Frankreich

Marseille: Mann könnte bei Protesten durch Polizeischuss getötet worden sein

Polizisten nehmen einen Demonstranten fest.
Polizisten nehmen einen Demonstranten fest.Reuters / Juan Medina
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Emmanuel Macron will die Nutzung sozialer Netzwerke durch protestierende Jugendliche diskutieren. Die Polizei verstärkt Verkehrskontrollen, um die Anschaffung von Feuerwerkskörpern zu verhindern.

Die Lage in Frankreich hat sich nach tagelangen Unruhen nach dem Tod eines Jugendlichen bei einer Polizeikontrolle weitgehend beruhigt. In der Nacht auf Mittwoch gab es landesweit 16 Festnahmen, es wurde kein Polizist verletzt, teilte das Innenministerium in Paris mit. Wie die Zeitung „Le Parisien“ unter Bezug auf das Ministerium berichtete, wurden landesweit 78 Autos in Brand gesetzt und an acht Gebäuden Feuer gelegt. Polizeiinspektionen blieben von Angriffen verschont.

Seit dem Tod des 17-jährigen Nahel durch eine Polizeikugel bei einer Verkehrskontrolle am Dienstag vergangener Woche war Frankreich von schweren Krawallen erschüttert worden. Wiederholt kam es zu Plünderungen, Brandanschlägen und gewaltsamen Konfrontationen zwischen Polizisten und Randalierern. Gegen den Beamten, der den Schuss auf den Jugendlichen abgab, wird wegen Totschlagverdachts ermittelt.

Aufprall des Projektils führte zu Herzstillstand

Während nächtlicher Ausschreitungen in Marseille ist ein junger Mann möglicherweise durch einen Schuss der Polizei mit einem Gummigeschoss gestorben. Der 27-Jährige sei in der Nacht zum Sonntag vermutlich infolge eines „heftigen Schlags im Brustbereich“ gestorben, der von einem „Projektil vom Typ Gummigeschoss“ verursacht worden sei, sagte die Staatsanwaltschaft der südfranzösischen Hafenstadt Marseille der Nachrichtenagentur AFP.

Der Aufprall des Geschosses habe ersten Erkenntnissen zufolge zum Herzstillstand geführt. Zu dem Zeitpunkt sei die Gegend von „Krawallen und Plünderungen“ erschüttert worden, erklärte die Staatsanwaltschaft weiter. Es sei aber unklar, ob der 27-Jährige an ihnen teilgenommen habe. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen zu den Umständen ein, Kriminalpolizei und die Polizei-Aufsichtsbehörde (IGPN) seien eingeschaltet.

Macron macht soziale Netzwerke für Gewalteskalation verantwortlich

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versprach am Dienstag nach den tagelangen Unruhen im Land „grundlegende Antworten“. Im Kampf gegen weitere Unruhen zog Macron bei einem Treffen mit Bürgermeistern auch eine Blockade von Online-Medien in Betracht. Man müsse über die Nutzung sozialer Netzwerke durch die protestierenden Jugendlichen und mögliche Verbote nachdenken, sagte Macron bei dem Treffen wie der Sender BFMTV berichtete.

„Und wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, muss man sich vielleicht in die Lage versetzen, sie zu regulieren oder abzuschalten. Das sollte man auf keinen Fall im Eifer des Gefechts tun, und ich bin froh, dass wir das nicht tun mussten“, so der französische Präsident bei dem Treffen mit 241 Bürgermeistern der von den Ausschreitungen besonders betroffenen Städte.

Bereits am Freitag hatte Macron auch die sozialen Netzwerke für die Gewalteskalation bei den Protesten gegen Polizeigewalt verantwortlich gemacht. Dort seien gewalttätige Versammlungen organisiert worden. Nun sagte Macron, über den Umgang mit sozialen Medien müsse in Ruhe nachgedacht werden. „Denn wenn es zu einem Instrument für Versammlungen oder für den Versuch zu töten wird, ist es ein echtes Thema.“

Bei einem Treffen mit den Bürgermeistern sagte Macron, es gehe nicht darum, seit Jahrzehnten praktizierte Dinge zu wiederholen. Nötig sei eine „Antwort auf der Höhe dessen, was wir erlebt haben“.

Pariser Polizei beschlagnahmt 300 Kilo Feuerwerk

Die Pariser Polizei beschlagnahmte in der Nacht bei einer Verkehrskontrolle zur Verhinderung weiterer gewalttätiger Proteste 300 Kilogramm an Feuerwerkskörpern. Die Pyrotechnik wurde im Kofferraum eines Wagens im 18. Arrondissement entdeckt, teilte die Polizeipräfektur am Dienstagabend mit. Fotos zeigten einen bis unter das Dach mit Kartons voller Feuerwerk gefüllten Kleintransporter. Drei Menschen wurden nach Angaben der Polizei festgenommen. Die Kontrollen sollten fortgesetzt werden.

Auch in Nordfrankreich wurden die Kontrollen an der Grenze zu Belgien verstärkt, um die Einfuhr von Feuerwerkskörpern zu stoppen, berichtete die Zeitung „Le Parisien“ am Dienstagabend unter Verweis auf die Präfektur. Verhindert werden solle, dass sich die Krawallmacher mit Nachschub an Böllern eindecken. Beiderseits der Grenze seien bereits Menschen mit Pyrotechnik gestoppt worden. Die Präfektur in Nordfrankreich ordnete bis Mitte Juli ein Verbot des Verkaufs und Mitführens von Feuerwerk sowie in Kanistern abgefüllten Benzins an.

Mehr als 3400 Festnahmen

Nach Regierungsangaben wurden in den vergangenen Tagen mehr als 3.400 Menschen bei Ausschreitungen festgenommen. 684 Polizisten und Feuerwehrleute seien verletzt worden. Der Höhepunkt der Ausschreitungen sei überschritten, sagte der Präsident, obwohl in den kommenden Tagen und Wochen weiterhin Vorsicht geboten sei. „Es ist die dauerhafte Ordnung, die wir als oberste Priorität angehen müssen.“

Seit dem Tod des 17-jährigen Nahel durch eine Polizeikugel bei einer Verkehrskontrolle am Dienstag vergangener Woche wurde Frankreich von schweren Krawallen erschüttert. Wiederholt kam es zu Plünderungen, Brandanschlägen und gewaltsamen Konfrontationen zwischen Polizisten und Randalierern. Gegen den Beamten, der den Schuss auf den Jugendlichen abgab, wird wegen Totschlagverdachts ermittelt.

17-Jähriger widersetzte sich erster Aufforderung der Polizei

In dem von der Polizei gestoppten Wagen hatten sich laut neuen Details drei Jugendliche befunden. Die Zeitung „Le Parisien“ veröffentlichte am Montagabend Schilderungen des Hergangs aus der Sicht eines 14-Jährigen, der auf der Rückbank saß, und die dessen Vater schriftlich der Zeitung übermittelte. Nahel traf den Buben demnach zufällig morgens und bot ihm an, ihn mit dem Auto zu einer Schulprüfung zu fahren.

Einer ersten Aufforderung der Polizei zum Anhalten habe der 17-Jährige nicht Folge geleistet, berichtete der Bub. Als der Verkehr stockte, hätten die Polizisten das Auto eingeholt und ihre Waffen auf den 17-Jährigen gerichtet. Einer habe dabei gedroht, ihm in den Kopf zu schießen. In Panik sei Nahel möglicherweise mit dem Fuß von der Bremse des Automatik-Wagens gerutscht, sodass dieser sich in Bewegung setzte. Der eine Beamte habe den anderen zum Schießen aufgefordert. „Der ist verrückt, der hat geschossen“, habe Nahel noch gesagt, ehe er leblos zusammengesackt und der Wagen in eine Absperrung gefahren sei.

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