"Modern Family": Dynastie mit schwulem Paar

Modern Family Dynastie schwulem
Modern Family Dynastie schwulem c Chris Pizzello Invision AP Chris Pizzello
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Wie kann man leben, wie darf man leben? Serien bilden verschiedene Familienmodelle ab. Im Mittelpunkt stehen Dynastien, Patchworkfamilien oder auch - wie in "Modern Family" - schwule Eltern.

Wer erinnert sich nicht an ihn: An Al Bundy, diesen hoffnungslosen Schuhverkäufer, der mit seiner Frau Peggy und den beiden missratenen Kindern über zehn Jahre hinweg das heitere Zerrbild des trauten Heims abgab. So dysfunktional war eine Fernsehfamilie selten: Mit Zigarettenkippen gewürzten Fertigfraß gab es dort statt Hausmannskost, Fernsehen statt Brettspiel, gereizte Resignation statt Aufstiegswillen. So geht das doch nicht! Aber sicher, sagte die „Schrecklich nette Familie“: Lasst uns gefälligst in Ruhe mit eurem Idyll.


Adoptiertes Mädchen aus Vietnam.
Fünfzehn Jahre später ist Ed O'Neill, der Darsteller des Al Bundy, erneut in der Rolle eines Familienoberhaupts zu sehen: Aber wie hat er sich verändert! In der bei uns auf RTL nitro gezeigten Serie „Modern Family“ spielt er einen erfolgreichen Geschäftsmann, so erfolgreich, dass er eher zum Vergnügen hin und wieder der Firma einen Besuch abstattet. Seine restliche Zeit verbringt er auf dem Golfplatz oder zu Hause bei seiner zweiten Frau. Die ist deutlich jünger als er, deutlich temperamentvoller, stammt aus Kolumbien und hat einen Buben mit in die Ehe gebracht, der für feinen Zwirn und Poesie schwärmt. Doch damit nicht genug: Aus erster Ehe hat Jay Prichett, so heißt der Patriarch, noch zwei erwachsene Kinder, die ihrerseits wieder Kinder haben. Es ist eine richtige Dynastie, auch wenn sie sich ein bisschen anders zusammensetzt als gewohnt: Der Sohn ist nämlich schwul, und er hat mit seinem Partner, einem dicklichen Musiklehrer mit Vorliebe für auffallende Hemden, ein vietnamesisches Mädchen adoptiert.

Man muss nicht gleich Ideologie dahinter vermuten, nicht die Ablehnung des Modells Mutter-Vater-Kind, wenn Serien nicht-traditionelle Familienmodelle explorieren. Es geht oft vor allem um ungewohnte Szenarien. Serien zeigen den Alltag von Alleinerzieherinnen („Wer ist hier der Boss?“) oder von Patchworkfamilien („Eine starke Familie“), sie führen vor, dass das Familienleben nach einer Scheidung weitergehen kann („Gary Unmarried“, „Christine“) und dass – wie eben in „Modern Family“ – schwule Paare als Eltern die gleichen Probleme zu lösen haben wie wir alle. Aber dazu eben auch noch ein paar ganz spezielle: Die meisten Mädchen durchleben ja eine Phase, in der sie den Papa heiraten möchten. Aber was, wenn es gleich zwei Papas gibt?

Ungewohnte Situationen bedeuten auch ungewohnte Situationskomik. Aber auch wenn die Entscheidung für die Darstellung eines schwulen Paares der Lust an Hawaiihemden und affektierten Handbewegungen geschuldet sein mag: Serien wie „Modern Family“ fördern eine vorurteilslose Sicht der Dinge. Viel ist diesbezüglich über die „Bill Cosby Show“ geschrieben worden: „Es ist leicht, die Schwarzen abstrakt zu hassen, aber es wird ein bisschen schwieriger, wenn man in Cliff Huxtables Haus war und er dich zum Lachen gebracht hat und du deine Familie in seiner erkannt hast“, meinte etwa der Kolumnist Leonard Pitts.

So funktioniert auch „Modern Family“: Schließlich erleiden Mitchell und Cameron stellvertretend die Sorgen einer typischen Mittelstandsfamilie: Da wird um einen Platz in der richtigen Vorschule gerungen, da heißt es, den neuesten pädagogischen Schrei („Wir sagen zu unseren Kindern nicht Nein“) nicht allzu ernst zu nehmen – und cool zu reagieren, wenn die Kleine ein Four-Letter-Word ausprobiert.


Der Makler und die Hausfrau. Für jene, denen das Paar Jay/Gloria zu multikulti und das Paar Mitchell/Cameron zu schwul ist, gibt es noch die dritte Kleinfamilie im Bunde dieser Dynastie: Jays Tochter Claire ist Mutter dreier Kinder und Hausfrau, ihr Mann Phil ist Makler – und auch die Zeichnung der Charaktere entspricht absolut dem Familienserien-Standardmodell: Der Mann ist ein Träumer, der seine Lebensweisheiten ungern am Leben misst. Sie ist die patente Familienmanagerin, die ob all der Verantwortung, die auf ihren schmalen Schultern lastet, manchmal etwas überspannt erscheint.

Da versteht man auch, dass nicht nur Barack Obama erklärt hat, „Modern Family“ sei jene Serie, die er am liebsten mit seinen Kindern schaut – sondern auch Mitt Romney.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)

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