Salzburger Festspiele

Mit Musik über die letzte Schwelle

Das Klangforum Wien unter Ilan Volkov mit Sopranistin Katrien Baerts.
Das Klangforum Wien unter Ilan Volkov mit Sopranistin Katrien Baerts.© Marco Borrelli
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Das Klangforum Wien, Sopranistin Katrien Baerts und Ilan Volkov am Pult mit Musik von Gubaidulina und Grisey sowie Derek Jarmans letzter Film „Blue“: Grenzüberschreitungen bei der Ouverture spirituelle.

Brauchen Festspiele Opulenz? Nein – auch wenn sie gerade in Salzburg selbstverständlich erscheinen mag, im Gesamterlebnis von Stadt, Spielorten und Programm. „Die Zeit ist aus den Fugen“, lautet diesmal das dem „Hamlet“ entnommene Motto, und nicht nur Verdis Shakespeare-Opern „Macbeth“ und „Falstaff“, sondern auch Mozarts „Figaro“ werden wohl aus diesem Blickwinkel neu betrachtet. Von Martinůs 1961 uraufgeführter „Griechischer Passion“ ganz zu schweigen, wo durch ankommende Flüchtlinge der christliche Anstrich einer Dorfgemeinschaft abblättert. Bei all den volatilen Verhältnissen, den Machtkämpfen, politischen Ränkespielen und sozialen Umbrüchen, liegt die Frage nach dem nahe, was über Welt und Zeit stehen könnte. „Lux aeterna“ ist Thema der Ouverture spirituelle, das ewige Licht, das den Verstorbenen leuchten möge. Es gehört zu den größten Vorzügen von Salzburgs sakraler Auftaktwoche, zu der ja immer auch die Premiere oder Wiederaufnahme des „Jedermann“ zu zählen ist, dass sie im Zusammenwirken von Alter und Neuer Musik – punktuell sogar darüber hinaus – über ewige Fragen nachdenkt und künstlerische Antworten, Vermutungen sowie auch eingestandenes Unwissen dazu bietet.

Zum Beispiel über die letzte Schwelle. Und da darf es gerne auch karg werden, reduziert in den Mitteln: Wenn Alexander Bauer an der Orgel der Kollegienkirche mit nur halb gezogenen Registern Vierteltonschwebungen in Giacinto Scelsis „In nomine lucis“ erkundet, kommt die Musik der Suche nach einer Grenze gleich. Gérard Griseys wehmütige „Quatre chants pour franchir le seuil“ haben sich seit der Uraufführung zu einem Repertoirestück der Gegenwart entwickelt. Die Sopranistin Katrien Baerts und das Klangforum Wien unter Ilan Volkov haben daran mitgearbeitet und sind also mit dem Werk bestens vertraut: mit dessen Verletzlichkeit ebenso wie mit seinen mystischen Aufwallungen – und zuletzt dem wiegenliedartigen Abschied.

Eine blaue Leinwand: die letzte Farbe, die Jarman noch erkennen konnte

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