Und darum moralinsauer und lustfeindlich – sagen just jene alte Herren, die mir früher das Pfeifen auf der Straße verbieten wollten.
Also wirklich, sagten die alten Herren meiner Jugend: Mit Jeans geht man doch nicht ins Theater! Und pfeifen auf der Straße, meine Liebe, das gehört sich nicht für eine junge Dame. Mädchen, die pfeifen, und Hennen die krähen, denen soll man beizeiten den Kragen umdrehen, sagten sie. Und diese Worte da aus Ihrem Mund, nein, diese Worte! Wer hat Ihnen denn diese unschicklichen Worte beigebracht?
Nein, das hat mich nicht gestört, das waren halt die alten Herren, man konnte sie leicht ignorieren, ihre Zeit war vorbei, da mochten sie noch so heftig den Kopf schütteln über die kurzen Röcke und bauchfreien Tops der Mädchen, die Mädchen lachten und bliesen Rauchkringel in die Luft.
Auf der Straße rauchen, pfui Teufel!
Gutmensch, ich. Wann ist es passiert, dass ich eine „moralinsaure Tugendwächterin“ geworden bin? Dass ich mir sagen lassen muss, ich wolle alles verbieten, was Spaß macht, das Rauchen in Restaurants und die Plastiksackerln, das Wort Negerkönig im Kinderbuch und die freie Meinungsäußerung. Meinungsterror übe ich aus, wenn ich finde, dass die Zeile „Wir mischen auf im Frauenhaus, wir peitschen die Emanzen aus“ sexistisch ist und nicht subventioniert werden sollte. Verklemmt bin ich, weil ich unbelehrbar auf dem Unterschied zwischen Flirt und Belästigung beharre.
Und das alles sagen mir dieselben alten Herren, die mir das Pfeifen verbieten wollten, sie fühlen sich wieder jung, immerhin sind sie plötzlich mitten im Zeitgeist angekommen: Zum Wegweiserecht erklären sie, dass der Staat – Verbotskultur! – sich dauernd in Sachen einmische, die ihn nichts angehe, zum Thema Sexismus meinen sie, dass man sie, die Männer, zensuriere. Und Neger? Das komme aus dem Lateinischen und bedeute einfach nur „schwarz“ – wer will ihnen verbieten, einen Schwarzen schwarz zu nennen?
Guten Tag, Frau Doktor. Und die anderen? Nein, nein, versichern sie, sie seien keineswegs Gutmenschen, sie fänden nur diese Art von Humor blöd. Nein, es gehe ihnen nicht um politische Korrektheit – sie störe nur dieser Mangel an „Originalität“. Ich aber bleibe weiter ganz bieder politisch korrekt, nenne Menschen so, wie sie genannt werden wollen, sage Schwarze statt Neger, Geflüchtete statt Flüchtlinge, wenn sie das lieber haben, so wie ich auch zur Zahnarztgattin aus dem Nachbarhaus Frau Doktor sage, obwohl sie gar keinen Titel hat. Weil es sie freut, weil es leicht geht und weil man darum kein Aufhebens machen muss.
Und wenn Sie auf der Straße eine 44-jährige Frau sehen sollten, die singt und pfeift – dann bin das ich.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2013)