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Preise für politisch aktiviertes Kino

Preise fuer politisch aktiviertes
c REUTERS TOBIAS SCHWARZ
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Die Auswahl der Filme für den Wettbewerb war allzu bieder. Trotzdem erfreuen die Ehrungen für Themen, Produktionsländer abseits des Mainstreams: Bosnien, Rumänien, Iran.

Es sind wichtige und richtige Impulse, die mit den Bären-Trophäen in Filmproduktionsländer wie Bosnien und Herzegowina, Rumänien oder den Iran geschickt werden, zumal die ausgezeichneten Filme gegenöffentlich bis systemkritisch gestimmt sind. Für das Kino selbst, das potenziell radikalste und unmittelbarste aller Kunstmedien, bedeuten diese Preise allerdings nichts. Weil schon allein die Wettbewerbsselektion der Berlinale so bieder wie zweckgesteuert daherkommt, hat die Jury unter dem Vorsitz des Hongkong-Regisseurs Wong Kar-wai eben auch nur daraus den besten Film wählen können.

Die Entscheidung fiel auf „Child's Pose“, einen rumänischen Erstlingsfilm von Calin Peter Netzer, jetzt Gewinner des Goldenen Bären. Es ist ein Triumph des Mittelstands. Die Malaise in postsozialistischen Gesellschaften illustriert „Child's Pose“ anhand des minutiös rekonstruierten Protokolls eines Familienkonflikts. Cornelia hat zu viel Geld: Mit Kreditkarten fuchtelnd versucht sie ihrem leeren Dasein Essenz zu verleihen. Aber schon allein die Entfremdung von ihrem durchs Leben taumelnden Sohn zeigt, wie weit sie sich von jedwedem wahrhaftigen Gefühl entfernt hat. Als der dann eines Nachts mit seinem Auto ein Kind überfährt, sieht Cornelia eine Gelegenheit, tätig zu werden, wieder relevant zu sein. Sie versucht, ihrem Sohn zu helfen; und zwar mit dem Mittel, das in ihrer Welt immer alles gelöst hat: Geld. Ihr Lauf durch die verschiedenen Institutionen, Polizeistationen und Gerichte wird zu einem intelligenten, semidokumentarisch inszenierten Paradebeispiel für die Käuflichkeit eines Systems, das den moralethischen Wertekatalog aushöhlt.

Ulrich Seidls Trilogie ging leider leer aus

Stärker als in den vorigen Jahren definieren die heurigen Jurypreise die Berlinale als Festival des politisch aktivierten Kinos: Gleich zwei Trophäen gingen etwa an das Drama „An Episode in the Life of an Iron Picker“. Danis Tanović, der für sein Kriegsdrama „No Man's Land“ mit dem Oscar ausgezeichnet worden ist, inszeniert darin den harten Alltag einer Roma-Familie aus Bosnien und Herzegowina. Abseits von allem, unsichtbar für jeden, nimmt der Vater Autos auseinander, während die Mutter kocht und sich um die Kinder kümmert. Als sich der Gesundheitszustand der schwangeren Frau rapide verschlechtert, droht das unbarmherzige Sozialsystem die Familie unter sich zu begraben. Tanović begleitet seine Laiendarsteller, die, wenn man so will, eine Dramatisierung ihres Lebens nachspielen, auf Augenhöhe, umrahmt die Geschichte allerdings auch mit stattlichen Bildern. Für seine Leistung wurde der Regisseur mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, Nazif Mujic erhielt den Silbernen Bär für den besten Hauptdarsteller. Auch andere politisch pressierende (und erschütternde) Erzählungen bekamen eine Trophäe überreicht: zum Beispiel „Closed Curtain“, der jüngste Film des im Iran unter Hausarrest stehenden Systemgegners Jafar Panahi, den er mit Kamboziya Partovi inszeniert hat und der mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet worden ist.

Erzählt wird, elliptisch und gar nicht mal so dezent allegorisch, von zwei Flüchtigen: Weil er verbotenerweise einen als unrein geltenden Hund hält und sie an einer illegalen Strandparty teilgenommen hat, verbarrikadieren sich beide in einer Villa. Dort zieht Panahi den Vorhang zurück, gibt sich zu erkennen und den Blick frei auf den Wahnwitz seiner Situation. Aber auch ein leichterer Stoff hat die Weihen der Jury erfahren: Der US-Filmemacher David Gordon Green wurde für seine wunderbar entspannte Männerfreundschaftsminiatur „Prince Avalanche“ als bester Regisseur geehrt. Der österreichische Wettbewerbsbeitrag, Ulrich Seidls Trilogie-Abschluss „Paradies: Hoffnung“, ging hingegen leider leer aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2013)