Leitartikel

Auf einem Stapel Zeitungen stehend kann man die Welt besser sehen

Die Jubiläumsausgabe der „Presse“.
Die Jubiläumsausgabe der „Presse“.„Die Presse“, Hellin Jankowski.
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175 Jahre Erfahrung können beim Zeitungmachen helfen, aber der ganze Fokus liegt immer auf der Zukunft: der Ausgabe des nächsten Tages.

„Die Presse“. Im Rahmen der Vorbereitungen des 175-Jahr-Jubiläums der „Presse“, bei dem wieder einmal die beeindruckende Geschichte der nun ältesten gedruckten Tageszeitung Österreichs im Mittelpunkt stehen sollte, stellte eine Kollegin unvermittelt die Frage: „Und was hilft uns das für die Zukunft?“ Diese Ausgabe, die mit 168 Seiten umfangreichste in der Geschichte der „Presse“, versucht, darauf eine Antwort zu geben. Und gleich vorweg: Diese kann nicht eindeutig ausfallen. Die komplexe Welt, über die wir inzwischen buchstäblich sekündlich berichten, endet nicht vor den Türen unserer Redaktion im dritten Wiener Gemeindebezirk. Kein Tag gleicht dem vorigen, keiner dem folgenden. Nur die Regeln für seriösen Journalismus haben sich nicht geändert. Journalistisches Handwerk, über Generationen in der Redaktion tradiert und verfeinert, ist stets die Grundlage der täglichen Arbeit. Der gesellschaftliche, ökonomische und technologische Kontext für diesen klassischen Qualitätsjournalismus ändert sich dafür umso dramatischer. Neben dem guten alten Papier steht die ganze WWWelt offen, Text steht gleichrangig neben Ton und Bild. Sich zu diesen Grundregeln zu bekennen und sie zu beherrschen macht gerade den entscheidenden Unterschied zu den vielen neuen ungeprüften und schwer verifizierbaren Nachrichtenquellen aus.

Resilienz als Teil der DNA

An dieser Stelle aber kommt die seit 1848 dauernde Geschichte der „Presse“ ins Spiel: Gegründet in die Veränderung (ja, Revolution) hinein, war Resilienz in der inhaltlichen Eigenständigkeit, aber auch in der ökonomischen Unabhängigkeit, ohne die es keine redaktionelle Unabhängigkeit geben kann, von Beginn an Teil der „Presse“-DNA. Dieser Umstand führte auch dazu, dass die unter der Nazi-Herrschaft eingestellte „Neue Freie Presse“ 1948 als „Die Presse“ wiedererstehen konnte. Und seit damals ein fester Bestandteil der Zweiten Republik und damit ein Stück Österreich ist. Aus dieser langen Geschichte, der Teil zwei dieser Jubiläumsausgabe gewidmet ist, schöpfen wir auch, wenn Antworten auf aktuelle Herausforderungen im Mediengeschäft verlangt werden. So wie jeder Einzelne von uns als Zwerg auf den Schultern eines Riesen sein Leben beginnt (Bernhard von Chartres), machen die Redakteurinnen und Redakteure der „Presse“ quasi auf einem Zeitungsstapel von über 50.000 Ausgaben stehend (das ist höher als der Wiener Stephansdom) täglich Zeitung. Und von dort oben hat man definitiv einen besseren Blick auf die Geschehnisse der Welt. Das Redaktionsgeheimnis ist nicht nur ein juristischer Begriff, der Quellen und Recherche vor staatlichen Zugriffen schützt, sondern auch eine Art Zauberformel: Jedes Redaktionsmitglied, das seit dem Bestehen der „Neuen Freien Presse“ und der „Presse“ stets an der Zeitung für morgen gearbeitet hat, hinterlässt einen Teil von sich, der wie beim Stille-Post-Spiel über die Generationen bis in den Juli 2023 weitergegeben worden ist.

Große Namen

Gern und auch in dieser Ausgabe wieder verweisen wir stolz auf die Namen der Großen, die für dieses Blatt geschrieben haben: Theodor Herzl, Bertha von Suttner, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Adolf Loos, Eugenie Schwarzwald, Ludwig von Mises und – ja, auch und gerade aktuell wieder in aller Munde – Karl Marx. Sie alle und ganz viele mehr haben in der Redaktion auf immer ihre Spuren hinterlassen. So wie große Orchester ihren unverwechselbaren Klang und Fußballnationen ihren Spielstil weitergeben, sind Redaktionen mehr als die Summe ihrer Einzelteile: lebende Wissensorganismen, die alten Bäumen gleich ein Jahrhundert (bald schon zwei) überdauern und bezeugen können. Zum 175er wird man wohl ein wenig pathetisch sein dürfen.

Diese Ausgabe wurde in den letzten Monaten durch alle Abteilungen des Verlags geplant, vorbereitet und auf die Welt gebracht. Die redaktionelle Leitung übernahm mein Chefredakteur-Kollege Gerhard Hofer, der gemeinsam mit Bildchef Pasha Rafiy, Artdirector Stefan Förstel mit Christina Wild, Jorge Rottmann und Petra Winkler, „Presse“-Chefhistoriker Günther Haller und Redaktionsmanagerin Tina Stani für diese Ausgabe verantwortlich zeichnet. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich ein vergnügliches und erkenntnisreiches Hin- und Herblättern zwischen Vergangenheit und Zukunft – in der schon morgen die nächste Ausgabe den „Presse“-Zeitungsstapel wieder um ein kleines Stückchen höher machen wird.

Jubiläum

Welche Zukunft haben Liberalismus und Meinungsfreiheit? Diese Frage stellte sich im Revolutionsjahr 1848, als „Die Presse“ erstmals erschien. Und sie stellt sich heute mehr denn je. In unserem Schwerpunkt zum Jubiläum blicken wir zurück und nach vorne.

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