke ich, dass ein beträchtlicher Bevölkerungsteil weiterhin nicht unter einem Leader Erdoğan leben möchte.

Die wirtschaftliche Lage ist weiterhin desolat. Welche Signale sendet die neue Regierung Erdoğans aus?

Es wird versucht, liberale und positive Signale zu senden. Die Wirtschaft sagt, wir müssen der Welt Sicherheit bieten und eine demokratische Öffnung wagen. Aber der Staat macht das Gegenteil. Daher ist es irrelevant, wer an der Spitze des Wirtschaftsressorts steht, sie alle werden in diesem System nicht erfolgreich sein. Wer in der Türkei investieren möchte, hat keine Sicherheitsgarantien. Aber man muss auch sehen, dass früher vorzugsweise in demokratische Länder investiert wurde. Heute wird da nicht mehr wirklich darauf geachtet.

Auf Sie wird in türkischen Medien eine regelrechte Hetzjagd veranstaltet. Ihre Adresse wurde veröffentlicht.

Es beginnt schon damit, dass der Suchbefehl gegen mich ein Unsinn ist, weil alle wissen, wo ich bin. Der Haftbefehl hingegen ist eine Drohung: Wir wissen, wo du bist, wenn wir wollen, können wir dich entführen oder töten. Daher bezahlt man in der Türkei einen hohen Preis, wenn man für die Wahrheit einsteht. Und ich persönlich bezahle ihn.

Ihre Familie wird auch nicht verschont.

Es ist schwer. Ich wurde von meiner Frau getrennt, weil ihr die türkischen Behörden keinen Pass ausgestellt haben. Sie musste über illegale Wege herkommen und kann nun nicht mehr in die Türkei einreisen. Aber so ist nun einmal die Lage: In Ländern wie der Türkei muss man sich auf solche Szenarien gefasst machen, wenn man sich für den Journalismus entscheidet. Diese Entscheidung treffen nicht nur Sie, sondern auch Ihre Familie.

Can Dündar

Investigativjournalist, Filmemacher, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“. Seine Enthüllungen führten zu seiner Festnahme und zu einer Anklage. Er überlebte einen Attentatsversuch. Dündar lebt seit 2016 im deutschen Exil. Ankara hat Haftbefehl gegen ihn erlassen.

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