Die Forscher machen ihre Arbeit und streifen wenig an der Politik an. Ein schönes Ideal, das ein Virus ins Wanken brachte. Ein Streifzug durch die Verflechtungen von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft von der Aufklärung bis zu Zeiten der Pandemie.
Den Begriff „Hoflieferant“ kennt man in Wien sehr gut, er ist noch auf manchen Geschäftsschildern aus der k. u. k. Zeit zu sehen. Der Bonner Staatsrechtslehrer Klaus Ferdinand Gärditz weitet ihn in seiner essayistischen Streitschrift über Wissenschaft und Politik aus. „Hoflieferant“ war nämlich nicht nur ein Ehrentitel für Firmen, die mit ihren Waren einen privilegierten Zugang zum Herrscherhaus hatten, sondern auch für Personen, die sich aufgrund ihrer Profession Verdienste erwarben und so Zugang zu den Schaltkreisen der politischen Macht hatten. Zum Beispiel, indem sie wissenschaftliche Politikberatung betrieben.
Es ist naheliegend, dieses Einsickern von Expertenwissen in die Politik und Gesellschaft mit all seinen Folgen am Beispiel der Coronapandemie aufzuzeigen. Das Phänomen kann jetzt in Ruhe aufgearbeitet werden, zumal am Beispiel der Gentechnik gerade ein ähnliches auf uns zukommt.
Die weltweite Infektionswelle wird eben nicht nur als medizinische Ausnahmesituation in die Geschichte eingehen, sondern auch als Zeit, in der das Verhältnis von Wissenschaft und Politik Diskussionsstoff lieferte. Themen, die zuvor nur Fachkreise in Exotenfächern wie Virologie und Infektiologie beschäftigten, wurden leidenschaftlich diskutiert. Die Bereitschaft, sich zu informieren, wuchs. Echte Expertise hatte es bei diesen Nebelschwaden angegoogelten Laienwissens aber schwer. In jedem U-Bahn-Waggon wurde trotz rudimentären Wissens, geschöpft aus diffusen Quellen, über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen diskutiert: Gab es zu viele oder zu wenige Verbote?
Damit war das Thema politisiert, denn über diese entschied die Politik. Und das von Anfang an, bevor es noch zu einer weltweiten Pandemie kam. Eigentlich schon, bevor der erste Mensch von diesem Virus befallen worden war: Die mangelnde Vorbereitung war politisch zu verantworten. Es fehlte an effizienten Epidemieplänen und Steuergeld für bessere Strukturen im Gesundheitssystem, so wie es zu lang wenig Interesse für die Warnungen der Klimaexperten gab. Offenbar war damit keine Wahl zu gewinnen.
2020, im Jahr eins der Pandemie, war der Schaden jedenfalls sichtbar und die Arbeit begann. Die Wissenschaftler rackerten sich ab, um neues Wissen zu generieren und es in seiner rasanten Entwicklung (auch mit allen Unsicherheiten) zu vermitteln, die Politik reagierte darauf und blieb unter extrem schwierigen Bedingungen handlungsfähig. Der demokratische Motor geriet nicht ins Stottern, denn es herrschten nicht die Virologen, sondern die gewählten Volksvertreter. Doch früh tauchte das Schlagwort von der „politisierten Virologie“ auf („FAZ“, 5. August 2021). Was war damit gemeint?