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Einzelkinder: Geboren für Reihe eins

Geboren fuer Reihe eins
Satrec AP LIPTNITZKI
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Erich Kästner und Jean Paul Sartre, Robert Musil und Elfriede Jelinek – viele berühmte Schriftsteller, Astronauten und Journalisten sind Einzelkinder. Sie erzählen uns von ihren guten und schlechten Erfahrungen.

Einzelkinder sind nicht mehr oder weniger berühmt als Geschwisterkinder. Wer das behauptet, ist so ernst zu nehmen wie einer, der mit Marilyn Monroe, Marlene Dietrich und Madonna zu beweisen versucht, dass nur blonde Frauen Karriere im Showbiz machen. So wie auch braunhaarige Schauspielerinnen und schwarzhaarige Sängerinnen Erfolg haben, so werden auch Zweitgeborene oder Nesthäkchen berühmte Autoren, Regisseure oder Wissenschaftler. Trotzdem fallen Einzelkinder gerade in der Literatur häufig auf – zumindest dann, wenn sie wie Elfriede Jelinek darüber schreiben.
Eine kleine Umfrage unter Feuilletonkollegen ergab, welches das berühmteste Einzelkind unter den berühmten Einzelkindern ist: Jean-Paul Sartre. Der Existenzialist galt sein Leben lang als „typisches Einzelkind“. In seiner 1964 erschienenen autobiografischen Schrift „Les Mots“ („Wörter“) erinnert er sich an seine Kindheit: „Es genügt, dass ich eine Tür aufmache, um selbst das Gefühl zu haben, ich vollzöge eine Erscheinung.“ Doch Sartre ist nicht nur Einzelkind, er ist vaterlos und wächst mit seiner Mutter Anne-Marie bei deren Vater Charles, also seinem Opa, auf. Ein promovierter Deutschlehrer, den seine eigenen Kinder langweilten, der aber den Enkel abgöttisch liebt. Abgeschottet von der Außenwelt erlebt Sartre seine Kindheit als permanente Berufung zum Wunderkind.

Die dominante Mutter. Eine Kindheit allein mit der Mutter oder zumindest stark geprägt durch die Mutter erlebten auffallend viele spätere berühmte Schriftsteller: Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa litt sehr unter der strengen Hand ihrer Mutter, die sie zur Hochbegabung drillte, was Jelinek in ihrem Roman „Die Klavierspielerin“ verarbeitete. Die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wuchs als Einzelkind bei den Großeltern auf, ihre junge Mutter war für sie eher wie eine Schwester – doch für Schwarzer war, wie in ihrer 2011 erschienenen Autobiografie „Lebenslauf“ zu lesen ist, das Dasein als Solokind überhaupt kein Problem.
Einzelkind war auch Erich Kästner. Und Robert Musil, den das nicht hinderte, in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ eine erotische Geschwisterliebe zwischen Ulrich und Agathe zu beschreiben. Auch der vorletzte Literaturnobelpreisträger, der Lyriker Tomas Tranströmer, ist Einzelkind, was die Theorie unterstreicht, dass Kinder ohne Geschwister häufig in schreibenden oder wissenschaftlichen Berufen landen, weil sie sich allein beschäftigen müssen und früh eine Vorliebe für Lesen und Schreiben entwickeln.

Von Elvis bis Heike Makatsch. Natürlich finden sich auch außerhalb der Literatur berühmte Solokinder: Staatsmänner wie Alexander der Große, Franklin D. Roosevelt, Jimmy Carter, Wissenschaftler wie der österreichische Physiker Erwin Schrödinger, Stars wie Elvis Presley. Die Schauspielerin Heike Makatsch schrieb in einem Essay für das Magazin „Neon“: „Alles, was ich während meines Heranwachsens getan habe, geschah unter genauer Observation meiner Eltern. Meinen Exklusivstatus hätte ich gerne für einen unprätentiösen Platz in einem größeren Familienverbund aufgegeben.“ Eine andere öffentliche Person, die Chefin der Bayreuther Festspiele Katharina Wagner, wiederum hat ihre Kindheit offenbar genossen: „Ich wurde als Kind ganz normal behandelt, war aber als Einzelkind viel unter Erwachsenen, das fand ich nicht befremdlich. Eher fand ich es eigenartig, unter Kindern zu sein.“

Einzelkinder im Weltall. Eine wirklich amüsante Häufung von Einzelkindern gab es in den 1960er-Jahren in der Nasa. Gleich alle drei Besatzungsmitglieder der Apollo 8 waren Solokinder, was die „New York Times“ 1968 zu folgender Überschrift veranlasste: „Each Astronaut is an Only Child.“ Und tatsächlich waren 21 von 23 Apollo-Astronauten Einzelkinder. William Anders, eines der Apollo-8-Mitglieder, sagte damals: „Ich glaube, ich wäre nicht da, wo ich heute stehe, wenn ich kein Einzelkind wäre.“ Die „New York Times“ resümierte damals: Einzelkinder wollen besonders hoch hinaus – und die meisten von ihnen würden das auch schaffen.

Geschwisterhass. Übrigens auch Geschwisterkinder lassen uns an ihren Erfahrungen mit ihren Brüdern und Schwestern teilhaben. Wie „Die Zeit“ 2011 erinnerte, beschrieb Regisseur Ingmar Bergman, zweites von drei Kindern, die Geburt seiner jüngeren Schwester so: „Eine fette, missgestaltete Person spielt plötzlich die Hauptrolle. Ich werde aus dem Bette meiner Mutter vertrieben, mein Vater strahlt angesichts des brüllenden Bündels".

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)