Garten

Nachtkönigin und Tagdrachen

Das gute alte Löwenmäulchen blüht seit Wochen in Regenbogenfarben.
Das gute alte Löwenmäulchen blüht seit Wochen in Regenbogenfarben.Ute Woltron
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Von besonderen Kakteen und altmodischen Bauerngartenpflanzen, von durchwachten Sommernächten und anderen botanischen Spezialitäten über die Zeiten.

Neulich verbrachten wir eine Sommernacht miteinander. Eine bunte Schar von Freunden, digital vernetzt quer über den Globus. Die einen klinkten sich aus Frankreich ein, die anderen aus Portugal, Belgien, Brasilien und Deutschland. Die alte Klasse fand wieder zusammen, wenn auch nur über Handys und Bildschirme, um einem botanischen Spektakel beizuwohnen. Ein Kaktus, offensichtlich gut gepflegt von einem von uns, war im Begriff aufzublühen. Wir waren der internationale Hofstaat und huldigten einer Königin der Nacht. Wir sahen dabei zu, wie das sonst unscheinbare Gewächs seine sensationellen Blüten entfaltete.

Für ein paar Stunden stand es da wie ein kleiner weißer Pfau, der gleich ein Dutzend Räder gleichzeitig schlägt. Doch die Nachtblüte der Kakteen ist flüchtig, und in den Morgenstunden war der Zauber wieder verflogen. Nächstes Jahr wieder, seufzte jemand. Nein, antwortete der Kaktusbesitzer, der Knirps blühe mit etwas Glück gleich ein paar Mal pro Saison.

Obwohl die Meinungen, um welche Kaktusart es sich handelt, auseinandergegangen sind, glaube ich doch, dass wir dem Blütenrausch einer Echinopsis beiwohnen konnten. Denn im Blumenfenster meiner pflanzenversessenen Großmutter stand genau so einer, und der war der Star der Sommerferien. Wenn die Blütenknospen kurz vor dem Aufplatzen waren, was tagelang mit Spannung erwartet wurde, durften wir ausnahmsweise aufbleiben und uns die Nacht um die Ohren schlagen. Das war fast besser als Weihnachten.

Die Echinopsis, landläufig Bauernkaktus genannt, ist eine der Kakteenarten, die gern auch als Königin der Nacht bezeichnet werden. Der Ordnung halber muss hinzugefügt werden, dass die „echte“ Königin der Nacht Selenicereus grandiflorus heißt und ein ungestümer mittelamerikanischer Klimmer ist, mit langen, wenig attraktiven Ästen, auf denen er jedoch mit Glück und nach jahrelanger Pflege für kurze nächtliche Momente gigantische Blüten öffnet.

Affenbrotbaum

Neben der Bauernkaktusblüte gab es im Garten meiner Oma noch weitere Attraktionen, wie fleischig blühende Stapelien, die aussahen wie ledrige Seesterne, Gladiolen in allen Farben und fast so hoch wie wir – und einen uralten, sehr großen Affenbrotbaum. Der wirkte wie der afrikanischen Steppe entrissen, ein richtiger Baum mit elefantenartigem Stamm, und wir sammelten seine abgefallenen Blätter, weil sie so schön silbrig glitzerten.

Eingedenk meiner Großmutter, die mir die Liebe zur Botanik vermittelt hat, habe ich heuer eine ihrer liebsten Pflanzen erstmalig wieder aufleben lassen: das gute alte Löwenmäulchen. Im Vorübergehen aus einer Laune heraus als Pflänzchensortiment im Frühling gekauft und in strammer Truppe in einen Trog gebettet haben sie sich gut entwickelt und blühen seit Wochen in Regenbogenfarben. In England heißen sie Snapdragon, Schnappdrachen. Sehr schön. Im Gegensatz zu früher, als wir ungeniert die Blüten pflückten, um das Mäulchen durch Quetschen zum Schnappen zu bringen, quetsche ich nur die abgefallenen Blüten. Sie schnappen wie eh und je.

In warmen Gegenden ist das Große Löwenmaul Antirrhinum majus sogar winterhart. Bis zu minus sieben Grad verträgt es, und wenn die Staudenpflanze den Winter überlebt, wächst es im Folgejahr noch größer und üppiger.  Jetzt im Hochsommer braucht die altmodische Bauerngartenpflanze von allem möglichst viel: Sonne, Wasser, Dünger. Die Löwenmäulchen sind aus­gesprochen durstig, deshalb wachsen sie hier ausschließlich in großen Gefäßen. Im Dürregarten hätten die Armen kaum Überlebenschancen.

Doch wenn Sie in feuchteren Gegenden gärtnern, ist die Pflanze eine dauerblühende Zier in jedem Blumenbeet, und auch wenn sie im Winter doch erfrieren sollte, so wirft sie dem Vernehmen nach genug Samen ab, um im Folgejahr wiederzukehren. Die Sämereien sind Kaltkeimer, sie brauchen also eine Kältephase, um austreiben zu können. Wer sie erntet, muss sie vor der Aussaat entweder eine Zeitlang leicht angefeuchtet in den Kühlschrank legen oder früh im Jahr im Freiland oder im Kistchen ausstreuen.

Noch eine Lieblingspflanze hatte meine Großmutter, und das waren ihre Petunien in den Balkonkistchen. An denen zupfte sie oft liebevoll herum, und wir Mädchen pflückten die Trichterblüten ungeniert ab und steckten sie hinters Ohr. Für ein paar Minuten waren wir dann Südseeschönheiten mit aufgeschundenen Knien und feriendreckigen Fingernägeln, bevor die Blüten in Windeseile verwelkten. Ich glaube, die setzte ich nächstes Jahr auch.

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